Peter Neumann

Nach neuesten Erkenntnissen des Terrorismus-Forschers Peter Neumann hat sich das Gesicht des IS-Terrors 15 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September verändert. Inzwischen gebe es einen „europäischen Dschihadismus“, sagte Neumann vor der Fraktion der Grünen im Düsseldorfer Landtag, wie das Portal „Der Westen“ am Dienstag berichtete. Rund 20 Prozent der deutschen Syrienkämpfer seien Konvertiten, also Menschen, die zum Islam übergetreten seien. Und mittlerweile seien etwa 20 Prozent der Dschihadisten, die aus Deutschland in das IS-Gebiet gehen, Frauen.

Laut den Informationen, die das Bundeskriminalamt über deutsche Dschihadisten in Syrien habe, handele es sich mehrheitlich um völlig desillusionierte junge Menschen, so Neumann weiter. Von den rund 700 den Sicherheitsbehörden bekannten deutschen islamistischen Syrien-Kämpfern seien zwei Drittel durch Straftaten aufgefallen, ein Viertel arbeitslos, und es seien nur zwei Personen unter ihnen, die einen Studienabschluss haben.

Perspektivlosigkeit und soziale Probleme würden den Nährboden dafür bereiten, dass junge Leute von den Dschihadisten erreicht werden, betonte der Direktor des „Internationalen Zentrums für die Erforschung der Radikalisierung“ am Londoner King’s College. Die Terroristen böten ihnen Struktur und Orientierung; die Jugendlichen erführen Bedeutung und Gemeinschaft und erhielten eine starke Identität. Die charismatischen Anführer würden erst später religiöse Aspekte ansprechen und zuvor eher Konzepte von Sozialarbeitern kopieren und einsetzen: „Es braucht Sozialarbeiter mit demokratischer Mission, die diesen jungen Menschen ein Gefühl des Dazugehörens vermitteln“, sagte Neumann.

Zugleich warnte er vor einer deutlich erhöhten Terrorgefahr in Deutschland und Europa, wenn der IS in Syrien und im Irak besiegt sei: „Dann werden sich die gewaltbereiten Terroristen neu orientieren.“

Wie stark ist der IS noch?

Derzeit sieht es tatsächlich danach aus, dass ein – zumindest militärischer – Sieg über den IS bald in greifbare Nähe rücken könnte. Die Terrormiliz, gegen die eine von den USA angeführte internationale Gemeinschaft kämpft, kontrolliert heute immer noch Teile des Iraks und Syriens und agiert dabei wie ein echter Staat. Das unterscheidet sie von anderen Terrorgruppen. Die Extremisten sprechen Recht auf Grundlage einer radikalen Lesart der Scharia, der islamischen Rechtssprechung. Sie haben aber auch ein Kabinett mit zahlreichen Fachräten. Das Herrschaftsgebiet des IS ist in 18 Provinzen aufgeteilt.

Im Sommer 2014 verkündete der vor gut zwei Wochen getötete IS-Propagandachef Abu Mohammed al-Adnani die Errichtung eines „Kalifats“ mit IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi an der Spitze. Die Terrorgruppe war zuvor in den Wirren des Irak-Krieges entstanden und aus einem Ableger des Terrornetzwerkes Al-Qaida hervorgegangen. Lange bekämpfte der IS-Vorläufer die US-Truppen im Land.

Es gibt unterschiedliche Schätzungen, wie viele Kämpfer der IS hat und wie viele davon aus dem Ausland kommen. Mitglieder der Terrormiliz stammen aus arabischen Ländern und dabei vor allem aus Tunesien, Saudi-Arabien, Libyen, Jordanien und Marokko sowie aus der Türkei. Doch auch aus Europa – unter anderem aus Deutschland – schlossen sich Tausende dem IS an.

Der Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King’s College meint, dass sich gegenwärtig noch die Hälfte der ehemals 30 000 ausländischen Dschihadisten von denen 5000 aus Europa stammen, in beiden Ländern aufhält. (Mit Material von dpa und kna)