Die Frage, was sie tun würden, müssten Sie in kürzester Zeit mit minimalem Gepäck für immer Ihr Haus verlassen, könnten Sie wahrscheinlich nur schwer beantworten. Doch Tausende von Griechen, die in Istanbul geboren wurden, mussten genau dies zu tun, als sie 1964 aus der Stadt vertrieben wurden.

Und nun beantwortet eine Ausstellung in Istanbul diese Frage für all ihre Besucher, die aus Anlass des 50. Jahrestages der Abschiebung von ungefähr 13 000 Istanbuler Griechen ausgestellt wird. Die Abschiebung wurde durch ein Dekret der türkischen Regierung vom 16. März 1964 veranlasst.

Die Ausstellung wird noch bis zum 30. März im Depo-Kunstraum des Istanbuler Stadtviertels Tophane gezeigt. „20 Dollar, 20 Kilogramm” lautet ihr Titel und zeigt den Besuchern das aus den Bahnen geworfene Leben und die verlorenen Hoffnungen der verbannten Istanbuler Griechen anhand einer Reihe von historischen Dokumenten, Stimmenaufzeichnungen, Denkanstößen, Nachrichtenberichten und Videoprojekten. Die Ausstellung wurde vom in Istanbul ansässigen Verband Babil in Zusammenarbeit mit der ökumenischen Vereinigung Constantinopolitans organisiert.

„Bei der Vorbereitung fokussierten wir uns darauf, bei einer so vielschichtigen und nicht sehr bekannten Tragödie weiter nachzuforschen und daran zu arbeiten. Als wir uns eine solche Tragödie zu ihrem 50. Jahrestag ins Gedächtnis zurückriefen, mussten wir auch die menschliche Seite daran hervorheben”, so Museumsdirektorin Hera Büyüktaşçıyan in einem Interview mit der Zeitung Sunday’s Zaman. „Unser Ziel ist es, Menschen, die nicht mit diesem Ereignis vertraut sind, dazu zu bewegen, sagen zu können: ‚Mir hätte so eine Tragödie auch passieren können’, und sich selbst in die Lage der verbannten Griechen hineinversetzen zu können. Außerdem war unser Ziel, eine Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu schaffen. ”

Mit den Verbannten des Jahres 1964 verschwand ein Teil von Istanbuls Seele

Unter den bedeutendsten Stücken, welche die Ausstellung nutzt, um ihr Ziel zu verfolgen, die Empathie der Besucher gegenüber den verbannten Griechen zu wecken, befinden sich alte Koffer. Die Museumsdirektorin meinte, die Koffer würden zu der Frage verleiten: „Was könnte ich in einen Koffer packen, wenn ich verbannt werden würde und nur 48 Stunden Zeit hätte, meinen Geburtsort zu verlassen? Meine Erinnerungen? Meine Nachbarn und Freunde? Die Schule und das Theater, das ich besuchte? Die Bosporusküste, an der ich an jedem Wochenende spazieren ging? Welches von all diesen Dingen?”

Die Antwort auf diese Frage ist keine der oben genannten. Die Besucher werden dies verstehen können, wenn sie den Geschichten der verbannten Griechen lauschen, die in den Stimmenaufzeichnungen und auf den Videos zu hören sind.

Eine dieser bewegenden Geschichten ist die von der Künstlerin Ivy Stangali, deren Gedanken über Istanbul, das Exil im Jahr 1964 und die Veränderungen in ihrem eigenen Leben auf einem Tonband zu hören sind. Stangali war eine der ersten Aktivistinnen der Künstlergruppe „Gruppe 10”, die 1947 von Studenten des türkischen Künstlers Bedri Rahmi Eyüboğlu gegründet worden war. In den Aufnahmen hört man sie sagen, dass sie im Jahr 1964 aus Istanbul „hinausgeschmissen” wurde, der Stadt, in der sie geboren worden und in der sie aufgewachsen war, in der sie mit der Gesellschaft durch ihre Kunst kommunizierte. „In Athen konnte ich nicht die Umgebung finden, die meine Kunst ausmachte, ich konnte mich nicht genug anpassen, um dort zu leben, ich hatte viele Schwierigkeiten”, so die Künstlerin.

Margarita Ludaru, eine weitere exilierte Griechin aus Istanbul, die von den Veranstaltern der Ausstellung interviewt worden war, sagte, dass sie Istanbul nicht verlassen wollte, als sie gezwungen wurde, nach Griechenland zu emigrieren und dass sie sich in der Stadt wohlgefühlt hatte.

„Das Exil im Jahr 1964… brach lebenslange Bindungen für die meisten der in Istanbul geborenen Griechen ab, die wir für die Ausstellung interviewten. Sie sagten, dass sie eine solche Entscheidung seitens der Regierung nicht erwartet hätten und dass es sehr lange dauerte, bis sie diese Situation akzeptieren konnten”, erklärte Museumsdirektorin Büyüktaşçıyan. „Bis heute noch ist die Erinnerung in den Gedanken der Verbannten so lebendig wie am ersten Tag. Viele von ihnen durchleiden Schmerz und eine Sehnsucht, die von dem Verlust des vertrauten Lebens verblieb. Und diese geht weit über den finanziellen und materiellen Verlust hinaus.”

Mit den Verbannten des Jahres 1964 verschwand ein Teil von Istanbuls Seele

Die Ausstellung vermittelt die Botschaft, dass im Jahr 1964 nicht nur ca. 13 000 in Istanbul geborene Griechen ins Exil geschickt wurden. Ein weiterer Aspekt auf den die Ausstellung hinweist ist, dass ein Teil von Istanbuls Seele verloren ging, wie in einem Artikel steht, der auf einer Wand im Rahmen der Ausstellung beleuchtet wird. Tausende Menschen verschiedener Nationalitäten, einschließlich der Familien der 13 000 Istanbuler Griechen, waren ebenfalls Teil der Abschiebung und ca. 40 000 Griechen insgesamt verließen die Türkei innerhalb von wenigen Monaten. Die Griechen nennen diese Tragödie „Apelasis”. Der Artikel bezieht sich ebenfalls auf die Tatsache, dass die verbannten Menschen keine Verbindung mit dem Land, in das sie übersiedeln mussten, hatten, außer dass sie auch Griechen waren.

Eine weitere Wand bei der Ausstellung ist den Namen von 2000 der Istanbuler Griechen gewidmet, die 1964 verbannt wurden. Die Museumsdirektorin erklärte, man habe, indem die Namen auf die Wand geschrieben wurden, versucht, diese Menschen auf einem alternativen Weg zurück in die Stadt zu bringen. Dies steht im Gegensatz zur realen Situation, dass die meisten von ihnen nicht nach Istanbul zurück können. „Als die in Istanbul geborenen Griechen im Jahr 1964 nach Athen emigrierten, erlebten sie einen Entfremdungsprozess und mussten ihr Leben von neuem beginnen, indem sie versuchten, all ihre Trauer hinter sich zu lassen”, berichtete die Museumsdirektorin. Eine der Exilierten bemerkte, dass sie in Griechenland als „türkisches Saatgut” und in Istanbul als „Ungläubige” ausgegrenzt wurde.

Die Ausstellung zeigt ebenfalls, wie die exilierten Menschen in den Medien jener Zeit falsch verdächtigt und verleumdet wurden. Medienberichte sprechen von einigen dieser Griechen als Menschen, die sich an illegalen Aktivitäten beteiligt hätten, um die Abschiebung zu rechtfertigen.

„Um die Aufmerksamkeit auf solch ein unbekanntes Ereignis zu dessen 50. Jahrestag zu lenken und um über unsere Vergangenheit zu lernen, sie zu akzeptieren und unser Leben so weiterzuführen, dass wir daraus lernen. Wir müssen uns immer in Gedanken rufen, dass wir an erster Stelle alle Menschen sind und dass das wichtiger ist als die Ethnie und alles andere… Uns daran zu erinnern könnte dabei helfen, den Prozess zu beginnen, in dem man die Wunden der Vergangenheit begraben kann”, erklärte Büyüktaşçıyan.

„20 Dollar, 20 Kilogramm” soll auch in Ankara und Athen ausgestellt werden, doch noch steht dafür kein fester Termin fest. Eine internationale Konferenz mit dem Titel „Abschiebung von 1964: Ein Wendepunkt in der Homogenisierung der türkischen Gesellschaft” wird in der Istanbuler Bilgi-Universität vom 31. Oktober bis zum 1. November als Teil der Ausstellung stattfinden.