Das ist die Abendländerei – O Herr, mach uns gescheite!*
ARCHIV: Volker Kauder

Wenige Tage, nachdem die CDU auf ihrem Bundesparteitag zaghafte Signale in Richtung mehr Diversität ausgesandt hatte, hat sich Fraktionschef Volker Kauder aus Anlass der Veröffentlichung seines neuen Buches „Verfolgte Christen: Einsatz für die Religionsfreiheit” zu einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ eingefunden.

Dabei gab er jedoch nicht nur seiner Sorge um das Schicksal christlicher Minderheiten beispielsweise in Ägypten Ausdruck, wo die unübersichtliche Situation rund um die Verfassungsdebatte und die gewalttätigen Ausschreitungen in den Städten tatsächlich auch negative Auswirkung für das Zusammenleben zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen befürchten lassen.

Kauder glänzte einmal mehr mit sehr eigenwilligen theologischen und historischen Exegesen, die bei nicht wenigen politischen Beobachtern die Frage aufkommen lassen, ob die Aufstockung des Anteils von Bundesvorstandsmitgliedern mit Migrationshintergrund nicht nur ein Alibi für weitere kulturalistische Ausgrenzungspolitik darstellen könnte, wie man sie von der CDU seit Jahr und Tag gewohnt ist.

Einmal mehr spielt Kauder das alte Land der Abendländerei, zu dem heute noch gerade in christlich-konservativen Kreisen gerne getanzt wird und um das sich die Mythen von der „christlich-jüdischen Tradition“ Europas ranken – die in der Realität vor allem für den jüdischen Part von der Spätantike bis in die Neuzeit Sondersteuern, Erwerbs- und Berufsverbote, feudale Deklassierung, Pogrome, Ghettoisierung, Ritualmordlegenden, Kampagnen gegen die „Wucherjuden“ oder staatlich organisierten Mord bedeuteten. Und nach der viel gerühmten „Aufklärung“, zu deren Bannerträger man sich gerne erhebt, wenn es der Abgrenzung gegen Muslime dient, wurde diese Rollenverteilung eben unter säkularen Vorzeichen fortgesetzt.

Haben die Messianiker Deutschlands Antlitz geprägt?

„Der Gott, der die Mütter und Väter des Grundgesetzes leitete, war der Gott der Christen und der Juden“, doziert Kauder, „Muslime waren an der Erarbeitung des Grundgesetzes nicht beteiligt. Deutschland ist auch nach wie vor vom christlich-jüdischen Glauben und der Aufklärung geprägt.“
Es wäre natürlich interessant, zu erfahren, woraus sich dieser ominöse „christlich-jüdische Glaube“ denn zusammensetzt – so wie Juden im Regelfall „Messianiker“ nicht mehr als Glaubensgeschwister betrachten, sind die meisten christlichen Gemeinschaften nach derzeitigem Erkenntnisstand von der Trinitätslehre und der Lehre vom Erlösertod Jesu Christi am Kreuz nicht abgerückt. Aber es hätte eigentlich ein Blick auf die Verfassung der USA genügt, um zu bemerken, dass ein Gottesbezug in einer modernen Verfassung nicht ein bestimmtes Gottesbild verkündigt, sondern nur aussagt, dass es Rechte gibt, die Menschen nicht erst durch staatliche Norm oder Gesellschaftsvertrag verliehen bekommen, sondern die gottgegeben und dadurch für den Staat nicht disponibel sind.

Wie auch immer: Gnädig, wie er ist, fügt Kauder an, „die Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland“.

Bloß mit dem Islam ist das so eine Sache. Dessen Anhängern will man, wahrscheinlich, da ihnen jener ominöse, von Kauder beschworene „christlich-jüdische Glaube“ nicht ganz geläufig ist, doch nicht so recht zutrauen, von selbst zu begreifen, was es mit einem modernen Verfassungsstaat und der Herrschaft des Rechts so auf sich haben mag.

Erfreulicherweise hilft Kauder auch hier weiter: „Bei uns gilt immer das staatliche Recht ohne Wenn und Aber. Das sagt, dass Frauen und Männer gleichzubehandeln sind – egal, wie man immer das islamische Recht interpretiert. Die Gleichbehandlung muss gelten. Eine Paralleljustiz dürften wir zum Beispiel nie dulden.“ Schade, dass nicht alle Muslime „Die Welt“ lesen. Denn woher sollen sie denn das alles nun wissen, wenn sie es nicht gerade von Kauder gesagt bekommen?

* frei nach Joseph von Eichendorff

Christian Rogler