Ich war letztens bei den Stadtwerken in Frankfurt am Main. Dort befindet sich auch die Judengasse. Es tummelten sich viele orthodoxe Juden, wobei ich einen anschaute, der meinen Blick erwiderte und ‚Schalom‘ sagte.

Ich sagte daraufhin ‚Salam‘ und wir begannen uns zu unterhalten. Er nannte sich David. Eigentlich aber hieße er Judas.

Diesen Namen dürfe er in Deutschland aber nicht führen, weil er nach aktuellem Recht verboten ist – obwohl wir doch in einem aufgeklärten, europäischen Land leben…

Ich sagte ihm, dass sie dennoch mehr Privilegien hätten als wir. Sie könnten sich anziehen, wie sie wollten, und auch sonst tun, was sie möchten, denn ihnen würde keiner mehr etwas entgegnen.

Er gab mir zu wissen, dass ja alle so über sie denken würden. Auch, dass sie Geld hätten und dementsprechend auch glücklich wären. Geld allein mache aber nicht glücklich.

Judas: „Wir waren immer die Sündenböcke“

„Es ist unser Schicksal gewesen, mein muslimischer Bruder. Wir wurden verdächtigt, man unterstellte uns alles Mögliche. Wir waren immer die Sündenböcke – ob im Falle Dreyfus, in der Geschichte mit den Ritualmorden oder jetzt mit den Arabern. Immer sind wir schuld an allem…

Und jetzt macht man uns sogar schuldig für die weltweite Rezession, unterstellt uns, dass wir alle Börsen der Welt in der Hand hätten.

Bruder, wir wurden gezwungen, mit Geld zu handeln – unsere Kultur des Umgangs mit Geld und Zinsen reicht halt länger zurück als die anderer Menschen.

Wir durften im Mittelalter kein Land besitzen nach dem Gesetzbuch der katholischen Kirche.

Der christliche Codex erlaubte uns vieles nicht.

Man hat uns immer verfolgt und wir haben gelernt, dass wir nur als Kollektiv bestehen können.

Und jetzt kreiden sie uns eben diesen Zusammenhalt an.

Es ist egal, was wir machen – es ist immer eine Sünde.

Sogar die Sünde soll unsere Erfindung gewesen sein: Nietzsche nannte es jüdisches Gefühl, jüdische Erfindung.“

Ich schaute Judas an und dachte mir nur: „Mein Gott. Und ich dachte, ich und meinesgleichen hätten als Gastarbeiter viel durchgemacht…“

Er erzählte mir, dass es hart sei, ein Jude zu sein.

Dies sei mitunter auch ein Grund, weshalb sie das Dasein als Jude als ein Privileg sehen und sagten, dass man kein Jude werden, sondern nur als solcher geboren werden könne.

Nicht Sprache macht die Integration

„Mein türkischer Bruder, ich weiß, euch werfen sie auch viel vor. Zum Beispiel die Sprache. Ihr würdet euch die deutsche Sprache nicht aneignen.

Das gleiche Problem hatten wir auch mal – wir sprachen jiddisch. Es ist eine Mischsprache aus Deutsch und Hebräisch. Man wechselt während des Sprechens – aber das ist kein Problem der Intelligenz oder der Integration, sondern vielmehr haben jüdische Soziologen bewiesen, dass nicht Sprache die Integration macht, sondern Integration zur Sprache verhilft.

Wenn man sich also in seiner Umgebung wohl fühlt, adaptiert man sich von selbst und nimmt alles an. Aber wenn man spürt, dass man nicht akzeptiert wird, dann wehrt man sich dagegen.“

Judas seufzte.

Ich hatte echt Respekt vor ihm.

Diese Stärke und dieses Schicksal, das unserem in nichts nachstand…

Er sagte zu mir:

„Bruder, ihr seid auch stark. Aber langsam denke ich, ihr gebt nach… Ich beobachte, dass ihr euch assimiliert und euch gegenseitig vorwerft, nicht europäisiert genug zu sein. Warum wollen deine Brüder die Europäisierung und nicht die Globalisierung? Ein Mensch der Welt zu sein ist doch besser, als ein Mensch Europas zu sein, oder?“

Ich nickte.

Er sprach weiter:

„Bruder, die Sonne scheint und es ist schön.

Wir kämpfen aus der Notwendigkeit des Seins heraus und ich könnte dir auch noch viel erzählen… Diese ganzen Vorwürfe, die Hexenverbrennungen, die Dolchstoßlegende und so weiter, aber lassen wir die Sonne scheinen und nehmen den Kampf auch gegen die Vorurteile und Verdrossenheit der Menschen auf.“

Ich schätzte mich glücklich, ihn kennengelernt zu haben und hatte nun viel mehr Respekt vor dem Judentum als ich ohnehin schon hatte.

Er fügte noch hinzu, dass Juden und Türken ein besonderes Verhältnis hätten, denn die Türken wären immer für sie da gewesen – sei es bei der sephardischen Diaspora im 15. Jahrhundert oder während des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Die Tore der Türken stünden für sie immer offen.

Bevor wir uns verabschiedeten, tauschten wir unsere Email-Adressen aus. Die Sonne schien dabei noch stärker als zuvor.