Çiçek Bacık, Gründerin des Literaturprojekts

„Ich war 17 Jahre alt, neun Jahre lebte ich schon mit meiner Familie im Schatten des Hinterhauses. Ich wohnte mit meinen Eltern, zwei Brüdern und einer Schwester in der Spandauer Neustadt. Mein Vater war 1973 aus der Türkei mit einem Koffer in der Hand nach Deutschland eingewandert. Er arbeitete in den ersten sieben Jahren in Baden-Württemberg. Die ersten vier Jahre im Straßenbau und danach in der Automobilindustrie. 1979 zog er nach Berlin, um bei Siemens im Akkord zu arbeiten. Dort war er in der Waschmaschinenabteilung beschäftigt und montierte Schläuche im Sitzen. Von der schweren körperlichen Arbeit gezeichnet unterzog er sich 1989 einer Bandscheibenoperation….“

Çiçek Bacık sitzt vor dem Mikrofon und liest aus ihrer Geschichte „Fenster am Hof“. Neben ihr werden Fotos mit dem Beamer auf eine Leinwand geworfen. Es sind Bilder von ihrer Familie, von ihrer Kindheit. Sie erzählt sehr private Geschichten ihrer Familie. Sie erzählt die Erinnerungen und Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Pubertät. Und das vor einem großen Publikum. Sie ist das Sprachrohr ihrer Eltern, die nicht über ihre Erfahrungen sprechen konnten, weil ihnen das Gefühl gegeben wurde, in diesem Land Fremde zu sein. Mit Ferda Ataman beschloss sie daher, dass diese Geschichten endlich reflektiert werden müssen.

„Immer wieder stelle ich fest, dass unsere Perspektive auf unser Leben in Deutschland kaum im öffentlichen Diskurs vertreten ist. In einer Zeit, in der die Öffentlichkeit permanent auf ethnische und religiöse Hintergründe hingelenkt wird, erscheint es uns umso wichtiger, die Debatte auf die konkrete Lebenswirklichkeit von Menschen mit Migrationserfahrung zu lenken, um gängige Überfremdungsrhetoriken ins Leere laufen zu lassen. Es geht darum sich von den herkömmlichen Diskursen zu befreien, sich zu emanzipieren. Wir schreiben gegen das Vergessen. Wir haben in diesem Land sehr viel Ausgrenzung in allen Ebenen des Lebens erfahren. Dennoch haben wir in diesem Land sehr viel erreicht“, so Çiçek Bacık zu DTJ.

Ein offenes multikulturelles Literaturprojekt

Dieses Bedürfnis war so stark, dass Çiçek Bacık und Ferda Ataman das Literaturprojekt „Daughters and Sons of Gastarbeiters“ ins Leben riefen. Von Beginn an ging es dabei nicht nur um die „typischen Gastarbeiter aus der Türkei“. Zu ihrer ersten Veranstaltung im Kreuzberger Wasserturm kamen 180 Gäste, die Geschichten von und über Kinder türkischer und griechischer Gastarbeiter sowie die Geschichte eines Arztsohnes aus dem ehemaligen Jugoslawien lauschen wollten. Denn „die Gastarbeiterbewegung stellt nur eine Facette der Einwanderung nach Deutschland dar. Unzählige Menschen sind übers Studium, Flucht oder Heiratsmigration etc. in dieses Land eingewandert. In unserer Plattform wollen wir diese biographische Vielfalt widerspiegeln und damit den Fokus auf das bunte Mosaik der deutschen Gesellschaft richten.“

Inzwischen erzählen weitere Literaten und Literatinnen mit serbischem, griechischem und südamerikanischem Hintergrund. Die Geschichten sind tragisch und regen zum Nachdenken an. Als ob die Scheidung der Eltern, die Schulzeit und die Pubertät nicht schon schlimm genug wären, kommen bei diesen Erzählungen Ausgrenzung und der Konflikt des Aufwachsens in zwei Kulturen noch hinzu. Viele Menschen mit ähnlichen Erfahrungen finden sich in den Geschichten wieder. Andere erschrecken und „stellen sich die Frage: ‚Waren wir wirklich so schlimm zu ihnen? Das war uns noch nicht so bewusst gewesen.‘ Es ist sehr wichtig, dass wir mit unseren Geschichten solche Fragen auslösen können und damit unserem Publikum einen Spiegel der Realität vorhalten. Wenn solche Fragen gestellt werden, dann haben wir mit unseren Geschichten schon viel erreicht.“

Eine Veranstaltung der Versöhnung

Am besten sind die Lesungen in Berlin besucht, da hier ein gutes Netzwerk der Autoren und Autorinnen besteht. In anderen Städten kann es passieren, dass nur wenige Gäste kommen. Da das Projekt nur von Ehrenamtlichen gestützt ist und finanzielle Mittel fehlen, kann es nicht groß beworben werden. Allerdings ist der Austausch bei kleinerem Publikum umso intensiver. Immer wieder kommen Menschen nach den Lesungen auf Çiçek Bacık zu und danken ihr für diese Initiative oder schwärmen „von einem Abend voller Humor und Liebe.“ Aber viele können es auch einfach nicht fassen, wie viel von Diskriminierung erzählt wird, wie viel Ausgrenzung die Autoren und Autorinnen erleben mussten und nach wie vor müssen. Mit dieser Veranstaltung sollen nicht nur Traumata überwunden werden, sie soll auch zeigen, „dass die Nachkommen der Gastarbeiter schon längst hier angekommen sind, ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden sind“ und eine Versöhnung anbieten wollen.

Inzwischen haben die „Daughters and Sons of Gastarbeiters“ 14 Lesungen absolviert. Ende 2015 bis Anfang 2016 waren sie auf Deutschlandtour und in Städten wie Berlin, Essen, Dortmund, Duisburg, Wiesbaden und Hamburg unterwegs. Neugierige müssen sich etwas gedulden. Die nächste Lesung findet erst am 09. November 2016 in Düsseldorf statt. Dafür haben die „Daughters and Sons of Gastarbeiters“ als Bureau X Kollektiv vor einem Monat ihr erstes Werk publiziert: „Daughters and Sons of Gastarbeiters – Zwölf Stories“.  Es liegt bei den Lesungen aus und ist in der Buchhandlung „Ebert und Weber“ in der Falckensteinstraße in Kreuzberg Berlin erhältlich. Als nächsten sollen 20 weitere Geschichten veröffentlicht werden, für die aktuell ein Verlag gesucht wird.