...denn es betraf mich ganz persönlich

Wenn unschuldige Menschen ihr Leben verlieren und wir als Unbeteiligte alles live mitverfolgen können, dann trifft uns das besonders hart. Über das Drama erfahren wir nicht erst am nächsten Tag in der Zeitung, nein, sondern mittlerweile direkt im Internet auf Twitter oder auf Youtube – nahezu zeitgleich. Es trifft uns, es verletzt uns, wir können es nicht verstehen. Als sich kürzlich das Attentat von Boston zutrug, löste das bei mir in besonderem Maße Entsetzen und Trauer aus. Gerade mal einen Monat war es her, dass ich selbst durch die Straßen von Boston gelaufen war, mich mit Freunden getroffen, gemeinsam gegessen und getrunken hatte. Mehr denn je war ich gezwungen, mich mit dem auseinanderzusetzen, was passiert war, denn es betraf mich persönlich.

Zum ersten Mal konfrontiert wurde ich mit solch einer Art von Gewalt, als 2011 in Oslo und auf Utoya in Norwegen mehr als siebzig Menschen durch den rechtsradikalen Amoklauf des Islamkritikers Andres Breivik getötet wurden. Ich war damals jünger, aber schon in einem Alter, das es mir ermöglichte, mich damit kritisch auseinanderzusetzen und ich stellte mir die Frage, die sich schon etliche Menschen vor mir gestellt haben mussten: Wie können Teilnehmer einer Gesellschaft so viele Unschuldige auf so grausame Art umbringen?

Nach den Bombenanschlägen in Boston entbrannten selbstverständlich sofort eine Diskussion in den internationalen Medien um Fragen der Sicherheitspolitik westlicher Staaten und die typischen Debatten rund um den internationalen Terrorismus. Diesmal aber war etwas anders: Die Tatsache, dass das Attentat von zwei Brüdern verübt wurde, die seit mehr als zehn Jahren ihren Lebensmittelpunkt in den USA hatten und – zumindest von außen und oberflächlich betrachtet– eingegliedert zu sein schienen, verwirrte alle. Zwangsläufig waren alle mit ganz anderen Fragen, die die Gesellschaft an sich betrafen, konfrontiert. Wie konnten zwei Brüder, zwei einfache Menschen, die in den USA lebten und arbeiteten, so etwas tun?

Schrittweise Radikalisierung

Tamerlan (26) und Dschohar (19) Zarnajew waren zwei junge Männer tschetschenischer Herkunft, die seit 2003 zusammen mit ihrer Familie in Boston lebten. Die Familie war 2002 aus Tschetschenien erst in Nachbarstaaten geflüchtet, um danach in die USA auszuwandern. Seitdem führten die beiden – oberflächlich betrachtet – ein ganz normales Leben in Massachusetts. Ohne viele Auffälligkeiten. Ohne viel Gewalt. Vor allem der jüngere von beiden, Dschohar, hatte viele Freunde in der Schule und später auf der Universität galt er als beliebter Medizinstudent. Ein gewöhnlicher Junge aus den USA. Es ist kaum zu glauben, dass er durch seine Tat drei Menschen getötet und 180 Menschen zum Teil schwer verletzt haben soll.

Tamerlan, der ältere Bruder, reiste allerdings in den letzten Jahren in die Heimat, unter anderem auch nach Dagestan, einen Nachbarstaat Tschetscheniens, der bei Islamisten in den letzten Jahren immer beliebter wurde. Außerdem wurde bekannt, dass er keine amerikanischen Freunde hatte. Er unterbrach sein Studium für einen Boxwettbewerb und hörte Songs eines tschetschenischen Sängers, der in seinen Liedern den Heiligen Krieg gegen Russland preist. Er rauchte nicht, trank nicht und ließ sich einen Bart wachsen. Seine Frau konvertierte zum Islam. Somit schien Tamerlan nahezu alle Kriterien und Klischees zu erfüllen, aus denen der Prototyp eines islamistischen Attentäters gezeichnet wird. Bis heute ist allerdings nicht klar, ob er aus religiös-radikalen Motiven handelte und ob es eine Einzeltat war oder ob es wohlmöglich Verbindungen zu terroristischen Netzwerken gab.

Nach derzeitigem Untersuchungsstand ergibt sich also ein kontroverses Bild. Obwohl Tamerlan und Dschohar einen nicht zu unterschätzenden Teil ihres Lebens sowie einige Jahre ihrer Jugend in nicht westlichen Ländern verbrachten, später dann aber in den USA weiterlebten, haben sich ganz andere Lebensläufe ergeben. Der eine ein Normalo und sein älterer Bruder ein sich radikalisierender Sonderling – am Ende haben aber, so scheint es, die beiden zusammen diese Tat geplant und durchgeführt.

Keine Garantie, dass ein „guter Bürger“ immer ein solcher bleiben wird

Es ist also unglaublich schwer, Strukturen zu entdecken oder zu bekämpfen. Weder können wir sagen, dass jeder, der einen Hang zu Kampfsportarten hat, islamischen Rap hört und sich einen Bart wachsen lässt, automatisch zum Attentäter wird. Noch ist es sicher, dass jeder Eingewanderte, der alle Ansprüche der Anpassung in eine Gesellschaft bestens erfüllt, studiert und viele Freunde hat, auch für immer ein „guter Bürger“ bleiben wird.

Was aber können wir für unsere Gesellschaften daraus folgern? Ganz sicher können wir aus diesen Gräueltaten, die glücklicherweise immer noch eine Ausnahme in unserem Alltag darstellen, etwas lernen.

Erstens: Wir müssen extrem achtsam sein, was Schubladendenken angeht. Es ist unglaublich einfach, Menschen in Gut und Böse einzuteilen. Insbesondere wenn uns Medien und Öffentlichkeit die Checkliste hierfür tagtäglich liefern. Das mag in der Theorie auch ganz gut funktionieren. Allerdings sind es genau solche extremen Ausnahmen, die uns die harte Realität näherbringen und uns zum Nachdenken bewegen sollten. Es gibt nicht den perfekt Angepassten oder den Aussteiger unter den Teilnehmern einer Gesellschaft. Ausnahmen bestätigen immer die Regel. Gesellschaftliche Partizipation und Konformität lässt sich sehr schwer über diese medial konstruierten Checklisten messen. Das hat uns auch Anders Breivik gezeigt.

Zweitens muss ganz klar gesagt werden, dass die Zeit der Naivität vorbei sein muss. Grausame Einzelfälle wie in den USA oder wie beispielsweise hier in Europa im Falle Breiviks oder der NSU-Mordserie machen uns sensibler für Gefährdungen des gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Wofür sich die Gesamtgesellschaft deshalb in Zukunft einsetzen sollte, ist, trotz der vielen brutalen Ausnahmen und Versäumnisse der Vergangenheit unsere gemeinsamen Werte weiter einzufordern und zu fördern:

Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit, mehr Zusammenhalt, mehr Transparenz, mehr Liebe und mehr Wir.

Um es mit den Worten eines norwegischen Mädchens, welches die Attentate auf der Insel Utoya in Norwegen überlebt hat, zu sagen: „Wenn ein einziger Mann so viel Grausamkeit ausstrahlen kann, bedenkt, wie viel Liebe wir zusammen ausstrahlen können.“

Autoreninfo: Gözde Böcü (23) ist Studentin und Reporterin und lebt seit über einem Jahrzehnt in Berlin. Sie studiert derzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einem Schwerpunkt in der Außen-und Sicherheitspolitik und internationalen Beziehungen. Neben dem Studium ist sie für verschiedene Zeitungen und Magazine als Reporterin und Fotojournalistin tätig. Nach einigen Jahren bei der Studierendenzeitung der Humboldt-Universität und dem deutsch-türkischen Stadtmagazin „Merhaba“ arbeitete sie unter anderem als Assistentin der renommierten türkischen Journalistin Nur Batur (Sabah). Als leidenschaftliche Fotografin porträtiert sie alles in und um Berlin und vor allem sich selbst. Gözde ist aktives Mitglied bei Typisch Deutsch e.V.