Der Christliche Herrscher, Islam, Negus, Auswanderung, Flüchtlinge
"Kairouan Mosque Stitched Panorama" by MAREK SZAREJKO from CLONMEL, IRELAND - POLAND - Tunisia. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Commons.

Die berühmteste Auswanderung/Flucht der Muslime zur Zeit des Propheten war jene aufgrund der Unterdrückung im eigenen Lande im Jahre 622. Die Muslime zu jener Zeit wurden von ihren Nächsten (Stammesmitglieder, heute auch Landsleute) aufgrund ihrer neuen Religion als Staatsfeinde, Häretiker und Gefahr bezeichnet und daraufhin stark gefoltert und unterdrückt. Darüber hinaus wurden die Muslime auch drei Jahre lang boykottiert, indem man mit ihnen keinen Kontakt pflegte und keinen Handel trieb, sodass sie stark eingeschränkt waren.

Somit waren die Muslime gezwungen, in ein sicheres Land zu fliehen, um dort ihre Religion ausüben zu können. Negus, der König von Äthiopien, rief die Muslime in sein Land und garantierte ihnen Recht auf Leben und Religionsfreiheit. Als die Feinde der Muslime erfuhren, dass dort Frieden herrschte, sandten sie Delegierte nach Äthiopien, um dem Herrscher unter anderem mit wirtschaftlichen und politischen Sanktionen zu drohen. Dieser aber sah keine Gefahr und nahm die Muslime auf.

Daraufhin wurde Negus, der christliche Herrscher, sowohl von Seiten der Muslime in Äthiopien, als auch der Muslime in Mekka, wie derzeit die Bundeskanzlerin Merkel auch, als Held gefeiert und aufgrund seiner aufrichtigen Handlung selbst im Koran gelobt:

„Und unter den Besitzern des Buches sind gewiss solche, die an Gott glauben und an das, was euch herabgesandt worden ist und was ihnen selbst herabgesandt worden ist. Sie demütigen sich voller Ehrfurcht vor Gott und verraten die Offenbarungen Gottes nicht für einen geringen Preis. Sie sind es, deren Lohn bei ihrem Herrn ist. Wahrlich, Gott ist schnell im Abrechnen.“ (3/199)

Ich habe mir zu diesem Ereignis unterschiedliche Korankommentare angeschaut. Mir ist aufgefallen, dass die klassischen Exegeten eher versuchen, die muslimische Seite des äthiopischen Königs, Negus, in den Vordergrund zu stellen. Moderne Exegeten wiederum konzentrieren sich eher auf das Ereignis und die Reaktion des Korans.

Überrascht hat mich die Auslegung des klassischen Exegeten Ibn Kaṯīr. Ihm zufolge ist dieser Vers eine Antwort an die Kritiker des Negus. Dieser Vers sei offenbart, um die Muslime zu ermutigen und für Negus und sein Land zu beten.

Flüchtlinge teilen das selbe Schicksal

Wenn ich die aktuelle Situation in Europa (ganz besonders in Deutschland) anschaue, sehe ich sehr viele Parallelen zur damaligen Zeit. Ähnlich wie damals wurden unschuldige Menschen gefoltert und unterdrückt. Der Hass der Feinde hat sie gezwungen, aus der eigenen Heimat zu fliehen, obwohl sie gern geblieben wären.

Die Flüchtlinge in Äthiopien hatten anfangs große Probleme, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Obwohl ihnen viele Möglichkeiten angeboten wurden, hatten sie dennoch neben den psychologischen Folgen der Unterdrückung im eigenen Lande, Heimweh und Angst um zurückgelassene Familienmitglieder. Die Gastbereitschaft und Umarmung der Äthiopier jedoch hat dafür gesorgt, dass die Muslime sich schnell integrierten und sich mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten in der Gesellschaft einbrachten.

Integrationsprobleme durch eine Willkommenskultur überwinden

Ich leite daraus ab, dass wir in Deutschland mit den aufgenommenen Flüchtlingen nur dann erfolgreich sein können, wenn wir sie herzlich behandeln und dafür sorgen, dass sie sich zu Hause fühlen. Die Bereitschaft, die bisher stattgefunden hat, sollte nie verloren gehen. Und wir sollten nie vergessen, dass diese Menschen aus einem Kriegsgebiet kommen und aus der eigenen Heimat vertrieben wurden. Sie werden üblicherweise in Deutschland Integrationsprobleme haben. Jedoch, je mehr Offenheit sie sehen, desto schneller klappt das gegenseitige Vertrauen.

Und selbst wenn die Äthiopier die Muslime damals bestens versorgt haben, haben die Muslime stets die Rückkehr in die eigene Heimat erwogen. Sie haben jeden Besucher aus Mekka ausgefragt, ob sich die Situation beruhigt hat und sie endlich zurück in die Heimat gehen können. Letzten Endes ist es ihnen Jahre später auch gelungen, nachdem die Unterdrücker im Lande nachgegeben und einem Friedensvertrag zugestimmt hatten.

Ich bin mir sicher, dass die Flüchtlinge, sich auf die Auslegung Ibn Kaṯīrs stützend, für dieses Land oder diese Länder beten werden – beten für eine bessere, friedvolle Zukunft im Land, ohne dass Menschen voreinander Angst haben müssen und einander in Frieden begegnen und kennenlernen können.

Übrigens: Die Bevölkerung Äthiopiens war vor der Flüchtlingsaufnahme nicht überzeugt. Doch nach dem sie die Erfahrung gemacht hatte, dass der gegenseitige Nutzen erst dann klappt, wenn man sich begegnet und akzeptiert, war sie über die Rückkehr der Muslime enttäuscht.

Foto: „Kairouan Mosque Stitched Panorama“ by MAREK SZAREJKO from CLONMEL, IRELAND – POLAND – Tunisia. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Commons.