MEINUNG In der islamischen Welt begann die Diskussion über die Legitimität von Terrorangriffen erstmals mit der Palästinafrage. Einige selbsternannte Gelehrte haben den palästinensischen Jugendlichen, die in ihrer Hoffnungslosigkeit gegen die Überlegenheit Israels keine anderen Lösungen produzieren konnten, bewilligt, Selbstmordattentate durchzuführen.

Dieser Fatwa zufolge konnten „Gotteskrieger“ ihr eigenes Leben opfern und sollten dafür mit dem Paradies belohnt werden.

Haben Selbstmordattentate einen Platz im Islam oder gibt es ein Beispiel, dass sich die islamische Welt nicht geschlossen gegen diese Fatwa gestellt hat? Leider war die Mehrheit der islamischen Welt damals nicht in der Lage Terrorismus geschlossen abzulehnen. Noch immer schaffen es einige Muslime nicht, sich eindeutig von Terrorismus zu distanzieren, sondern hängen stattdessen ihren Ausführungen ein „aber“ an. Selbst viele namhafte islamische Gelehrte konnten es nicht auf den Punkt bringen, dass Selbstmordattentate den Prinzipien des Islams widersprechen.

Um es offen zu sagen, hat sich niemand so eindeutig und präzise gegen den terroristischen Dschihad gestellt wie der muslimisch-türkische Gelehrte Fethullah Gülen. Er stützte seinen Widerspruch auf die Grundregeln des Islams. Demnach seien Selbstmordattentäter, die mit sich auch andere Menschen in den Tod sprengen, nichts weiter als Mörder. Eine solche Person ruiniere zum einen theologisch gesehen sein eigenes Leben nach dem Tod und zum anderen sei er verantwortlich für ein schreckliches Verbrechen, bei dem unschuldige Menschen ums Leben kommen.

Gülen verurteilt Terror und wird dafür kritisiert

Als Gülen diese klare Haltung zutage legte, wusste die islamische Welt noch nicht, welch ein Unheil der Terrorismus über sie bringen wird. Deshalb musste Gülen harte Kritik einstecken. Selbst Vertreter des politischen Islams, die heute ihren Unmut darüber äußern, dass der Islam mit Terrorismus gleichgesetzt wird, kritisierten Gülen damals aufs Schärfste und nannten ihn einen Feind des Dschihad. Leider hat man sich nicht ausreichend genug davon distanziert, sodass ab Mitte der 90er-Jahre terroristische Angriffe sich in der islamischen Welt ausbreiteten und Gülen mit seinem Widerstand weitgehend alleine blieb.

In einem Interview, welches Gülen im Jahre 2004 der türkischen Star-Journalistin Nuriye Akman gab, bekundete er offen seinen Hass gegen Bin Laden, da dieser das reine Antlitz des Islams verschmutzt habe. Gülens Intention war eindeutig. Er verabscheute Bin Laden und seine Terrororganisation, die mit ihren Anschlägen unschuldige Menschen und Zivilisten töteten, Menschenrechte missachteten und den Islam als Religion mit Terror gleichsetzten.

Bedauerlicherweise haben viele islamische Bewegungen die Befürchtungen Gülens nicht beachtet. Insbesondere Vertreter des politischen Islam betrachteten radikale Gruppen mit Sympathie. Selbstverständlich gab es hier und dort Reaktionen gegen den zunehmenden Radikalismus, doch waren diese weder ausreichend noch stark genug.

Lediglich Fethullah Gülen erteilte eine eindeutige und klare Absage.

Hätte Paris verhindert werden können?

Eigentlich waren die Anschläge vom 11. September auch für die islamische Welt ein wichtiger Test. Als bei den Anschlägen auf das World Trade Center Tausende Zivilisten ums Leben kamen, haben die Meinungsführer der islamischen Welt nicht hinreichend diese Tat verurteilt. Gülen wandte sich in renommierten US-amerikanischen Zeitungen an die Weltgemeinschaft, um einerseits Terror zu verurteilen und andererseits den Hinterbliebenen der Opfer zu kondolieren. Auch das haben die Islamisten scharf kritisiert. Hätten damals Vertreter des politischen und sozialen Islams Fethullah Gülen nicht allein gelassen, wären die Terroranschläge von Paris wahrscheinlich nicht geschehen und heute wären Muslime weltweit nicht einem Generalverdacht ausgesetzt. Die heutige noch immer zu geringe Trauer sowie die noch immer währende Sympathie gegenüber radikalen Organisationen bringt die gesamte islamische Welt in Gefahr.

In den 90er-Jahren ging Gülen einen Schritt weiter und positionierte sich für die Demokratie. Für die Vertreter des politischen Islams war das damals gleichzusetzen mit Hochverrat am Islam. Dabei handelte es sich nur um einen goldrichtigen Schritt. Nämlich Terror zu verurteilen und Demokratie zu befürworten.

Man schaue sich nun die Ironie des Schicksals an. Die Vorreiter des politischen Islams werfen, nachdem sie an die Macht gekommen sind, Fethullah Gülen vor, eine Terrororganisation gegründet zu haben. Wer glaubt an eine solch absurde Anschuldigung? Da sollte man doch viel eher die Frage stellen, wo diese Leute waren, als Gülen jahrelang nahezu alleinstehend den Massakern des radikaler Gruppen, die sich auf dem Islam berufen, entgegentrat? Natürlich wird die Diffamierung solcher nicht ernst genommen, die es noch immer nicht schaffen, sich aufrichtig von Terrorismus zu distanzieren.