Erdoğan in Köln: Während 50.000 Gegendemonstranten gegen ihn protestieren, lassen in der Lanxess Arena 15.000 seiner Anhänger ihren Emotionen freien Lauf.

Ein Meer aus Rot und Weiß, Sprechchöre und frenetischer Jubel. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ist auf dem Weg zu seiner Rede in der bis auf den letzten Platz besetzten Kölner Lanxess Arena. Als er auf die Bühne tritt, bekommen besonnene Familienväter feuchte Augen.

Ein politischer Anheizer kündigt Recep Tayyip Erdoğan im Stile eines Box-Ringrichters als den „großen Führer an“ und die Menge kennt kein Halten mehr. Vor der Arena nennt Onur (24), der seinen Nachnamen nicht preis geben will, den Ministerpräsidenten indes einen „Faschisten“ und „Kriegstreiber“. Erdoğan polarisiert unter seinen „Landsleuten“, wie er die Deutsch-Türken selbst bezeichnet.

50.000 Anhänger – Situation blieb friedlich

Bereits am Mittag versammelten sich in der Kölner Innenstadt 50.000 Erdoğan-Gegner, um gegen seinen abendlichen Auftritt zu demonstrieren. Unter dem Slogan „Welcome to Hell“ wollten sie ihm einen Höllenempfang bereiten. Auf einem Plakat ist der Schriftzug „Du bist und bleibst ein Antidemokrat“ zu lesen. Viele hier sind empört. Trotzdem bleiben Zusammenstöße mit Erdoğan-Anhängern aus.

Şerif-Taner Carikiloglu (38) trieb seine Wut bis zur Lanxess Arena. „Ich war neugierig, wie viel Unterstützung er noch hat“, sagt er. Ihm sei es wichtig „Präsenz gegen Erdoğan“ zu zeigen. Die heutige Türkei sei mit der DDR vergleichbar. „Es steht zwar Demokratie drauf, es ist aber keine drin“. Nach Gezi und Soma habe Erdoğan endgültig seinen Kredit verspielt.

Derweil diskutieren zehn Meter weiter zwei Gruppen hitzig miteinander. Es wird laut und sofort rückt die Polizei vor, um die Situation zu sichern. Erdoğans Auftritt begleitet ein riesiges Aufgebot an Sicherheitskräften. Straßen werden gesperrt, Absperrgitter aufgebaut und Flatterband gezogen. Es soll auch nach Erdoğans Rede zu keinem direkten Zusammentreffen der rivalisierenden Lager kommen.

„Türkiye, Türkiye“

Als Erdoğan endlich auf die Bühne tritt, skandiert das Rund der Kölner Arena „Türkiye, Türkiye“. Das Publikum ist gemischt. Es sind viele Familien gekommen, Rentner sitzen neben brüllenden Jugendlichen. Frauen mit Kopftüchern neben Mädchen in flatternden Kleidern. Sie kommen aus Bremen, Berlin, Hannover – aus dem gesamten Bundesgebiet.

Auf einem Plakat steht: „Lieber Gott, lass uns nicht ohne Erdoğan sein.“ Die Stimmung ist nach zwei Stunden politischer Anheizer auf dem Siedepunkt und ähnelt einem Fußballspiel. Kaum zu vergleichen mit politischen Veranstaltungen in Deutschland. Dazu passen die Schals, T-Shirts und Spruchbänder mit dem Konterfei des Ministerpräsidenten.

Mustafa Topas (21) hat eine Erdoğan-Stecknadel am Kragen seines Weißen Hemdes. Er ist eigens aus Bremen angereist und bereits um 8.00 Uhr morgens losgefahren, um seinen Helden persönlich zu erleben. „Ich war einfach neugierig, ich sehe ihn ja zum ersten Mal“, sagt er. Ihm sei es wichtig gewesen in dem aufgeheizten politischen Klima seine Unterstützung zu zeigen.

„Als Volk sind wir Euch dankbar“

Erdoğan beginnt seine einstündige Rede mit einer Danksagung an die in Deutschland lebenden Türken: „Ihr habt viel Bedrücktheit dulden müssen. Doch ihr habt Widerstand geleistet, Geduld und Toleranz gezeigt.“ Erlässt keine Zweifel daran, dass der Wahlkampf für ihn längst begonnen hat und spielt alle Register der politischen Rhetorik aus.

Es dauert nicht lang, bis seine Anhänger rufen: „Die Türkei ist stolz auf Dich“. Erdoğan weiß dies für sich zu nutzen und bekräftigt die Zuschauer. „Ihr dürft in eurer Sprache, eurer Religion, eurer Kultur keine Kompromisse eingehen“, sagt er.

Mal besonnen, mal hetzend und völlig frei trägt er seine Rede vor und wird von seinen Anhängern mehrmals unterbrochen – frenetischer Jubel und, wenn er gegen politische Gegner oder Demonstranten wettert, gellende Buh-Rufe wechseln sich ab. Als er vom Grubenunglück von Soma spricht, wird es ruhig in der Arena. Erdoğan hat seine Worte mit Bedacht gewählt. Anscheinend ist er sich der Tragweite des Unglücks mittlerweile bewusst.

Erdoğan bezeichnet Medien als „illegale Organisationen“

„Nach dem Soma-Ereignis kamen illegale Organisationen zusammen und protestierten illegal auf der Straße“, spricht Erdoğan auch auf die Demonstrationen der vergangenen Tage in Istanbul an. „Einige Medien versuchten aus dem Unglück Soma Profit zu ziehen“, prompt ertönen „Buh-Rufe“ aus dem Publikum.

Erdoğan zeichnet klare Feindbilder und bedient die ganz großen Kategorien: Gut und Böse, Wir gegen die „da draußen“, Licht und Dunkel, Sieg und Untergang. Seine Rede konzentriert sich auf die Türkei und nicht explizit auf Deutsch-Türken. Trotzdem ist er sich der Bedeutung dieser – insbesondere aufgrund des erstmaligen Wahlrechts für Türken, die außerhalb der Türkei leben – bewusst.

„Falls wir der Demokratie wirklich glauben, falls wir der Wahlurne tatsächlich glauben, so haben wir die Pflicht, die Entscheidung des türkischen Volkes zu respektieren“, sagt Erdoğan zum Ende seiner Rede. Am Ende wird es darauf angekommen, wie viele Menschen ihm bei der kommenden Wahl vertrauen werden. Sein Auftritt in Köln ist für Erdoğan allerdings ein voller Erfolg. Seine Zuhörer sind überwältigt. Auf dem Weg nach Hause schwenken sie ihre rot-weißen Fahnen.