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Während unseres Aufenthalts in der Hohen Pforte las ich es der Gruppe vor und übersetzte es ins Türkische. „Ra’sul hikmeti mehafetullah“ (dt.: Der Weisheit Anfang ist des Herrn Furcht). Es war ein Hadith, also die Worte des Propheten. Der islamische Glaube lehrt also das Fürchten vor Allah. Erst dann kann man den Horizont der Weisheit erreichen.

Von Said Gül

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Mittlerweile sind es dreizehn Jahre her, als ich mit einer 17-köpfigen Reisegruppe eine einwöchige Reise nach Istanbul unternommen hatte. Zwar war ich nicht der Reiseführer, doch mein Geschichtswissen erlaubte mir, meinen Mitreisenden einige wichtige Erläuterungen zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt bezüglich der osmanischen Geschichte zu machen.

Als wir durch die Höfe des Topkapi-Palastes schlenderten, sowie es meine Romanfiguren im „Machtkampf am Bosporus“ immer wieder machen, erreichten wir ein großes Portal. In den Bogen über dem Tor war eine arabische Inschrift hineingearbeitet. Es wurde zur Tradition, dass die Osmanen Eingänge, Brunnen sowie Außen- und Innenwände historischer Monumente mit Kalligraphien schmückten. Meistens wurden Verse aus dem Koran oder Sprüche des Propheten in die Blocksteine eingraviert.

Auch über diesem Portal war es nicht anders. Die Entschlüsselung solcher ineinander geschlungenen Schriften bereiten mir noch heute große Freude. Ich nehme es als eine willkommene Herausforderung an. Während unseres Aufenthalts in der Hohen Pforte las ich es der Gruppe vor und übersetzte es ins Türkische. Ra’sul hikmeti mehafetullah“ (zu deutsch.: Der Weisheit Anfang ist des Herrn Furcht). Es war ein Hadith, also die Worte des Propheten. Der islamische Glaube lehrt also das Fürchten vor Allah. Erst dann kann man den Horizont der Weisheit erreichen. „Wer sich nicht vor dem Herrn fürchtet, schämt sich auch nicht vor seinen Geschöpfen“ ist eine Bauernweisheit in der Türkei, die aus diesem Hadith abgeleitet wurde.

Was ist Weisheit?

Nach der islamischen Überlieferung ist die Weisheit das praktizierte Wissen. Sie erzählt über die Metaphysik der Gegenstände. Die Akkumulation des nützlichen Wissens und der entsprechenden guten Taten (türk.: ilim ve salih amel) sind weitere Definitionen der Weisheit im islamischen Glauben.

Nachdem dieser Wert in der islamischen Gesellschaft an Praxis verloren hat, hat das Fürchten vor dem allgegenwärtigen Herrn proportional abgenommen. Wer sich nicht vor Allah fürchtet, vor dem sollte man sich fürchten. Er wäre sogar imstande, jegliche Gewalt auszuüben und sogar seine Mitmenschen bestialisch zu ermorden. Man braucht nur aus dem Gleis der Weisheit abkommen. Ich möchte nicht den Teufel an die Welt malen, aber so wird der vernünftige Mensch zu einer Bestie, die der Menschheit Furcht einflößen kann.

Janitscharen: Von der Weisheit in die Abtrünnigkeit

Ein aufschlussreiches Beispiel für diese verloren gegangene Tugend sind die Janitscharen. In dem Hof, in dem wir uns befanden, wimmelte es vor Jahrhunderten so von diesen Elite-Soldaten der Osmanen. Nicht weniger wurden hier Konflikte, ja sogar Aufstände ausgetragen, die auf diese Soldaten zurückgingen. Blut wurde vergossen und Sultane mussten notgedrungen abdanken. Als ich während meinen Recherchen zu meinem Roman nach den Gründen dieses Zerfalls nachgegangen bin, stellte ich fest, dass die wichtigsten Tugenden, die die Janitscharen besaßen, mit der Zeit verloren gingen.

Die erste regelmäßige Truppe des Osmanischen Reiches entstand während der Regentschaft des zweiten osmanischen Sultans, dem Sultan Orhan. Er bildete damals eine schlagkräftige Truppe und suchte den Segen des großen Mystikers Hacı Bektaş-i Veli. Dieser wiederum gab der Truppe ihren Namen und nannte sie „Yeniçeri“ (die neuen Soldaten), was ins Deutsche mit Janitscharen übersetzt wurde. Anschließend segnete er sie. Sie waren der Inbegriff vieler Grundsätze des Bektaschi-Ordens, wie Selbsterkenntnis und Toleranz.

Die Weste (türk. hırka), die sie im Konvent trugen, war ein fester Bestandteil ihrer Kleiderordnung. Die Uniform bzw. Tracht zogen sie während ihrer Dienste einfach drüber. Im Inneren verkörperten sie den Geist im Äußeren den Dienst, den sie ausgeübt haben. Die Weisheit, als die Umsetzung des Wissens in gute Taten zu verstehen, fand bei den Janitscharen große Anwendung. Neben ihren täglichen Ritualen waren sie mit guter Moral mobilisiert. Also nicht nur Krieger, sondern auch Derwische waren diese Menschen. Doch als dieser Geist verloren zu gehen drohte, entgleisten sich die Janitscharen auch von Vernunft. Das Volk und dessen Regenten, die sie zu beschützen aufgetragen waren, mussten nach der Dekadenz dieser Truppe um ihr Leben fürchten. Aus dem Schrecken des Abendlandes wurde eine Horde von Gaunern und Gammlern. Wie es die Historiker beschreiben, wurden sie zur „Plage des eigenen Reiches“. Der berühmte türkische Dichter Necip Fazıl Kısakürek erläuterte den Grund dieses Zustandes in einem seiner Werke: „der Verlust der Liebe und Ekstase, die aus dem islamischen Glauben herrühren (türk.: islam aşk ve vecdinin kaybolması).

Der Geist lebt in der islamischen Welt weiter

Das Korps der Janitscharen wurde zwar im Jahre 1826 durch Sultan Mahmud II abgeschafft. Doch der Geist blieb bis in unserer Zeit erhalten. Die Macht missbrauchen, unproportionale Gewalt ausüben, gegen alle Vorschriften und Gesetze handeln, die Gesellschaft terrorisieren waren und sind die besonderen Merkmale der abtrünnigen Gruppierungen in der islamischen Welt. In Diktaturen, in denen die Gewaltenteilung nicht herrscht, werden diese Gräueltaten sogar durch die herrschende Klasse mithilfe von staatlichen Mitteln durchgeführt. Gleichgültig aus welcher Gesellschaftsschicht diese Menschen entstammen, ob sie dem Staat angehören oder dem Volk, ist dieses Merkmal der gemeinsame Nenner der Menschen, die die Vernunft, Toleranz Andersdenkenden gegenüber und die Selbsterkenntnis verloren haben. Kurz die Weisheit, die den Menschen auf dem rechten Pfad hält, schwindet aus dem Leben und der Mensch wird zum „Gangster“. Die Entstehung der Terrorzellen, die Ausübung der Militärputsche, Vertreibungen, sowie das Betreiben von Vetternwirtschaft und Bestechungen nehmen ihre Bahn. Kurz jegliche Art von Illoyalität, die man begegnet, wenn man durch die Länder mit muslimischer Bevölkerung, von Anatolien bis Indonesien, reist.

Eine lehrreiche Anekdote:

Der abgesetzte ägyptische Staatspräsident Husnu Mubarak bestellt während seiner Amtszeit seinen Diener zu sich und lässt sich mit seinen Vorgängern vergleichen.

Mubarak: Wer ist größer? Ich oder Gamal Abdel Nasser?

Diener: Natürlich Sie, Herr Präsident.

Mubarak: Warum?

Diener: Weil sich Abdel Nasser vor Israel fürchtete, Sie nicht.

Die Antwort gefällt Mubarak und so stellt er die zweite Frage.

Mubarak: Wer ist größer? Ich oder Anwar as-Sadat?

Diener: Natürlich Sie, Herr Präsident.

Mubarak: Warum?

Diener: Weil sich as-Sadat vor der „Muslimbruderschaft“ fürchtete, Sie nicht.

Die Antwort gefällt Mubarak noch mehr und setzt selbstbewusst zur dritten Frage an. Diesmal vergleicht er sich mit einem Regenten von Ägypten aus früheren Zeiten.

Mubarak: Wer ist größer? Khalif Omar oder ich?

Diener: Natürlich Sie, Herr Präsident.

Mubarak: Warum?

Diener: Weil sich Omar vor Allah fürchtete, Sie nicht.

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