Der Modernismus ist außer Macht und Funktion geraten

Modernes Denken impliziert, dass es vor der Aufklärung nur Ordnungen gegeben hätte, die veraltet und unabänderlich gewesen wären.

Veränderung, Demokratie, Wissenschaft und Entwicklung gehörten demnach zu jenen Konzepten, welche erst die Moderne erfunden hatte. Das ist auch der Grund, warum moderne Denker es für angebracht halten, sich auf das Mittelalter stereotyp als eine Zeit der Dunkelheit zu beziehen. Auf Grund ihres starken Glaubens und Vertrauens an das Wunder des Säkularismus wurde diese Funktionalität noch deutlicher. Andernfalls würde es ja bedeuten, dass das Mittelalter doch nicht so dunkel und folglich die Aufklärung nicht so nützlich gewesen wäre.

Dieser dogmatische Antagonismus zur Vormoderne stellt somit die Grundlage für die mentale Einstellung des Modernismus und der Moderne dar. Der gleiche Antagonismus wurde auch zum Grund für ihre Zerstörung. Die Unfähigkeit, jenseits der eigenen Realität zu denken und die Tendenz, diese Realität allen anderen aufzuzwingen, wird unzweifelhaft in Autoritarismus münden – und wenn sich etwas dazu entschließen würde, autoritär zu werden, würde es sein Schicksal selbst festlegen.

Zweifellos wäre es simplizistisch, dem Mittelalter eine Komplexität zuzuschreiben, die nicht durch den Status quo des Christentums erklärt werden könnte, der durch die Kirche und die Irrationalität der Religion erklärt werden könnte. Unbestreitbar waren die Päpste eher italienische Prinzen als Hirten einer Schafherde und die Katholische Kirche war ein Zentrum politischer Macht. Übrigens ging mit dem „dunklen“ Mittelalter in Europa eine zeitgleiche Periode der Aufklärung in der arabischen Welt einher.

Allerdings: Entgegen der Grundannahme der Moderne, hat ein Wandel – vielleicht sollten wir es Kontinuität nennen – im alltäglichen Leben nie aufgehört, sich zu vollziehen, nicht einmal für einen Moment.

Der Westen meint es mit der Gleichheit im Zweifel nicht ernst

Die Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt waren wie ein Pendel, schwingend zwischen Hass und Bewunderung, abhängig vom Ausmaß der Herrschaft des Okzidents über den Orient. War die Position der Kolonialmächte in der islamischen Welt stärker, wuchs die Empörung gegenüber diesen an. Doch als die Interaktion immer sichtbarer und konkreter wurde, stiegen auch die Erscheinungsformen sowohl der Bewunderung als auch des Hasses und des Austausches paradoxerweise immer mehr an. Dieses Paradoxon hat auch zu jenem Widerspruch beigetragen, welcher relevant ist für die Existenz des Islamischen und auch für das Erleben dieser Interaktion ist. Das gab auch allen mehr Zeit, um über die Lücke und Distanz zwischen dem Handeln wie ein westlicher Mensch und der kategorischen Zurückweisung des Westens nachzudenken.

In der postmodernen Zeit geriet für den Okzident diese Konfrontation, welche während seiner Herrschaftszeit begonnen hatte, außer Kontrolle. Die gut ausgebildeten Okzidentalen und die armen und störrischen Migranten, welche dank den Völker-und Menschenrechten Grenzen und Barrieren überqueren konnten, reisten bis in die tiefsten Gebiete des Westens. Allerdings wollte der Okzident die orientalischen Menschen in ihren Heimatländern modernisieren. Als der Osten den Westen besiedelte, entfernte diese Konfrontation die Polituren und Masken des modernen Geistes, welcher im Wesentlichen die Gleichheit verwirft. Die kolonialistische Idee, den Orient zu modernisieren, verwandelte sich in eine Bedrohung, als der Orient sich selbst modernisierte, da die Akzeptanz dieser Entwicklung ja Gleichheit voraussetzte. Auf diese Weise wurde eine rassistische Haltung – welche andere ausschließt, sie in Ghettos isoliert und sie mit abstrakten Rechten abspeist – mit der Demokratie versöhnt. Es wurde offenbar, dass dieser pathetische Antagonismus zusammengebrochen ist und im ägyptischen Putsch dennoch mit Demokratie getarnt wurde.

Es war nicht mehr möglich zu übersehen, dass die Akteure der Moderne faktisch alle guten Dinge nur für ihre Kultur wollten und nicht für die gesamte Welt. Der Antagonismus mit dem Orient wurde ernsthaft beschädigt – und heute hat der Westen nicht mehr die Möglichkeit und Macht, diesen Schaden zu beheben. Es scheint, dass der Modernismus außer Macht und Funktion geraten ist. Wenn diese Krise im Orient auf einem Mangel an Paradigma beruht, ist das, was wir im Westen erleben, der Zusammenbruch des Paradigmas der Moderne.

Autoreninfo: Markar Esayan ist ein armenischstämmiger, in der Türkei lebender Journalist und Autor. Er war zuletzt u.a. Chefredakteur der Zeitung „Taraf” und schreibt regelmäßig Kolumnen für „Today’s Zaman”.