Medeni Arifoğlu im Jahre 2012.

Welchen Wert hat es schon, von einem türkischen Spitzenpolitiker einen Preis überreicht zu bekommen? Offenbar keinen, wie der Fall von Medeni Arifoğlu, einem kürzlich verstorbenen Häftling in der Türkei, belegt. Die Lage der türkischen Innenpolitik ist seit Jahren derart desolat, dass bei einem zarten Windstoß sofort das gesamte politische Gefüge des Landes ins Wanken gerät. Alle Tatsachen können in der Türkei von jetzt auf gleich über Bord geworfen werden. Der leidvolle Tod von Arifoğlu zeigt, wie die türkische Innenpolitik ein Leben völlig ruinieren kann.

Arifoğlu erst belohnt, dann bestraft

Das Jahr 2012 lief für den regionalen Unternehmerverein „BIGIAD“ in Bingöl äußerst gut. So gut, dass der Verein für die besondere wirtschaftliche Antriebskraft in der Region mit einem nationalen Preis geehrt wurde. Noch größer wurde die Ehre, als der Preis für besonderes Engagement nicht von irgendjemanden verliehen wurde, sondern vom damaligen türkischen Ministerpräsidenten höchstpersönlich. „Vielen Dank und weiter so!“, sagte Recep Tayyip Erdoğan, heute türkischer Staatspräsident, dem Preisempfänger Medeni Arifoğlu. Was damals für Arifoğlu nicht abzusehen war: Eben jener Preisgeber sollte rund sieben Jahre später zum Wegbereiter seines Ablebens werden.

Die Gülen-Bewegung und der Putsch

Arifoğlu ist heute tot. Im Juli 2018 erkrankte er an Leberkrebs. In dieser Zeit war der einstige Unternehmer aus Bingöl einer von vielen, zehntausenden Inhaftierten in der Türkei. Denn nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016, dessen Urheber bislang immer noch nicht zweifelsfrei feststeht, hat sich das Leben von Arifoğlu dramatisch verändert. Der bekennende Anhänger der Gülen-Bewegung, dessen Anführer Fethullah Gülen die türkische Regierung zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt hat, wurde für die türkische Regierung zum „Komplizen“, wie viele andere Zehntausende auch. Zunächst wurde sein Vermögen beschlagnahmt. Danach wurde Arifoğlu hinter Gittern gebracht.

Systematisch in den Tod getrieben

Laut Angehörigen begann im Gefängnis seine „systematische Tötung“. Denn der Geschäftsmann habe an diversen lebensbedrohlichen Krankheiten gelitten. Aufgrund der prekären Verhältnisse in den Haftanstalten habe sich sein Zustand immer mehr verschlechtert. Letztlich sei sein Dickdarm geplatzt, doch ganze drei Wochen sei er nicht behandelt worden. Diese Aussagen der Familie bestätigte der HDP-Abgeordnete und Menschenrechtsaktivist Ömer Faruk Gergerlioğu. Er ist vielleicht der einzige Politiker der Türkei, der nicht zwischen Opfern unterscheidet. Den Fall Arifoğlu trug der HDP-Politiker sogar ins türkische Parlament.

Ehefrau: „Sie übergaben uns eine Leiche“

Nuran Arifoğlu ist die Ehefrau von Medeni Arifoğlu. Sie und der HDP-Politiker Gergerlioğlu setzten sich für seine Freilassung ein. Als er schließlich im März 2019 freikam, war sein medizinisches Ende quasi besiegelt. Heute spricht Arifoğlu von einer „Leiche, die sie uns gaben“. Man hätte im Vorfeld wissen müssen, wie krank er war. Allein deshalb hätte er nie inhaftiert werden dürfen. Denn der Unternehmer lebte bereits vor seiner Verhaftung mit einer gespendeten Leber, die ihm transplantiert werden musste. Angewiesen auf 19 Medikamente am Tag galt er schon als krebskrank. Betroffen war eben jene Leber.

Trotzdem wurde er festgenommen. Mehrere Monate sei seine Behandlung systematisch verhindert worden. Der Abgeordnete schildert, dass Arifoğlu aus dem Gefängnis in Malatya in ein Krankenhaus in Adana verfrachtet worden sei. Dabei existiert in diesem Krankenhaus kein Korridor für kranke Häftlinge. So lehnte das Krankenhaus eine Behandlung des todkranken Mannes ab.

Für Gergerlioğu eine Farce

Das türkische Justizministerium beschäftige landesweit nur acht Ärzte, so Gergerlioğlu. Ohnehin hätte im Vorfeld geklärt werden müssen, ob eine Behandlung in Adana überhaupt möglich sei. Die Reise sei mit Strapazen verbunden gewesen, die nur dazu beigetragen hätten, dass die Lebensenergie des Häftlings weiter schwinde.

Schließlich habe der Arzt, der Arifoğlu die neue Leber transplantierte, attestiert, dass seinem Patienten unter diesen Umständen der Organverlust drohe. Völlig geschwächt und abgemagert, wurde Arifoğlu im März 2019 endlich entlassen. Seine Frau berichtet, dass der Krebs in der Haft extreme Metastasen erzeugt habe. „Sein Knochen am Hals ist geplatzt. Er konnte seinen Arm nicht mehr bewegen und auch nicht mehr laufen“, erzählt sie heute. Nur wenige Zeit nach seiner Freilassung starb Arifoğlu. Zuletzt sei er nicht mehr zu erkennen gewesen.

Nuran Arifoğlu will andere kranke Häftlinge retten

Kurz nach dem Putschversuch erwiderte der türkische Präsident den Wunsch einer lauten, aber kleinen radikalen Gruppe in der Bevölkerung, die für die „Putschisten“ die Todesstrafe forderte. Erdoğan sagte prompt, dass es die Aufgabe des Parlaments sei, ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden. Die Wiedereinführung der Todesstrafe würde er sofort unterzeichnen, ganz nach dem Motto: „An mir soll es nicht scheitern“.

Dieser aufgebrachte Mob habe auch für Medeni Arifoğlu den Tod per Gesetz gefordert. Doch nach Jahren hätte sich die Lage in der Bevölkerung scheinbar etwas beruhigt, so Frau Arifoğlu. Bei der Beerdigung habe sie dies gemerkt. „Menschen, die damals die Todesstrafe für unsereiner forderten, kamen in Scharen zu der Beerdigung meines Mannes“, berichtet sie von einem enormen Andrang in der Moschee. Jetzt setzt sie sich für die Freilassung von anderen kranken Inhaftierten ein. Kein weiterer Zivilist solle von dieser Welt gehen, wie ihr Mann es musste.