Die Blüte ist verschwommen. Klar erkennbar prangen in ihrer tiefroten Mitte ein Halbmond und ein Stern. An ihren Rändern verläuft die Farbe – und der Betrachter denkt an Blut oder Tränen oder beides, an einem Tag wie diesem. Einem Tag „danach“, schon wieder, immer wieder. Am Dienstagabend, eine Woche vor dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan, starben bei einem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen Atatürk mindestens 41 Menschen. Über 200 wurden nach jüngsten Angaben verletzt, die Behörden vermuten die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hinter der Tat.

Das Bild von der Türkei-Blume verbreitete sich nach den ersten Meldungen auf Twitter. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) versah seine Stellungnahme auf dem Kurznachrichtendienst mit dem Schlagwort #PrayForTurkey. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) schrieb #PrayForIstanbul – beides analog zu #PrayForParis, das nach den Anschlägen in der französischen Hauptstadt im November verwendet wurde.

Beide Hashtags werden seit Mittwochmittag auch auf Instagram verstärkt aufgegriffen, sagt Felix Neumann, Social-Media Redakteur beim Internetportal katholisch.de. Die ganz große Welle der Solidarität bleibe allerdings aus. Auf dem türkischsprachigen Twitter fänden eher politische Debatten etwa zur Sicherheitslage statt, im Westen gehe es um konkrete Nachrichten oder die Urlaubsplanung, so Neumanns Beobachtung.

Menschen bringen ihr Mitgefühl nicht immer reflektiert zum Ausdruck

Immer wieder wird nach Anschlägen in der Türkei, Nigeria oder Pakistan die Kritik laut, die Solidarität der Europäer sei längst nicht so groß wie bei vergleichbaren Taten in Europa. „Das kommt auch diesmal in der Türkei an“, sagt Experte Neumann. Eine vielgeteilte Karikatur spießt den Eindruck auf: Darauf ist eine Menschenkette zu sehen, die sich um die französische und die belgische Flagge gebildet hat, Kerzen brennen, Kameras laufen. Abseits, unter der türkischen Flagge, stehen zwei Personen in einsamer Umarmung.

Derartige Kritik lege zu hohe Maßstäbe an, findet der Medienethiker Alexander Filipovic. „Menschen bringen ihr Mitgefühl zum Ausdruck – das geschieht nicht immer reflektiert“, so der Professor der Hochschule für Philosophie München.

Linda Tenbohlen kennt die Problematik. Die Caritas-Referentin arbeitet zum Schwerpunkt „Vergessene Krisen“. In der heutigen Flut an Informationen sei es schwierig, Empathie für unzählige Menschen und Situationen zu entwickeln. „Das versuchen wir aufzubrechen“, sagt sie. Doch eine persönliche Beziehung sei kaum zu ersetzen: „Eine Krise ist einem natürlich näher, wenn man ein Land schon mal bereist hat, als wenn es einem völlig unbekannt ist.“

Die Türkei ist indes ein Urlaubsland, Istanbul eine Touristen-Hochburg. Nachdenklich stimmt angesichts des verhaltenen Mitgefühls zudem die These einiger Wissenschaftler, dass Ungleichheit – tatsächliche und gefühlte – zum globalen Terror beitrage. Die westlichen Staaten müssten aufhören „zu denken, ein Toter aus dem Westen bedeute etwas Schreckliches, aber tausend Tote in Afrika, in Asien, im Nahen Osten und sogar in Russland seien im Grunde genommen gar nicht so schlimm“, mahnt der französische Philosoph Alain Badiou in seinem Buch „Wider den globalen Kapitalismus“.

Ungleichheit als Treibstoff für den Terror

Der Londoner Terrorismusexperte Peter Neumann kommt zu einem ähnlichen Schluss. „Obama hat keine Ahnung, was ein 25 jähriger Verkäufer bei Primark tut. Aber wenn dieser Verkäufer nach Syrien geht und beim ‚IS‘ mitmacht, kennt ihn die ganze Welt“, heißt es in seinem Buch „Die neuen Dschihadisten“.

Die IS-Terroristen betrachteten sich insofern selbst als Protestbewegung, schreibt die Politikwissenschaftlerin Petra Ramsauer in „Die Dschihad-Generation“. Viele junge Muslime reagierten empört auf brutale Bilder aus Afghanistan oder Syrien: Sie wollten „ihre Glaubensbrüder – und damit den Islam insgesamt – verteidigen.“

Diese Mixtur aus Mitgefühl und Unmut nutzen wiederum die IS-Rekrutierer. Der Eindruck, vielen Menschen im Westen seien Tote in der Türkei gleichgültig, scheint für sie durchaus vorteilhaft zu sein. Ungleichheit als Treibstoff für den Terror: ein Teufelskreis. Durchbrechen könne man ihn nur mit einem gemeinschaftlichen Umdenken, meint Badiou. Es beginne mit der Erkenntnis: „Krieg ist Krieg.“

(Paula Konersmann, kna/ dtj)