Im Rahmen einer Livesendung auf dem Fernsehkanal CNN Türk hat sich der stellvertretende Vorsitzende der Cumhuriyet Halk Partisi (Republikanische Volkspartei; CHP) und Abgeordnete für Istanbul, Sezgin Tanrıkulu (Foto, mi.), im Namen seiner Partei bei der alevitischen Community für das Massaker von Dersim entschuldigt, das bis heute die Beziehungen zwischen den Aleviten und der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung in der Türkei belastet.

„Ich bin ein stellvertretender Vorsitzender der CHP. Und ich entschuldige mich tausendmal“, äußerte sich Tanrıkulu auf die Frage des Journalisten Ahmet Hakan, der das Interview führte, ob er sich im Namen der CHP entschuldige. „Ich entschuldige mich für alle, die deshalb Schmerz empfinden, bei allen, die [in Dersim] getötet oder ins Exil geschickt wurde. Und ich entschuldige mich auch im Namen der CHP“, fügte der Abgeordnete hinzu.

Tanrıkulu machte auch deutlich, dass der Vorsitzende der Partei, Kemal Kılıçdaroğlu, über seinen Auftritt im Bilde sei. Tanrıkulu ergänzte, eine Entschuldigung würde nicht ausreichen, um die Problematik einer Lösung zuzuführen, es soll jedoch schon bald eine parlamentarische Kommission errichtet werden, die das historische Massaker an den Aleviten aufarbeiten soll. Auch seien, so Tanrıkulu, noch nicht alle Archivinhalte der Öffentlichkeit zugänglich.

Der stellvertretende Fraktionschef der CHP und Abgeordnete für Istanbul, Akif Hamzaçebi, relativierte Tanrıkulus Erklärung gegenüber Reportern und meinte: „Herr Tanrıkulu hat seine Gefühle über die schmerzvollen Ereignisse in Dersim zum Ausdruck gebracht. Das ist meine Meinung.”

Hamzaçebi unterstrich, dass die Äußerung seines Parlamentskollegen keine darüber hinaus gehende Bedeutung habe. Die Dersim-Frage solle nicht mit dem Gründer der türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, in Verbindung gebracht werden. „Es war eine Zeit des Einparteiensystems“, äußerte Hamzaçebi.

Atilla Kurt: „CHP hat ihren Gemeinsinn schon bewiesen“

Auch Atilla Kurt, CHP-Abgeordneter für Konya, äußerte sich zu den Aussagen Tanrıkulus. Über Twitter kommentierte er: „Der Gemeinsinn der CHP hat sich in jenem Moment gezeigt, da sie den Sohn einer bescheidenen Familie aus Dersim zu ihrem Vorsitzenden wählte. Dieser Gebrauch des Gemeinsinns gab der Türkei eine Botschaft dahingehend, wie die CHP die Demokratie versteht und auf Menschen zugeht. Die Menschen haben diese Botschaft angenommen. Wie auch immer, der Premierminister und Regierungsoffizielle fühlen sich durch diese Würdigung der Botschaft seitens der Menschen gestört.“

Der Sprecher der regierenden Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP), Beşir Atalay, äußerte auf einer Pressekonferenz, die Entschuldigung Tanrıkulus sei werthaltig. Auch der Vorsitzende der CHP, Kemal Kılıçdaroğlu, solle sich aber noch gegenüber der Öffentlichkeit für das Dersim-Massaker entschuldigen.

Erdoğan hatte sich 2011 namens des Staates entschuldigt

Das Massaker in der ursprünglich historisch halbautonomen Region der Aleviten im Jahre 1937 gilt als Rachefeldzug der Regierung infolge einer angeblichen Revolte durch Seyyid Rıza, einen Zaza-Stammesführer aus der Region. Der damalige Regierungschef İsmet İnönü reagierte darauf mit Luftschlägen und gewaltsamen Repressionen, die tausenden Menschen das Leben kosteten.

Im November 2011 hat sich der damalige Premierminister Recep Tayyip Erdoğan im Namen des türkischen Staates für das Massaker von Dersim entschuldigt. Er forderte aber auch die CHP als die einzig zum damaligen Zeitpunkt bestehende politische Partei in der Türkei auf, sich auch noch einmal gesondert im Namen der Partei zu entschuldigen.