Foto: Oliver Berg/dpa

Streit zwischen den Regierungen: Die Türkei und Deutschland sind derzeit keine guten Freunde. Aber die eigentlich Leidtragenden sind die in Deutschland lebenden Deutsch-Türken. 

Wenn Vize-Kanzler und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) bei seiner Pressekonferenz am Donnerstag davon spricht, dass „diese Menschen uns Ungeheuer wichtig [sind]“, dann meint er damit die in Deutschland lebenden Türken. Viele von ihnen leben mittlerweile in der vierten Generation hier. Ihre Vorfahren waren Anfang der 60er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Jahrzehnte haben sie in Deutschland gelebt. Heute werden sie gezwungen, sich zu bekennen: Entweder zur Türkei oder zu Deutschland.. 

Bis die deutsch-türkischen Konflikte auf Eskalationsstufe, vor allem nach dem Putschversuch, stiegen, gab es keine Debatte über diese Frage.  Jetzt wirkt sich das angespannte Verhältnis zwischen den deutschen und türkischen Politikern auf die türkische Gemeinschaft in Deutschland auf, das sagt Gökay Sofuoğlu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Für viele sei es schwierig, dass von ihnen erwartet werde, dass sie sich zu Präsident Recep Tayyip Erdoğan äußerten und von ihm distanzierten, sagte Sofuoglu am Freitag im SWR. Viele Türkischstämmige hätten aber «mit Türkei-Politik wenig am Hut». 

Grünen-Chef Cem Özdemir forderte nach dem Referendum in der Türkei von DeutschTürken in der Bundesrepublik ein klareres Bekenntnis zum Grundgesetz. «Die Auseinandersetzung um Herz und Verstand der Türkeistämmigen muss endlich aufgenommen werden», sagte Özdemir damals. «Künftig muss stärker darauf bestanden werden, dass auf Dauer in Deutschland Lebende nicht nur mit den Zehenspitzen auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, sondern mit beiden Füßen.»

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„Die Deutsche Politik kümmert sich nicht um meine Belange“

Viele Deutsch-Türken glauben, dass die deutsche Politik sich nicht um sie kümmere. Dabei ist die Rede von einer etwa drei Millionen großen Gruppe. Etwa die Hälfte davon hat mindestens die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich fühle mich von keiner deutschen Partei vertreten“, sagt etwa der 27-jährige Yilmaz Yanar aus Duisburg. Der Deutsch-Türke hat kurze dunkle Haare und sitzt mit ausgewaschener Jeansjacke in einem türkischen Dessertladen im Stadtteil Marxloh. „Da ich mich nicht vertreten fühle, ignoriere ich den Wahlaufruf der Stadt“, sagt er trotzig auf türkisch. Yanar ist überzeugt, dass sich die deutsche Politik nicht um seine Belange kümmert.

Sozialpsychologe Andreas Zick von der Universität Bielefeld kann diese Gründe gut nachvollziehen. Er sieht in ihnen den Ursprung für die Defizite der deutschen Integrationspolitik. Deutschland habe Türken keine echte Heimat gegeben und auch die dritte und vierte Generation quasi wie Gastarbeiter behandelt. Letztlich arbeite das türkischen Politikern wie Erdoğan zu und führe gleichzeitig zu einer Entfremdung von Deutschland: „Je weniger man eine politische Heimat in dem Land findet, in das man einwandert, umso stärker ist auch der Einfluss aus den Herkunftsregionen“, sagt Zick. 

Ist das tatsächlich so? Kümmert sich die deutsche Politik nicht um die Deutsch-Türken? Auf seiner Pressekonferenz machte Vize-Kanzler Sigmar Gabriel auf die Relevanz der Deutsch-Türken für die Bundesregierung aufmerksam. Sie hätten Deutschland mit aufgebaut, seien für den kulturellen Reichtum verantwortlich. „Wir werden sie nicht verlieren“, so Gabriel. Weil Deutsch-Türken für sie so wichtig sind, habe man sich auch passiv gegenüber der Türkei verhalten.