Rumeysa Solak, 22, aus Erlangen.
Rumeysa Solak, 22, aus Erlangen.

Was ist typisch deutsch-türkisch? In einer neuen Interviewserie stellt DTJ-Online Deutsch-Türken vor – ohne Scheuklappen und Klischees. Diesmal im Gespräch: Rumeysa Solak aus Erlangen.

Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund stehen in Deutschland regelmäßig im Fokus politischer Debatten. Allzu häufig wird über sie gesprochen, selten mit ihnen. Es ist Zeit, das zu ändern: DTJ-Online stellt sogenannte „Deutsch-Türken“ mit der neuen Interview-Serie „Typisch deutsch-türkisch“ in den Mittelpunkt. Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Wovon träumen sie?

Hallo Rumeysa, bitte stell Dich kurz vor.

Ich heiße Rumeysa Solak, bin 22 Jahre alt und gebürtige Hessin. Aufgewachsen bin ich auf der Schwäbischen Alb. Aktuell wohne ich in Erlangen und studiere Jura.

Würdest Du Dich als Deutsch-Türkin bezeichnen?

Nein, ich konnte mich noch nie mit dem Begriff identifizieren. Der Grund dafür ist nicht, dass ich mich nur einem der beiden Länder zugehörig fühle. Ich möchte meine Identität einfach nicht betiteln.

Wo oder was ist für Dich dann Heimat?

Heimat ist für mich das Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit. Ich komme viel in Deutschland rum. In Hessen, im Schwabenland und auch in Bayern fühle ich mich heimisch, weil ich an diesen Orten Menschen habe, die mich erfüllen, mich unterstützen, begeistern und motivieren. Da wo diese Menschen sind, ist meine Heimat.

Was ist für Dich typisch deutsch, typisch türkisch und typisch deutsch-türkisch?

Erst kürzlich habe ich einer deutschen Freundin versucht, zu erklären, wieso manche türkische Frauen deutschen Männern nicht die Hand geben. Sie konnte und wollte es nicht verstehen, das war ziemlich deutsch. Türkisch ist für mich die Gastfreundschaft, der Tee, das Essen und die Berge an leeren Hülsen von Sonnenblumenkernen in öffentlichen Parks. Da wird schnell klar: Hier waren Türken am Werk.

Mit welcher Sprache fühlst Du Dich wohler? Wann benutzt Du Deutsch, wann Türkisch, wann einen Mix?

Wohl fühle ich mich tatsächlich in beiden Sprachen. Ausschließlich Türkisch spreche ich mit Bekannten und Verwandten im Ausland und meinen Großeltern. Im Alltag spreche ich eigentlich immer Deutsch. Im Studium bin ich mit komplexen Texten konfrontiert, die sogar für manch Deutsche unverständlich sind. Einen Mix aus beiden Sprachen spreche ich mit so ziemlich allen Deutsch-Türken.

Deutschland und die Türkei sprechen ja nicht immer die gleiche Sprache. Wie siehst Du die Situation in der Türkei zurzeit – und den Konflikt um syrische Flüchtlinge?

Ja, an diesem Thema bin ich besonders interessiert. Die aktuelle Lage meines Herkunftslandes ist bedauernswert. Die falsche Repräsentation des Islams, insbesondere die Politisierung des Islams führt in Deutschland zu Fehlinterpretationen, Intoleranz und sogar Rassismus. Durch das Aufbrodeln des Nationalgefühls bei türkischen Jugendlichen kommt es zu Auseinandersetzungen. Auch die aus den unzähligen Menschenrechtsverletzungen resultierende Fluchtbewegung beweist das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit in der Türkei.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir selbst und allen anderen auf dieser Welt den Drang, die Neugierde und die Aufgeschlossenheit, um in den Dialog mit den Mitmenschen zu treten, um aktiv einen Beitrag zum Frieden zu leisten.

Die Fragen stellte STEFAN KREITEWOLF.