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Politik

Erdoğan, der Islam und seine antideutsche Haltung

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Für viele ist Erdoğan, der am Samstag in Köln eine Rede halten wird, ein unbelehrbarer Islamist. Thumann jedoch ist der Meinung, dass viele seiner Praktiken mit dem Islam nicht vereinbar sind. (Foto: reuters)

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Erdogan mit Gauck.
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GASTBEITRAG Der Angriff aus Ankara traf Joachim Gauck an seinem letzten Tag in der Türkei. Tayyip Erdoğan bezeichnete den deutschen Bundespräsidenten als Pastor, der seine alte Rolle nicht ablegen könne. Der türkische Premierminister warf ihm Einmischung in die inneren Angelegenheiten vor.

War der Eklat am Ende der viertägigen Türkei-Reise des Bundespräsidenten vermeidbar? Hätte Gauck diplomatischer auftreten sollen? Wäre es dann nicht zum Zusammenprall mit Erdoğan gekommen?

Was der Bundespräsident vor Studenten in Ankara sagte, war nicht einseitige Kritik an der Türkei. Er äußerte sein Erschrecken über die Einschränkung der Meinungsfreiheit in der Türkei, Beeinflussung der Justiz durch die Regierung und gewaltsame Unterdrückung von Protesten. Doch bevor er das tat, lobte er die Erfolge der Regierung Erdoğan. Auch sprach er über sein Erschrecken über die Terroranschläge der NSU und das Versagen der deutschen Behörden. Er bettete seine Kritik an Ankara ein in seine Kritik an Deutschland – und warb für einen offenen Austausch beider Länder.

Gauck hätte jede Kritik rauskürzen können. Aber das wäre auch eine Botschaft gewesen. Man soll sich keinen Illusionen hingeben: Der türkische Premierminister hätte auch das ausgenutzt. „Seht her“, hätte Erdoğan zu seinen türkischen Kritikern gesagt, „Ihr meckert, aber Herr Gauck hat nichts an mir auszusetzen.“ Erdoğan nutzt jede Wendung zu seinem Vorteil. So, wie es ihm jetzt im anlaufenden Präsidialwahlkampf passte, Gauck und Deutschland offen anzugreifen. Damit will er die nationalistischen Wähler für sich mobilisieren.

Erdoğan appelliert an irrationale Ängste

Schauen wir uns noch einmal an, was Erdoğan sagte: Er nannte Gauck einen „Pastor“. Das war als Beleidigung, Verhöhnung und als Warnung an die Türken gemeint. Er wollte Gauck den Status als Staatsoberhaupt absprechen und ihn als christlichen Missionar abqualifizieren, als einen, der die Türken verführt. Das ist ein überkommenes Stereotyp in der Türkei, eine alte, irrationale Angst. Dann warf Erdoğan Gauck noch Einmischung in die inneren Angelegenheiten vor. Das tut Erdoğan in letzter Zeit oft. Er identifiziert überall Feinde des Landes, um die Verfolgung von Andersdenkenden und die Vetternwirtschaft in der Türkei zu rechtfertigen. Erdoğans schlimmste Feinde sind neuerdings religiöse Gruppen.

Erdoğan griff Gauck als „Pastor“ an, aber im selben Atemzug attackierte er Aleviten, angeblich aus Deutschland. Die Aleviten sind eine in der Türkei benachteiligte und latent von Pogromen bedrohte Glaubensgruppe. Auch die Toten bei den Gezi-Protesten gegen Erdoğans Willkürherrschaft waren Aleviten.

Vor Monaten schon hat Erdoğan zur Hexenjagd gegen Anhänger des aufgeklärt-konservativen Predigers Fethullah Gülen aufgerufen. Der Premier beschuldigt Gülen, von den USA aus die Regierung Erdoğan stürzen zu wollen. „Wir werden Euch auf den Pelz rücken! Ihr werdet bezahlen“, drohte er ihnen nach dem Kommunalwahlsieg im März. Gülen-Anhänger werden aus dem Staatsdienst entlassen, Gülen-nahe Unternehmer von der Steuerfahndung schikaniert, ihre Schulen und Lernhäuser geschlossen.

Verhöhnung des Religiösen

Manche in Deutschland halten Erdoğan für einen Islamisten und religiösen Fanatiker. Das ist falsch. Erdoğan ist vielmehr anti-religiös und nicht islamisch. Die Verfolgung und Benachteiligung religiöser Gruppen passt nämlich nicht zu einem gläubigen Mann. Die massive, selbst in der Türkei präzedenzlose Korruption würde ein tiefgläubiger Muslim nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können. Erdoğans enge Mitstreiter machen sich am Telefon darüber lustig, wie sie im Netz Koransuren suchen und dann auf ihre Seiten stellen. Die Rachsucht, die persönliche Bereicherung und die Verhöhnung des Religiösen kennzeichnet die Herrschaft des späten Erdoğan. Dieser Mann benutzt den Islam nur noch, er lebt ihn nicht mehr auf angemessene Weise.

Mit Erdoğan wird der Bundespräsident noch viel zu tun haben. Im Spätsommer dürfte er zum türkischen Präsidenten gewählt werden. Dann ist nicht mehr der besonnene, kluge Präsident Abdullah Gül, sondern Erdoğan der direkte Partner Gaucks in der Türkei.

Michael Thumann schreibt für DIE ZEIT und ist dort für das Ressort „Mittlerer Osten“ zuständig.  Er hat jahrelang in der Türkei gelebt und ist Autor des Buches „Der Islam-Irrtum. Europas Angst vor der muslimischen Welt“.