EM-Qualifikation,2. Runde, Gruppe 6, 1. Spieltag, Frauen: Deutschland - Litauen am 27.09.2017 in der EWE-Arena in Oldenburg (Niedersachsen). Die Deutsche Xenia Smits beim Wurfversuch. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Selbstkritik war Trumpf bei den deutschen Handballerinnen nach dem schwachen Start in die EM-Qualifikation. Am Sonntag ist in der Türkei ist ein Sieg Pflicht. Die politische Situation im Land versuchen die Spielerinnen daher komplett auszublenden.

Erdogan, die große Politik oder Sicherheitsbedenken – darüber machen sich die deutschen Handballerinnen keinen Kopf. Vielmehr stecken sie vor ihrem Türkei-Trip sportlich völlig überraschend in sportlichen Schwierigkeiten . «Wir sind gut beraten, uns auf das Sportliche zu konzentrieren. Die politische Entwicklung verfolge ich in den Nachrichten zwar intensiv, das ist mir aber grade egal.» Wie Torfrau Katja Kramarczyk denken die meisten Nationalspielerinnen, die am Freitag zum zweiten Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2018 aufbrechen, das am Sonntag um 16.00 Uhr (MESZ) angepfiffen wird.

Selbst die Sicherheitslage sei kein Gesprächsthema in der Mannschaft – trotz einer mehrstündigen Busreise in den Spielort Amasya im Schwarzmeer-Hinterland. «Sport ist Sport, und Politik ist Politik. Wir haben im Moment andere Hausaufgaben zu erledigen», sagte Spielführerin Clara Woltering und spielte auf den verpatzten Start in die Qualifikationsrunde an.

Vor 2100 Zuschauern gab es am Mittwochabend in Oldenburg nur ein schmeichelhaftes 26:26 (11:14) gegen die international zweitklassigen Litauerinnen. Erst ein kapitaler Endspurt, mit dem in den letzten fünf Minuten ein Vier-Tore-Rückstand aufgeholt wurde, sorgte für den glücklichen Punktgewinn. Mit dem letzten Angriff hatte die Auswahl des Deutschen Handballbunds sogar noch die Chance zum Sieg. «Den hätten wir allerdings wahrlich nicht verdient gehabt», sagte Bundestrainer Michael Biegler.

Eigentlich wollten die deutschen Handballerinnen im WM-Spielort Oldenburg Werbung für die Heim-Weltmeisterschaft im Dezember machen. Am Ende standen aber viele Fragezeichen, wie weit die Biegler-Ladies auf dem Weg zur WM sind. «Manchmal braucht es einen massiven Impuls, damit es besser geht. Und lieber haben wir ein solches Spiel jetzt als während der Heim-Weltmeisterschaft», sagte DHB-Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld.

Für Biegler war das einzig Positive, dass seine Mannschaft in einer schier ausweglosen Lage Moral bewiesen und sich aufgebäumt habe: «Eine solche Einstellung wünsche ich mir aber von der ersten Minute an, nicht erst ab der 55. Minute.» Lichtblick war der Auftritt der 19-Jährigen Emily Bölk, die erst zur zweiten Halbzeit aufs Feld kam, dann aber mit sechs Treffern beste deutsche Werferin wurde.

Die Spielerinnen zeigten sich selbstkritisch: «Das haben wir uns komplett anders vorgestellt und das war nicht im Entferntesten das, was wir können», sagte Torfrau Kramarczyk und ergänzt mit Blick auf die Türkei: «Die können gerade zuhause ein richtig unangenehmer Gegner werden.» In Amasya wird – vom Bundestrainer geplant – eine andere deutsche Mannschaft auf dem Feld stehen. Woltering oder Spielmacherin Kerstin Wohlbold, die in Oldenburg nur auf der Tribüne saßen, werden zum Aufgebot zählen.

Alle hoffen, dass sich die Geschichte von Mittwoch nicht wiederholt, als Litauen nach sechs teilweise deutlichen Niederlagen der erste Punkt überhaupt gegen eine deutsche Frauenmannschaft gelang. Die Türkei startete in Spanien mit einer 16:35-Niederlage in die EM-Qualifikation. Die ersten beiden Mannschaften dieser Vierergruppe buchen das Ticket zur Europameisterschaft 2018 in Frankreich. Eine deutsche Frauenmannschaft war seit der EM-Einführung 1994 bei jedem Turnier dabei. Ein Sieg in der Türkei ist also Pflicht. 

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Von Björn Pazen, dpa