Seit 1952 erzielt die Bundesrepublik Deutschland Handelsüberschüsse. Nur in den ersten Nachkriegsjahren wurde mehr importiert als exportiert. 1950 gab es gar noch ein Handelsdefizit in Höhe von umgerechnet 1,54 Milliarden Euro, das aber schon 1951 auf 76 Millionen Euro geschrumpft war. Seither gibt es in Deutschland nur noch Überschüsse.

2013 soll der Handelsbilanzüberschuss der Bundesrepublik laut den Berechnungen des ifo-Instituts seinen bisherigen Höhepunkt erreicht haben. Mit umgerechnet rund 260 Milliarden Dollar weise die Leistungsbilanz sogar noch ein deutlich höheres Plus aus als die der weltgrößten Handelsnation China mit rund 195 Milliarden Dollar.

Die deutsche Exportmacht erzielt mit fast allen Handelspartnern, die sie hat, hohe Exportüberschüsse. Den größten Überschuss erzielt man dabei im Handel mit Frankreich. Dorthin wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 39,7 Milliarden Euro mehr exportiert als von dort eingeführt wurden. Auf Rang zwei folgen die USA mit (36,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (28,6 Milliarden Euro).

Das ist enorm, doch 2014 soll das Plus aus dem Handel gar noch steigen: So soll der Überschuss dieses Jahr nach 7,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes im Jahr 2013 weiter auf 7,4 Prozent anwachsen. Das erhitzt weltweit die Gemüter. Während die meisten Nationen noch gezeichnet von der Wirtschaftskrise der letzten Jahre vor sich her taumeln und ihre Importe über Schulden finanzieren müssen, scheint die Bundesrepublik Deutschland nun ihr gesamtes Export-Potenzial zu entfalten.

Wenn nun Staaten wie Deutschland enorm hohe Exportüberschüsse produzieren, dann müssen jedoch zwangsweise woanders Defizite daraus resultieren. Es herrschen in der Folge hohe Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft. Kritiker sehen darin unter anderem einen Grund für die Finanz- und Schuldenkrisen der letzten Jahre.

Zu viel für Brüssels Planwirtschaft

Der enorme Handelsbilanzüberschuss Deutschlands führte sogar dazu, dass sich die Europäische Union eingeschaltet hat, denn die Überschüsse liegen deutlich über den Vorgaben der EU, die die kritische Schwelle bei sechs Prozent erreicht sieht. Die Kommission will nun prüfen, ob der andauernd hohe Exportüberschuss Deutschlands  eine Gefährdung für Europas Wirtschaft darstellt.

Auch die USA und Frankreich, also die zwei Nationen, die unter Deutschlands Exportstärke am meisten leiden, kritisieren den deutschen Erfolg. Das hört man in Berlin überhaupt nicht gerne und lässt Kritik am eigenen Handelswunder lieber abstreifen.

Was für Kopfschütteln sorgt und gleichzeitig Anlass zur Vorsicht ist: Bei einer längeren „Fehlentwicklung“ droht Brüssel gar mit einem Mahnverfahren, an dessen Ende ein Bußgeld stehen könnte. Dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sind die hohen deutschen Überschüsse schon seit Ausbruch der Finanzkrise ein Dorn im Auge, ebenso vielen südeuropäischen Ländern.

Deutschland sei zu exportabhängig und investiere kaum in die Inlandsnachfrage, so die allgemeine These. Hardliner stempeln die deutsche Wirtschaftsentwicklung gar als zerstörerisch für die europäische Währungsunion ein, denn die deutsche Exportmaschinerie scheint sich über jegliche Konjunkturprogramme seiner EU-Nachbarn einfach hinwegzusetzen.

Wettbewerb nur, solange die Ergebnisse passen?

Sicherlich ist diese Aussage überzogen. Die Regierung in Berlin kann keinen direkten Einfluss auf den freien Handel im Ausland nehmen. Im Positionspapier des Bundeswirtschaftsministerium sagte man: „Die deutsche Exportstärke beruht nicht auf staatlichen Interventionen. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss ist vielmehr das Ergebnis des freien Wettbewerbs auf dem Weltmarkt.“

Zudem ist Deutschland der wichtigste Anker in der Europäischen Union und wenn sich der Staat nun massiv im Ausland verschulden würde, dann könnte das europäische Gebilde noch schneller ins Wanken geraten.

Doch Fakt ist, dass inländische Investitionen in Deutschland tatsächlich verhältnismäßig höher ausfallen könnten. Viele Investitionen in der BRD selbst werden nicht getätigt. Die deutsche Exportabhängigkeit sollte uns von daher nicht ganz unberührt lassen. Ein besserer Import-Export-Ausgleich bietet so manche Erleichterung, denn die riesigen Überschüsse spiegeln klar strukturelle Probleme der Wirtschaft wider.

Vor allem weist es auf die Investitionsschwäche der Unternehmen und des Staates im Inland hin. Einer schwachen Binnennachfrage sollte die Große Koalition in Zukunft mit einer positiven Einstellung zu mehr binnenwirtschaftlicher Wachstumskraft entgegentreten.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.