Deutschland hat ein Gewaltproblem

Wie „Die Zeit“ kürzlich unter Berufung auf die Ergebnisse einer Studie der Universität Bielefeld berichtete, seien dabei Heranwachsende aus armen Familien am stärksten von körperlicher Gewalt betroffen.

32 Prozent dieser Kinder gaben an, oft oder manchmal geschlagen worden zu sein. Obwohl seit 13 Jahren ein Recht auf gewaltfreie Erziehung im deutschen Rechtsbestand verankert ist, erhielten einige Kinder so heftige Prügel, dass sie blaue Flecken davontrugen. Sozial besser gestellte Kinder sind demnach deutlich seltener Opfer häuslicher Gewalt. Nur 6,6 Prozent von ihnen gaben an, oft oder manchmal Schläge zu erhalten.

Wissenschaftler der Universität Bielefeld hatten im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung 900 Kinder zwischen sechs und sechzehn Jahren befragt.

Kinder und Jugendlichen berichteten allerdings auch über häufige Fälle verbaler Gewalt: Ein Viertel aller Befragten sei demnach von Erwachsenen als dumm oder faul beschimpft worden. Arme Kinder gaben zudem deutlich häufiger als ihre besser gestellten Altersgenossen an, dass Erwachsene ihnen das Gefühl geben, weniger wert zu sein.

Auch das Fairness-Empfinden in der Schule hänge von den sozialen Verhältnissen ab: 45 Prozent der Kinder aus prekären Verhältnissen sagten, Lehrer würden bestimmte Schüler besser behandeln. Bei den privilegierten Kindern empfinden das nur rund 23 Prozent so. Ein ähnliches soziales Gefälle zeigt sich beim Mobbing unter Gleichaltrigen.

Die Kinder nehmen den sozialen Status der Eltern selbst wahr: Mehr als ein Viertel der Heranwachsenden aus benachteiligten Verhältnissen hat laut der Studie kein eigenes Zimmer. Jedem fünften dieser Kinder seien die beschränkten finanziellen Möglichkeiten der Familie bewusst.

Die Bepanthen-Kinderförderung wurde 2008 vom Pharmakonzern Bayer gegründet. Ziel der Organisation ist, arme Kinder in Deutschland zu unterstützen. Das Unternehmen spendet nach eigenen Angaben jährlich für das Kinderhilfsprojekt Die Arche, 2013 etwa für ein Konflikttraining.

Von Gewalt betroffene Kinder empfinden auch Lehrer als unfair

In einem Interview mit der „Zeit“ legt der an der Erarbeitung der Studie beteiligte Erziehungswissenschaftler Holger Ziegler darauf Wert, einen differenzierten Ansatz in der Erhebung verfolgt zu haben: „Wenn Kinder Lehrer als unfair empfinden, heißt das nicht, dass sie es auch sind. Es ist aber erstaunlich: Je niedriger die soziale Schichtung, und je häufiger die Kinder mit Gewalt zu tun haben, umso unfairer nehmen sie die Lehrer wahr. Jugendliche haben übrigens weniger Probleme mit Pädagogen.“

Ziegler glaube, dies hänge mit dem dreigliedrigen Schulsystem zusammen. Dass sich Kinder unfair behandelt fühlen, ergebe sich oft aus dem sozialen Vergleich. Jugendliche seien jedoch in den Klassen sozial geschichtet und diese Schichten blieben sozusagen unter sich. Deshalb würden sie diese Form der Ungerechtigkeit nicht mehr wahrnehmen.

Man habe die Interviews in den eigenen vier Wänden der Familien geführt und mit Kindern und Eltern gesprochen. Man habe Eltern zu ihrem Erziehungsstil und über ihre eigenen Probleme befragt, aber auch konkret, ob sie ihr Kind vergangene Woche geohrfeigt hätten.

Dabei hätte man eine aufschlussreiche Beobachtung gemacht: „In den Familien aus der Unterschicht deckten sich die Antworten von Eltern und Kindern. In der Mittel- und Oberschicht passen die Aussagen oft nicht zusammen. Diese Eltern wissen, dass Gewalt an Kindern gesellschaftlich verpönt ist. Die Kinder aber antworten ehrlich,“ so Ziegler.

Im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion kritisiert Ziegler, dass dort lediglich das Verhalten von Kindern und Jugendlichen thematisiert werde, die auf Gewalterfahrungen selbst mit Gewalt reagieren würden.

Keine spezifische Unterschichten-Gewaltkultur

Es gebe hingegen eine relativ große Gruppe, die still leiden würde. „Sie ziehen sich eher zurück, haben am häufigsten psychische Probleme und sind öfter unzufrieden mit ihrem Leben. Sie trauen sich oft nicht zu sagen, dass es ihnen schlecht geht. Und das ist ein Problem unserer Gewaltdebatte. Die gesamte öffentliche Diskussion richtet sich an Kinder, die auf Gewalt mit Gewalt reagieren. Die stillen Opfer werden nicht unterstützt und fallen durch das Raster institutioneller Maßnahmen“, meint Ziegler.

Seit der Verabschiedung jenes Gesetzes, das Gewalt in Familien ächtet, seien die Gewalttaten zwar zurückgegangen, verharrten aber trotzdem auf einem konstanten Niveau. Dies sei ein gesellschaftliches Problem. Der Staat solle bei der Auswahl seiner Lehrer umsichtiger vorgehen, um zu verhindern, dass diese als Angst einflößend wahrgenommen würden.

Es gäbe auch keine gewalttätige spezifische Unterschichtkultur. „Schichtung alleine sagt nichts aus. Wir wissen aber, dass Menschen in schwierigen Situationen, belasteter sind. Schulden und Stress beeinflussen das Familienklima. Wir wissen, dass Eltern aus der Untersicht beseelt davon sind, dass ihre Kinder durch Bildung weiterkommen. Diese Kinder und Jugendlichen spüren einen unendlichen Druck. Sie fühlen sich überfordert und haben Angst vorm Scheitern. Das ist als für Eltern und Kindern gleichermaßen belastend. Es gibt also keine fatalistische Unterschichtskultur, wo man einfach draufhaut, wenn etwas nicht passt,“ so Ziegler. (dtj)