In der Bibliothek - Ein Mann

Die Förderung und optimale Ausreizung des Humankapitals ist in Zeiten des demografischen Wandels von Gesellschaften und des damit einhergehenden Fachkräftemangels von größter Bedeutung. Am besten setzen, wenn es nach dem Weltwirtschaftsforum (WEF) geht, die Schweizer ihr kostbarstes Gut ein. Kein anderes Land scheint so gut für den globalisierten Wettbewerb gerüstet zu sein wie die Schweiz.

Experten bestätigen, dass der Trend langfristig nur in Richtung Aufwertung des Humankapitals gehen kann. Angesichts knapper werdender menschlicher Ressourcen infolge demografischer Veränderungen werde die Investition in Humankapital immer wichtiger, schreibt WEF-Begründer Klaus Schwab im Vorwort zum erstmals veröffentlichten „Human Capital Report“.

Die Marschrichtung wird demnach von der Schweiz vorgegeben und dient den Konkurrenten als gutes Vorbild. Auch Deutschland kämpft um die besten Plätze und belegte dieses Jahr den 6. Platz, noch vor Norwegen, Dänemark und den USA. Finnland folgte auf die Schweiz und belegte damit den 2. Platz, gefolgt von Singapur, Niederlande, Schweden und Deutschland. Viele dieser Länder bewegen sich auf einen Mangel an Fachkräften zu. Und deswegen müssen sie sich diesem Kampf stellen und sich der Optimierung des Arbeitskräftepotenzials verschreiben. Wenn diese Problematik nicht mit adäquaten Mitteln behandelt wird, werde sich dies negativ auf das globale Wirtschaftswachstum niederschlagen, schreiben die Autoren des „Human Capital Report”.

Die Studie soll aufzeigen, wo sich bei den Ländern in puncto Humankapital Schwachstellen befinden, und wo investiert werden muss, um langfristig Verbesserungen zu erzielen. Gearbeitet wurde diesbezüglich mit dem Humankapitalindex, der in allen 121 Teilnehmerländern ermittelt wurde. Mittels verschiedenster Indikatoren wurde dann die Studie in vier Bereiche gegliedert: nämlich Ausbildung, Gesundheit, Anstellungsverhältnisse und Verkehrsinfrastruktur.

Das deutsche Bildungssystem stellt noch immer viele Hürden auf

Deutschland positioniert sich in allen Bereichen, bis auf den Bereich Bildung, sehr gut und gibt sich durchaus solide. Wenn man den Bildungsbereich isoliert betrachtet, belegt die Bundesrepublik jedoch nur Platz 19. Das deutsche Bildungssystem ist – abgesehen vom etatistischen Schulzwang, der in vielen anderen Ländern durch eine Bildungspflicht ersetzt wurde – noch immer sehr undurchlässig. Noch immer ist es schwer, zwischen den Schulformen zu wechseln. Frei nach dem Motto: einmal Hauptschule, immer Bildungs- und Arbeitsmarktverlierer.

Vor allem Kinder aus Haushalten mit hohem Einkommen und einem hohen Bildungsgrad der Eltern machen Abitur. Vor allem Kinder von Akademikern studieren. Hierzulande entscheidet noch immer der soziale Hintergrund eines Schülers oder Studenten, wie weit er es in der deutschen Bildungslandschaft bringt. Kaum besser sieht es aus, wenn die erste Berufsausbildung abgeschlossen ist. Eine berufliche Neuorientierung im Erwachsenenleben ist hierzulande schwer.

Bildung und Schule werden immer noch als marktfreie Zone gesehen bzw. wird dieser Zustand sogar vielfach erst politisch angestrebt, mit der Konsequenz, dass Bildung oft an den Marktchancen vorbeigeht. Erst wenn Bildung als Dienstleistung am Kind statt als Pflichterfüllung gegenüber dem Staat gesehen wird, kann sich die Lage bessern.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist dennoch stabil und weil es Deutschland geschafft hat, durch die Agenda 2010 die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, wird das Land für seine Arbeitsmarktsituation in ganz Europa beneidet. Allerdings haben es insbesondere ältere Arbeitnehmer noch schwer. Sie könnten besser und länger eingegliedert sein, stellt der Report fest.

Aber dazu müsste sich Deutschland möglicherweise erst mal von einer Mentalität verabschieden, die – wie vor einigen Jahren geschehen – das Wort „Humankapital“ als solches zum „Unwort“ stempelt.