Zahide Özkan-Rashed im DTJ-Interview

„Ich möchte den Menschen einen Spiegel vorhalten“

Die Türken, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, gehörten einer bildungsfernen Schicht an. Aus ihren Kindern sind Schriftsteller, Politiker und Fußballstars geworden. Zahide Özkan-Rashed ist eine von ihnen. Jetzt schrieb sie ihre Erinnerungen auf.

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In den 1960er und 70er Jahren sind nicht nur gesunde, kräftige türkische Männer zum Arbeiten aus Anatolien nach Deutschland gekommen. Es kamen auch viele Frauen und Kinder. Zahide Özkan-Rashed ist eines dieser kleinen Mädchen, die im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland kam und hier ihren eigenen Weg ging.

Im Gegensatz zu vielen anderen hat sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben und als autobiografischen Roman unter dem Titel „Hab keine Angst“ veröffentlicht. Nach der Lektüre des Buches wünscht man sich, dass die vielen anderen Gastarbeiterfrauen- männer und -kinder doch auch ihre Erinnerungen aufgeschrieben hätten.

Wir sprachen mit der Autorin Zahide Özkan-Rashed darüber, wie die Idee zum Buch entstanden ist und wieso sie soviel Persönliches preisgibt.

Ist ihr Buch eher eine Autobiografie oder ein Roman?

Es ist eine Autobiografie mit Blick auf die ersten 27 Jahre, somit etwa auf die Hälfte meines bisherigen Lebens. Feride, die Hauptperson meines Buches, deren Übereinstimmung mit mir sehr groß ist, erinnert sich an diesen Lebensabschnitt.

Es sind nicht viele aus der ersten oder zweiten Einwanderergeneration die zum Stift greifen. Was hat Sie bewegt, ein Buch aus ihren Erinnerungen heraus zu schreiben?

Das Phänomen der Einwanderung mit all ihren Facetten und Dimensionen beschäftigt und verändert die Gesellschaft. Oft genug gibt es Anlass zu öffentlichen Diskursen und politischen Debatten.
Was Einwanderung, damit einhergehend Fremd- und Andersartigkeit im und am Menschen verursacht, geht dabei oft unter. Feride lenkt den Blick auf den Menschen an der Basis. Was denkt und fühlt er, wenn er Gegenstand von politischen Diskussionen ist oder wenn er im täglichen Leben mit Vorurteilen konfrontiert wird? Was empfindet ein eingewanderte Mensch, wenn seine „urdeutschen Mitbürger“ ihm freundschaftlich gegenübertreten, ihn unterstützen, ihm Anerkennung entgegenbringen?

Ich möchte den Menschen einen Spiegel vorhalten, sie zur Selbstreflexion und zur Besinnung zu inneren, als Mensch verbindenden und verbindlichen Werten ermutigen. Mein Buch ist ein Plädoyer dafür, dass jedem Menschen Achtung gebührt und dies die wichtigste Grundlage für ein harmonisches Miteinander ist.

Feride beherrscht viele Fremdsprachen und will trotz der Auswahl des Medizinstudiums ihre Sprachkenntnisse erweitern. Ist es eine Art „Schutzinstinkt“ von Feride? Sie leidet ja in den ersten Jahren ihres Lebens in der neuen Heimat darunter, die deutsche Sprache nicht verstehen zu können. 

Fremdsprachen waren für Feride ein Medium des persönlichen Ausdrucks in der zwischenmenschlichen Kommunikation, dessen sie sich unbefangen bedienen konnte. Hier konnte sie Fehler zulassen, ohne zu befürchten, Erfahrungen der Minderwertigkeit und der Ausgrenzung zu machen. Denn falscher Sprachgebrauch im Deutschen konnte mit dem Ausländerstatus in Verbindung gebracht werden und ein Defizit darstellen. Feride konnte sich also in anderen Sprachen ungehemmt entfalten. Und es war faszinierend zu erleben, wie sich damit Grenzen überwinden ließen und wie dabei der universelle Geist des Menschseins als verbindendes Element spürbar wurde.
 Sich in verschiedenen Sprachen zu artikulieren war für Feride wie sich in verschiedenen Farben zu präsentieren, aber trotz der Variationen und der Nuancen die gleiche Botschaft zu senden.

Ich glaube nicht so sehr, dass Sprachen für Feride eine Art „Schutzinstinkt“ darstellen. Vielmehr würde ich darin eine Bejahung der Vielfalt und der Weltoffenheit in ihrer Persönlichkeitsbildung sehen. Nicht zu vergessen die Freude und Befriedigung, die davon ausgingen.

Und wie wichtig ist Sprache für Sie, Frau Dr. Özkan-Rashed?

Für mich persönlich ist Sprache wichtig. Da meine hauptberufliche Tätigkeit als Ärztin mich anderweitig stark beansprucht, konnte und kann ich meine Kenntnisse nicht so erhalten und ausbauen, wie ich es gerne getan hätte und tun würde. Das betrifft vor allem mein Arabisch, das mich mittlerweile sogar bei sehr einfachen Konversationen ziemlich herausfordert.

Wen möchten Sie mit ihrem Buch erreichen?

Erreichen möchte ich diejenigen, die sich für Menschen interessieren, deren Biographie fremde Elemente beinhaltet, die Wurzeln in einem anderen Land haben und eine andere Tradition, vielleicht eine andere Religion oder auch weitere Variationen der Weltanschauung und der Lebensgestaltung einbringen.

Migranten selbst können sich ebenfalls in meinem Buch angesprochen, vielleicht sogar verstanden fühlen oder einfach zum Nachdenken angeregt werden.

Autoreninfo:

Dr. Zahide Özkan-Rashed wurde 1962 geboren. Sie ist Ärztin und lebt derzeit in Frankfurt am Main.