„DHKP/C-Mitglieder von den Türkischen Streitkräften ausgebildet“

Die THKP/C von Mahir Çayan ging mit den bewaffneten Strukturen Hand in Hand, auch die heutige DHKP/C ordert bewaffnete Aktionen zur Unterfütterung des politischen Anspruches oder zur Finanzierung ihrer politischen Arbeit. Während die THKP/C im Jahre 1971 die meiste Zeit mit Banküberfällen und Entführungen verbracht hat, plante sie in weiterer Folge, die festgenommenen Mitglieder der THKO (türkisch: Türkiye Halk Kurtuluş Ordusu; Die türkische Volksbefreiungsarmee) zu befreien.

Bisweilen wurden die Aktivitäten auch verknüpft. Deswegen hatten sie am 17.Mai 1971 den Generalkonsul von Israel, Efraim Elrom, entführt und in ein „Volksgefängnis“ der Organisation eingeschlossen. Für das Leben Efraim Elroms haben sie die Freilassung der THKO-Gefangenen verlangt.

Vom „Volksgefängnis“ bis Poyrazköy

Die damalige Regierung hat sich auf diesen Handel nicht eingelassen. Daraufhin wurde Efraim Elrom noch in der Gefangenschaft von dem Kapitän İlyas Aydın und dem Leutnant Saffet Alp – beide Luftfahrtoffiziere der türkischen Streitkräfte, welche an der Organisation und der Entführung in Person beteiligt waren – ermordet. Aufgrund dieses Ereignisses wurden nach Untersuchungen innerhalb der türkischen Streitkräfte (TSK) 57 Offiziere und 11 Unteroffiziere entlassen.

Bis heute fällt im Zusammenhang mit zahlreichen Vorfällen innerhalb der Armee wie etwa der Ermordung eines Admirals im Zusammenhang mit der 2009 erfolgten Enthüllung des Ergenekon „Cage Action Plans“ im Istanbuler Stadtteil Poyrazköy immer wieder ein Naheverhältnis von Terroristen zu Teilen der TSK auf.

Die Erkenntnis, dass die heutige DHKP/C fast zur Gänze von Mitgliedern der TSK ausgebildet wurde, war eine der schockierenden Wahrheiten, die sich im Zuge des Ergenekon-Prozesses herausgestellt hatten. Und sie wurden immerhin durch einen Insider bestätigt – nämlich vom geheimen Zeugen İsmet, der jahrelang im Namen der Dev-Sol und der DHKP/C gearbeitet hat und mit brisanten Aussagen zur Aufklärung des Falles beigetragen hatte.

Die Aussage des geheimen Zeugen İsmet beinhaltet unter anderem folgende Passage: „In den Jahren 88-89 wurden die privaten Typ-A-Spezialeinheiten gegründet. In diesen Einheiten haben wir auf Anweisung mit der Terrororganisation Treffen durchgeführt unter Mitwirkung jener Zuständigen, die als Offiziere gedient haben. Bei den Treffen haben wir unser Wissen über explosive Waffen und geheimdienstliche Fragen ausgetauscht.“

İsmet, der erzählt, er hätte im Einsatzgebiet der PKK in Bekaa eine Waffenausbildung mit den Führungskräften der Organisation erhalten, teilte mit, dass Ausbilder aus Syrien und Vietnam die Militanten innerhalb der Organisation geschult hätten. Außerdem wären von einem Offizier der türkischen Spezialeinheiten ausgebildet worden.

Dilovas: „Alkılıç hielt seine Hand über die Dev-Sol“

Auch der geheime Zeuge Dilovas wusste Aufrüttelndes zu berichten: „Es wurde erkannt, dass die oberste Führungskraft der Organisation, das derzeitige Mitglied des Zentralkomitees namens Faruk Ereren (er befindet sich immer noch in der Führung der Organisation), verfolgt wurde. Uns wurde gesagt, dass es sein könnte, dass wir eine Einheit zur Befreiung Ererens aufstellen müssten.

Die Person mit dem Namen Emin Alkılıç und Veli Küçük haben familiären Kontakt. Dieser Kontakt hat sowohl eine freundschaftliche als auch eine geschäftspartnerschaftliche Komponente. Also jeder weiß genau, welche Geschäfte der jeweils andere betreibt. Wenn ein Geschäft, das Alkılıç machen möchte, beschwerlich und problematisch sein sollte, trifft er sich umgehend mit Veli Küçük und er macht keine Geschäfte, ohne mit ihm darüber gesprochen zu haben.

Emin Alkılıç, der mit Veli Küçük Kontakt hat, schützte die oberste Führungskraft der Dev-Sol vor der Verfolgung durch die Polizei.“

Angesichts dieser Aussagen stellt sich die Frage, was an der DHKP/C eigentlich noch „echte“ kommunistische Untergrundtätigkeit ist.

Die drei Revolutionskumpane Dursun Karataş (Foto, r.), Bülent Uluer und Paşa Güven hatten 1978 die Dev-Yol verlassen und diese dabei des Revisionismus und der Passivität beschuldigt. Paşa Güven, der wie die anderen beiden ein Kurde und darüber hinaus Alevit war, unterstützte zusammen mit Dursun Karataş die politisch-militärische Strategie von Mahir Çayan, dem Führer der THKC/P, und nahm an der Gründung der „Revolutionären Linken“ teil. Später wurde er jedoch des Verrats beschuldigt.

Paşa Güven, der all seine Energien und sein Leben der Dev-Sol gewidmet hat, verlor sein Leben, als ihm eine Todesschwadrone aus den eigenen politischen Reihen eine Pistole an den Nacken setzte. Aufgrund seiner Bewunderung für Mahir Çayan hatte er seinem Sohn den Namen Mahir gegeben. Einen ersten Attentatsversuch Dev-Sols hatte er überlebt. Doch bei diesem Angriff wurde der kleine Mahir Zeuge, wie Dev-Sol-Extremisten beide Eltern töteten und erlitt einen Schock.

Der linke Mann der Abteilung für spezielle Kriegsführung

Im Zuge der Ergenekon-Untersuchung traten sehr interessante Informationen zutage. Die Staatsanwaltschaft ist während der Untersuchung durch die Angaben des festgenommenen und inhaftierten Hikmet Çiçek auf folgende Informationen gestoßen:

„Çatlı und Karataş hatten miteinander regelmäßigen Kontakt. Abdullah Çatlı und Dursun Karataş kennen und treffen sich bereits seit der Paşa-Güven-Zeit. In letzter Zeit haben sich Çatlı und Karataş manchmal auch unter vier Augen getroffen. Paşa Güven kommt aus Erzincan. Seine Frau und zwei Kinder sind immer noch in Frankreich.

Der „linke“ Mann der ÖHD (türkisch: Özel Harp Dairesi; Abteilung für spezielle Kriegsführung) war Paşa Güven und der „rechte“ Mann war Çatlı. Vor dem 12. September haben Paşa Güven und auch Çatlı unter der Aufsicht der CIA nach Vorgaben der ÖHD gearbeitet. Auf die Waffen in den Händen der Nationalisten folgten die Seriennummern, die für Dev-Sol bestimmt waren. Die Waffen kamen aus der gleichen Quelle. An einem Tag sind die Termine verwechselt worden und es wurde befürchtet, dass Paşa Güven und Çatlı sich begegnen würden.

Çatlı und Karataş trafen sich persönlich. Mittels Karataş wurden die Drogen Bucaks in Frankreich verkauft. Dieses Geschäft hat Çatlı organisiert. Nachdem Çatlı, für den Drogenkauf mit einer anderen Identität ausgestattet, sich mit Karataş getroffen hat, klärte der französischen Geheimdienst Karataş über die Identität Çatlıs auf. Trotz der Verbindung Çatlıs zur CIA hat Karataş diese Beziehung fortgesetzt.“

Diese Informationen sind in der umfangreichsten Anklageschrift zu Ergenekon auf Seite 304 verarbeitet. Aus dem zehnseitigen Konvolut an Beweisdokumenten, die sich in Ordner 416 finden, und nach der Aussage Tuncay Güneys hatte Hüseyin Kocadağ, der im Susurluk-Unfall verstorben war, die später angeklagte Dev-Sol-Aktivistin Ferhiye Erdal im Sabancı-Center angestellt (dessen Inhaber später von dieser und zwei Dev-Sol-Genossen ermordet worden sein soll).

„Opportunismus“ bei den linksextremen Gruppen?

Nachdem die beständig mit dem Staat verflochtene DHKP/C 1998 in Deutschland verboten wurde, verlegte sie ihr Verwaltungszentrum nach Belgien.

Es ist bekannt, dass die immer noch aus den Gefängnissen dieses Landes heraus geführte Organisation viele ihrer Führungselemente in diesem Land hat. Seit der Verhaftung vieler gebildeter Kader – infolge von Operationen, die gegen die Gruppe durchgeführt wurden – sind die Haftanstalten zum Steuerungszentrum der DHKP/C geworden.

Genau an dieser Stelle übernehmen die Anwälte auf der Basis jener Rechte, welche ihnen kraft ihres Berufes durch die Rechtsordnung eingeräumt werden, lebenswichtige Missionen für die Organisation.

Die DHKP/C beschuldigt die anderen linken Gruppierungen als „opportunistisch“, da sie nicht ausreichend stabil und sorgfältig wären. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie auch die PKK mit der Begründung kritisiert, diese würde „keinen Kampf für den Sozialismus, sondern für den Nationalismus“ führen.

Mittlerweile hat sich der Ton seitens der DHKP/C geändert. Sie äußert nun bei jeder Gelegenheit, dass die gegenwärtige Revolution nur durch die Einigung aller illegalen Organisationen stattfinden könne, und behandelt die PKK, obwohl sie streckenweise ihre Vereine angreift, nun nicht mehr mit Kritik, sondern arbeitet eher auf eine Vereinigung hin.

Eigentlich hat die PKK damit auch die türkischen linken Fraktionen, die zu Beginn in vielen Bereichen abweichende Auffassungen vertreten hatten, zum Gehorsam gezwungen.

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Autoreninfo: Gültekin Avcı schreibt für die türkische Tageszeitung Bugün.