„Er muss wohl ein großer Mann gewesen sein.“ Das war die gängigste Reaktion auf die Todesmeldung in den Fernsehnachrichten.

Denn zu seiner Beerdigung kam Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan höchstpersönlich. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu und andere hochrangige Vertreter des Staates waren ebenfalls zugegen. Die Leitung des Staatsfernsehens TRT veröffentlichte eine Erklärung, die mit den Worten „Eine von uns hochgeehrte Persönlichkeit, ein großer Bruder, ein Journalist, Meister seines Fachs“ begann und dem Verstorbenen im Namen der „Familie TRT“ Gottes Segen und den Hinterbliebenen Geduld beim Ertragen des Schmerzes über den Verlust wünschte.

Sogar im Namen des türkischen Generalstabs wurde eine Erklärung veröffentlicht. Im Namen des Chefs der Presseabteilung des Generalstabs, Brigadegeneral Ertuğrul Gazi Özkürkçü, druckte die Zeitung Yeni Akit eine Erklärung ab, in der es hieß, der Verstorbene habe „auch in schwierigsten Zeiten seine Stimme gegen die Ungerechtigkeit erhoben“ und sei „von seiner aufrechten Haltung niemals zurückgewichen.“ Später stellte sich heraus, dass der Begriff ’aufrechte Haltung’ im Original nicht vorhanden war, sondern beim Abtippen der Erklärung ’versehentlich’ hinzugefügt wurde.

Gespannt, um welche bedeutende Persönlichkeit es sich beim Verstorbenen handelt? Es geht um Hasan Karakaya, Chefredakteur der Zeitung Yeni Akit.

Wie konnte aber der Generalstab, der bislang als das Bollwerk des Laizismus und der säkularen Lebensweise galt, eine solche Huldigung auf einen islamistischen Journalisten abgeben, mit dem er bislang in inniger Feindschaft verbunden war? Hat sich die Zeitung geändert oder der Generalstab? Schaut man sich den Werdegang von Hasan Karakaya und seiner Zeitung an, so stellt sich diese Frage dringender denn je.

Denn die Zeitung Yeni Akit und ihre Vorgänger sind sowohl in der Türkei als auch in Deutschland kein unbeschriebenes Blatt. Die Zeitung, die 1993 gegründet wurde, hieß bis 2001 Akit. Zwischen 2001 und 2010 trug sie den Namen Anadolu’da Vakit, seit 2010 heißt sie Yeni Akit. Hasan Karakaya gehörteihr seit 1995 an.

Die Zeitung gilt als islamistisch, antisemitisch und atatürkfeindlich. Sie ist bekannt dafür, dass sie Tabus übertritt und kein Blatt vor den Mund nimmt.

Auffälligste Hetzzeitung der Türkei

Der Hrant Dink-Stiftung zufolge, die den Namen des erschossenen armenischstämmigen Journalisten trägt und Hassrede in den Medien dokumentiert, ist Yeni Akit die Zeitung in der Türkei, die am meisten durch Hetze gegen Minderheiten auffällig geworden ist. Die Liste der Opfer und Feindbilder der Zeitung ist lang: Juden, Armenier, Griechen, Jesiden, Anhänger der zoroastrischen Religion, Atheisten, Homosexuelle, Säkulare, Sozialisten, Kommunisten, Kemalisten, linke Nationalisten, CHP-Anhänger, Feministen, Freimaurer und Fethullah Gülen.

So behauptete Yeni Akit im September 2014, die Mutter von Fethullah Gülen hieße mit dem Nachnamen eigentlich Rabin und sei Nachfahre spanischer Juden – wie vielsagend es doch ist, jemanden diffamieren zu wollen, indem man jüdische Vorfahren erfindet. Im September 2012 behauptete sie, das Online-Lexikon Wikipedia befände sich im Fahrwasser Israels, da es über Israel mehr Artikel gebe als über die Türkei. Im Februar 2015 meinte die Zeitung über eine vergewaltigte und ermordete Frau, die Ursache für das, was ihr wiederfahren ist, sei ihre „westliche Lebensweise“ gewesen. Nach einem umstrittenen Kopftuchurteil des Danıştay (Staatsrat, eines der obersten Gerichte der Türkei) veröffentlichte die Yeni Akit die Fotos der Richter. Später gab es ein Attentat auf das Gericht, ein Richter starb, vier wurden verletzt. Die Zeitung wurde wegen Volksverhetzung verurteilt. Nach dem Tod von Osama bin Laden veröffentlichte sie eine ganzseitige Traueranzeige. Sie ist sich auch nicht zu schade, Atatürk als „Hurensohn“ zu beschimpfen.

Yeni Akit sehnt sich nach Hitler  

Auch Adolf Hitler ist in der Zeitung ein beliebtes Motiv. Mit Hitler werden deutsche Politiker beschimpft. Im September 2007 bezeichnete sie die Bundeskanzlerin Merkel als „zweiten Hitler“, davor wurde auch der damalige Bundesinnenminister mit diesem Motiv belegt. Denn Otto Schily hatte die Zeitung, die seit 2001 in Deutschland gedruckt wurde, im Februar 2005 wegen des Straftatbestands der Volksverhetzung verbieten lassen.

Doch sie nutzt Hitler nicht nur als Schimpfmotiv, von Zeit zu Zeit taucht er auch als ’positive’ Figur auf. Im Juli 2014 setzte die Zeitung auf ihrer Rätselseite in die Mitte das Bild Hitlers. Die Leser, die das Rätsel lösen, sollten einen Begriff suchen. Diejenigen, die das Rätsel erfolgreich lösten, fanden ihn auch unter dem Bild Hitlers: „Seni arıyoruz“, sinngemäß übersetzt: „Wir sehnen uns nach dir“ (wörtlich: „Wir suchen dich“). Welche seiner Eigenschaften Hitler diese Sehnsucht verdankt, wird der geschichtskundige Leser leicht erraten können.

Auch der Chefredakteur Hasan Karakaya war für seine Spitzzüngigkeit bekannt. Nach dem Krebstod von Türkan Saylan, einer bekannten Persönlichkeit der Säkularen in der Türkei, schrieb er, „Sie ist nur wertvoll, weil sie gestorben ist“. Und weiter: „Es gibt keine Regel, dass man über die Toten nicht sprechen soll. Der Islam empfiehlt uns, nichts Schlechtes über ’unsere’ Toten zu sagen. Hier ist die Rede von ’unseren’ Verstorbenen und nicht von Verstorbenen allgemein.“

Weitere Beispiele über Hasan Karakaya aufzuzählen würde wohl die Gefahr mit sich bringen, mit ihm in der gleichen Liga zu schreiben, weshalb an dieser Stelle davon abgesehen werden sollte.

Diagnose der Türkei

Beobachter der Entwicklung in der Türkei sprechen mittlerweile davon, dass die Art und Weise der Denkweise und politischen Rhetorik von Yeni Akit sich auf das gesamte Land ausgebreitet habe. Sie sprechen von Akitisierung der Türkei, wobei sie Akitisierung nicht als Lob sondern als schlimme Diagnose verstehen.

Würde in einem normalen Land, das seine ethischen Maßstäbe noch nicht verloren hat, ein solcher Journalist von einem solchen Hetzblatt diese Hochachtung der gesamten Staatsführung erfahren?

Eine abschließende Anekdote:

Beim Rückflug aus Medina soll Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan den Platz von Hasan Karakaya leer gehalten haben. Er soll zudem geäußert haben: „Ich hatte zwar an noch etwas gedacht. Wir hätten seinen Sarg auf den Tisch stellen und nicht in der Cargo-Abteilung transportieren sollen. Da wir aber dafür die Route hätten ändern und nochmal landen müssen, konnten wir das nicht realisieren.“

Die Reaktion auf die Nachricht ist schon richtig. Ein solcher Mann muss bedeutend gewesen sein.