Die 4 großen Vereine auf den Fersen der „Gurbetçi“

Früher lagen die Gründe für das mittelmäßige Image des türkischen Fußballs in einer schlechten Infrastruktur: Harte und poröse Ackerplätze, spartanische Verhältnisse in ästhetisch hinkenden Beton-Dschungeln, die als Fußballstadien für internationale Partien oft mit mangelhaften Bewertungen abschnitten.

Dies sollte sich ab Mitte der 80er-Jahre ändern. Unmittelbar nach dem missglücktem Auftritt der DFB-Elf bei der Europameisterschaft `84 trat Nationalcoach Jupp Derwall von seinem Amt zurück und eilte als deutscher Entwicklungshelfer in die türkische Liga zum Traditionsclub Galatasaray. Für Derwall, den Europameister von Rom 1980 und WM-Zweiten von Madrid 1982, war das eine neue Herausforderung.

Und in der Tat sollte sich eine neue Ära anbahnen. 1989 gelangte zum ersten Mal ein türkischer Verein unter den „besten Vier“ im europäischen Wettbewerb der Landesmeister (heutige Bezeichnung: „Champions League“). In dieser Kategorie ist der Erfolg bisher immer noch nicht übertroffen. Jupp Derwall ging als Pionier in die Annalen der Geschichte ein.

Nach dem Militärputsch von 1980 „öffnete“ sich das Land erstmals aufgrund der Reformen von Präsident Turgut Özal, der sich auch für die Autonomie des türkischen Fußballverbandes engagierte. Diese Modernisierung sollte den Grundstein für die internationalen Erfolge um die Jahrtausendwende legen. Die in Fußballkreisen so genannte „Goldene Generation“ schaffte mit Galatasaray den Gewinn des UEFA-Pokals (2000) und anschließend bezwang man sogar den Spitzenclub Real Madrid im Super-Cup (2001).

Unmittelbar danach folgte auch der überraschende Aufstieg der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2002, wo Platz drei erzielt und somit der allergrößte Erfolg in der Geschichte des türkischen Fußballs erzielt wurde. Es blieb auch dabei. Die nunmehr als Unternehmern geführten Clubs hatten anscheinend keine neuen Visionäre mehr wie Derwall, Sepp Piontek oder Fatih Terim.

Chancen der Jahrtausendwende nicht genutzt

Die Club-Funktionäre wollten den Tag retten und den Druck der Medien und Fans absorbieren, indem sie einen Transfer nach dem anderen machten. Die Investitionen flossen in die Taschen der internationalen Manager, die Liga wurde zum Schrottplatz der Fußballindustrie. Sergen Yalçın, ehemaliger Nationalspieler und renommierte Persönlichkeit im türkischen Fußball, sagte bei einem TV-Interview, dass die Jugendarbeit im türkischen Fußball seit Jahrzehnten vernachlässigt wurde.

„Viele Clubs der „Süper Lig“ investieren Millionen von Euros in Transfers von internationalen Spielern, wobei die Angestellten der Jugendetage monatelang auf ihre Gehälter warten, gar verzichten müssen“, erwähnte der ehemalige Spieler von Besiktas, der für alle vier großen Clubs seine Verdienste aufwies.

Heute zählt die türkische Süper Lig mit seinem Marktwert von ca. 700 Millionen Euro zu den teuersten und kaufkräftigsten Ligen Europas – auf Platz 6 hinter England, Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich und Russland. Die Institutionalisierung der Clubs und die Investitionen in Stadien führten zu diesem Aufstieg, doch unter dem Machtkampf der Club-Chefs geriet der sportliche Erfolg ins Abseits.

Die letzte Teilnahme der Nationalelf an einem internationalen Turnier liegt mittlerweile schon lange zurück (Euro 2008). Eine Teilnahme an der WM 2014 in Brasilien ist nach aktueller Tabellensituation wohl kaum noch möglich. Unter der Leitung von Abdullah Avcı befindet sich die „Milli Takım” nur noch auf Rang 54 in der FIFA-Weltrangliste – die schlechteste Bilanz seit Jahrzehnten.

Auch die Vereine haben auf internationaler Ebene viel Nachholbedarf: Durch die lang erwarteten Erfolge von Fenerbahçe und Galatasaray in den europäischen Wettbewerben hat sich die aktuelle Position der Liga in der UEFA-5-Jahres-Wertung von blamablen Rang 12 auf Platz 10 verbessert.

Beschränkung auf sechs Legionäre

Jedoch bleibt angesichts des Potenzials noch viel zu wünschen übrig. Aus der eigenen Jugend wächst nur selten ein talentierter Spieler wie Arda Turan heran, der seine Karriere jetzt bei Atletico Madrid fortsetzt. Der Fußballverband möchte hier ein Zeichen setzen und fordert die Vereine auf, mehr in die eigene Talentförderung einzusetzen.

Ab der neuen Saison dürfen nur noch sechs ausländische Kicker im Kader auflaufen. Diese besonders unter den vier großen Klubs umstrittene Regelung führt wiederum zu einer neuen Problematik. Talentierte Spieler, die einen türkischen Pass besitzen, werden für gigantische Gagen und Ablösesummen vermarktet. Der Traditionsclub Fenerbahçe hat für die Neuverpflichtung des türkischen Nationalspielers Alper Potuk ca. 60 Millionen Türkische Lira (etwa 25 Mio. Euro) investiert.

Diese Situation macht besonders die Profis mit türkischem Pass kostbar. Sowohl die Istanbuler Traditionsclubs als auch die anatolischen Vereine tasten mithilfe ihrer Scouts ganz Europa ab. Sie sind auf den Fersen der „Gurbetçi“ – eine Fußball-Bezeichnung für die im Ausland lebenden Profis. Allein in der ersten, zweiten und dritten Bundesliga wird die Zahl der Profis mit türkischer Staatangehörigkeit auf 50 geschätzt.

Mit verlockenden Angeboten versuchen Klubs und der türkische Fußballverband, diese Spieler in die heimische Liga und die Nationalmannschaft zu integrieren. Viele von Ihnen, wie die Altintop-Brüder, haben genau das gemacht, was ihre Großeltern vor 50 Jahren taten. Sie sind als Arbeitskräfte ausgewandert. Allerdings hat sich das Blatt gewendet und die Kinder der Migranten sind in die Heimat ihrer Eltern gegangen.

Nachwuchspotenzial in Deutschland und Spanien

Dagegen hat der Reiz der türkischen Süper Lig für die meisten in Europa tätigen Profifußballer abgenommen. Die meisten Kicker versuchen, ihre sportliche Karriere in den heimischen Ligen fortzusetzen. Viele setzen sich auch erfolgreich durch. Neben Mesut Özil, İlkay Gündoğan, die für Spitzenklubs wie Borussia Dortmund, Real Madrid oder für die DFB-Elf spielen, sieht man auch mittlerweile viele andere Talente, wie Gökhan İnler (Nationalteam der Schweiz und SSC Neapel), Emre Can (FC Bayern), den Erfolgscouch Murat Yakın, der mit FC Basel bis ins Halbfinale des diesjährigen UEFA-Euroleague gekommen war und man hört viele weitere Namen, wie Sinan Bolat (Nationaltorwart der belgischen Mannschaft) und Ramazan Özcan (österreichischer Nationalkeeper).

Bereits in den vergangenen Saisons befanden sich in der Süper Lig 57 Profis mit türkischem Pass, die ihre Fußballausbildung in den mitteleuropäischen Ligen vollendet hatten und zu türkischen Vereinen wechselten. (Quelle: LigTV).

Unumstritten ist aber, dass bei der anhaltenden Nachwuchspolitik der Süper Lig die aktuelle Lage auch nicht ändern wird.