„Die Amerikaner haben unser Land zerstört“

Nachdem der damalige US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat getreten war und der Weltöffentlichkeit vermeintliche Beweise für die Existenz von irakischen Massenvernichtungswaffen und für die Verwicklung Saddam Husseins in die Anschläge vom 11. September 2001 präsentiert hatte, stand fest: es wird Krieg geben. Eine Allianz aus 30 Ländern, die sog. „Koalition der Willigen“, formierte sich, um den USA bei der Bekämpfung der großen irakischen „Bedrohung“ zur Seite zu stehen.

Am 20. März 2003 begann die amerikanische Luftwaffe im Rahmen der Operation Iraqi Freedom Ziele in Bagdad und anderen Städten des Iraks Ziele zu Bombardieren. „Shock and Awe“ (Schrecken und Ehrfurcht) nannten die Amerikaner ihren massiven Einsatz von oft live im Fernsehen übertragenen Luftschlägen auf irakische Regierungseinrichtungen, Paläste und mögliche Verstecke Saddams und andere militärische Ziele. US-Präsidenten Bush erklärte den Krieg nach der Eroberung Bagdads und dem Sturz Saddams am 1. Mai für beendet.

Fragt man einen Iraker heute, zehn Jahre nach dem Beginn der US-Invasion, wie dieser Waffengang sein Leben verändert hat, hört man fast immer ein und denselben Satz: „Die Amerikaner haben mein Land zerstört.“

Wird die Saddam-Zeit vermisst?

Selbst Ijad Allawi, der damals mit anderen Exil-Oppositionellen in den USA Lobbyarbeit für eine Invasion geleistet hatte, kommt heute ins Grübeln. Vor einigen Tagen fragte ihn eine arabische Reporterin, ob er sich vorstellen könne, dass einige Iraker heute mit Nostalgie an die Saddam-Ära zurückdenken. „Ich schließe das nicht aus. Was momentan im Irak passiert, ist traurig und wir hatten nicht erwartet, dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln würden.“

Was Allawi, der nach dem Sturz von Saddam eine Übergangsregierung geleitet hatte, meint, ist der Zerfall der irakischen Gesellschaft. Zehntausende Iraker vielen der konfessionellen Gewalt nach 2003 zum Opfer, als schiitische und sunnitische Milizen mit Bomben und Todesschwadronen wüteten. Kleine Minderheiten, wie etwa die irakischen Christen, und große Teile der gebildeten Oberschicht kehrten dem Zweistromland auf Grund der miserablen Sicherheitslage den Rücken. Die von Saddam mit brutalsten Mitteln bekämpften Kurden festigten im Norden des Landes die Autonome Region Kurdistan und grenzen sich immer stärker von Bagdad ab.

Bis heute gibt es fast täglich Anschläge mit vielen Toten und Entführungen. Vetternwirtschaft und Korruption sind in den irakischen Ministerien heute nicht weniger verbreitet als unter dem Diktator Saddam.

Die Politiker der verschiedenen Parteien finden in ihrer streng gesicherten Enklave im Zentrum von Bagdad keinen gemeinsamen Nenner mehr. Dass die US-Armee Ende 2011 ihre letzten Soldaten aus dem Irak abzog, hat die Lage weder beruhigt noch verschlimmert.

Liste der Verbrechen und Skandale scheint endlos

„Wir brauchen eine neue Vision“, sagt Dschawad al-Bolani. Er war in der ersten Regierung des heute wieder amtierenden Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki von 2006 bis 2009 Innenminister. Auch während seiner Amtszeit wurde in irakischen Gefängnissen gefoltert.

Vor allem die Minderheit der Sunniten fühlt sich im „neuen Irak“ benachteiligt. Denn die Iraker haben zwar heute Wahlen, eine demokratische Kultur fehlt jedoch nach wie vor. Das führt dazu, dass die meisten Wähler ihre Stimme Parteien geben, die ihre Volks- oder Religionsgruppe repräsentieren: Die Kurden wählen kurdische Parteien, die Schiiten wählen eine der Schiiten-Parteien, die Sunniten wählen Sunniten oder gehen gar nicht zur Wahl. An Protestdemonstrationen gegen die Regierung des Schiiten Al-Maliki beteiligten sich in den vergangenen Monaten fast ausschließlich Sunniten.

Die Liste der Katastrophen und Verbrechen, die seit diesem Krieg der Amerikaner über die irakische Bevölkerung hereingebrochen ist, scheint endlos. Sie reicht von der Zerstörung vieler einmaliger Kulturschätze durch Plünderer nach der Eroberung Bagdads, über den bestialischen Abu-Ghuraib-Folterskandal, das Unvermögen der US-Streitkräfte und der neuen irakischen Regierung, den Bombenterror von Extremisten zu stoppen, dem Aufflammen brutalster konfessioneller Gewalt bis hin zur Vertreibung und Entwurzelung ganzer Bevölkerungsschichten. Die Schätzungen über die Zahl der getöteten Iraker sind unterschiedlich. Fest steht jedoch, dass Hunderttausende durch die Folgen der Invasion und der instabilen Sicherheitslage danach ums Leben kamen und Millionen von Irakern vertrieben wurden. (dpa/dtj)