Ich muss gestehen, dass ich sowohl als Deutsche als auch als Wissenschaftlerin die Reaktionen vieler Türken auf die Armenien-Resolution des deutschen Bundestages nicht nachvollziehen kann. Schon lange sind wir über den Punkt hinaus, wo auch ich die antitürkische Instrumentalisierung des Schicksals der Armenier vonseiten der EU kritisiert habe. Nun gibt es offene Drohungen gegen türkischstämmige Bundestagsabgeordnete, die eine Loyalitätsfrage aufwerfen, die man längst überwunden glaubte.

Drohungen gegen wen auch immer sind sowieso indiskutabel. Aber auch die Facetten von Nationalstolz, die so manchem aufgeregten Kommentar unterliegen, sind mir irgendwie fremd. Mich treibt seit Tagen die Frage um, wie man auf die Idee kommen kann, dass eine Gruppe von Menschen nur gut sein könne– Stichwort: „Türkentum“ – und dass sie mit ihrer Regierung identisch sei. Eine solche Verallgemeinerung widerspricht jeder wissenschaftlichen Grundlage und auch der zwischenmenschlichen Erfahrung.

Ich bin es gewohnt, mich mit historischen Verantwortungsfragen, die leider allzu oft auf Erinnerungsrituale reduziert werden, zu befassen und habe dabei immer das Lernen für die Zukunft im Blick. Einerseits schätze ich die Ansätze in Deutschland in Bezug auf die sehr dunklen Stellen in der Vergangenheit, andererseits halte ich sie nicht für ausreichend, wie man am Fortleben oder auch Wiederaufleben von Menschenhass ablesen kann. Der Wunsch, das Versagen auf die Vergangenheit zu projizieren und zu glauben, das liege ein für alle Mal hinter uns, kommt vielleicht dem Selbstbild vieler Türken noch am nächsten, dass es Völkermorde nur außerhalb der Türkei und fernab von jeder türkischen Verantwortung gegeben haben könnte.

Nun gut, während es mich wundert, dass man auf die Idee kommen kann, dass man besser als alle anderen sein könnte, bemerke ich die vielen Kommentare in Funk und Fernsehen in Deutschland (und Europa), die eigentlich nur auf den ersten Blick anders klingen: Da ist von „höheren zivilisatorischen Standards“ die Rede, von „aufgeklärt sein“ und „emanzipiert sein“, was man dem Gegenüber damit oft abspricht. Meistens sind solche Äußerungen von Chefredakteuren und Bloggern gleichermaßen gegen Islam und Muslime gerichtet, aber nicht nur. Tatsächlich scheint man aus der – rudimentären – „Aufarbeitung unserer Geschichte“ eine Art Vorsprung und damit Bessersein gegenüber anderen abzuleiten.

Die Initiative von Bundestagspräsident Lammert, die überfällige Anerkennung des Völkermordes an den Herero auf die Tagesordnung zu setzen, zeigt ja, dass es da noch genug Hausaufgaben gibt. Und diese beziehen sich wiederum nicht nur auf die Vergangenheit. Eine Aufarbeitung historischer Verantwortung darf natürlich nicht den Blick auf die neokolonialen Wirtschaftsstrukturen versperren, die heute zu Prekarisierung, Tod, Krieg und Flucht führen.

Natürlich ist es ebenso fatal, wenn Menschen in anderen Ländern glauben, man müsse nur die negativen Kräfte in Deutschland bändigen, um – wie es so routiniert heißt – „Vergleichbares“ zu verhindern. Dieses Wunschdenken lenkt eher von eigenen Versäumnissen und auch Gestaltungsmöglichkeiten ab. Denn vergleichbare Einstellungen bis hin zum offenen Rassismus sind nun wahrlich keine deutsche Spezifik. Zur Selbstkritik kann man also alle nur herzlich einladen, und das gilt für jeden von uns.