Falsch deklarierte Lebensmittellieferungen und Geld in Schuhkartons: Vor Gericht in New York legt der Goldhändler Reza Zarrab dar, wie Sanktionen gegen den Iran mit mutmaßlich illegalen Geschäften umschifft wurden. 

Trotz der Brisanz will man in der Türkei kaum etwas über den Fall wissen. Doch dennoch bekommt man etwas mit- dank Social Media!

Falsch deklarierte Lebensmittellieferungen und Geld in Schuhkartons: Der Prozess um Reza hat das Zeug zum Spionage-Krimi. Vor Gericht in New York legt der Goldhändler dar, wie Sanktionen gegen den Iran mit mutmaßlich illegalen Geschäften umschifft wurden. Die Aussagen Zarrabs bestätigen den Wahrheitsgehalt der Korruptionsaffäre 2013, welche damals von der Regierungsseite für einen deklariert wurde. 

Der Fall wird in aller Welt mit großer Aufmerksamkeit verfolgt- auch in der Türkei. Allerdings ist dabei auffällig, dass große türkische Medien keine Korrespondenten nach New York geschickt haben, um über den Fall live zu berichten. Der Fall hat aber für die türkische Regierung äußerst große Brisanz. Schließlich betrifft er große türkische Banken. Eins davon ist sogar die staatliche Halkbank. Es scheint, als wolle man die türkische Bevölkerung vom Fall nicht viel erzählen zu wollen. 

Doch wie erfahren die Türken dann vom Fall? Die Antwort ist ganz einfach: Soziale Netzwerke! Dank Sozialer Netzwerke bekommen auch Türken, die kein englisch verstehen, tagesaktuelle Informationen geliefert. Meist sogar authentischer als in den klassischen Medien.

65.000 Abonnenten in fünf Tagen

Drei Accounts in sozialen Netzwerken haben sich beim Fall Zarrab etabliert und bekommen große Aufmerksamkeit. Eine davon ist Zeyno alias Zeynep Erkan. Auf Facebook hat die in den USA lebende Zeyno Erkan mittlerweile knapp 58.000 Gefällt Mir-Angaben und 78.000 Abonnenten. All das hat sie in etwa fünf Tagen geschafft. Sie berichtet mindestens zweimal am Tag per Live-Video vom Zarrab-Fall: in der Mittagspause und am Abend. Zwar bereitet Erkan den Fall nicht journalistisch auf. So gibt sie oft mehr Details als nötig und erzählt so, als spreche sie gerade in einem Cafe mit einer Freundin. Aber das Ganze macht ihre Berichterstattung umso authentischer. 

 

„Ich wurde Tausendmal angerufen“

Mehrfach versuchte man ihr Account zu stören. So verschwand ihr Account beispielsweise am Mittwoch für ein paar Stunden. „AKP-Trolls haben meinen Account als Spam gemeldet. Doch sie haben es nicht geschafft, ich hab´meinen Account wieder“, machte sich Zeyno über diese lustig. Oder am Donnerstag, dem zweiten Verhandlungstag im Zarrab-Fall, hat man versucht Zeynos Live-Video, das sie per Smartphone streamte, durch Anrufe zu stören. Eintausendmal haben sie angerufen, behauptet sie. Tatsächlich wurde das Video mehrfach unterbrochen.

Andere hätten versucht ihre Accounts zu klonen und das nicht nur auf Facebook, sondern auch auf Instagram und Twitter: „Ich habe nur diesen einzigen Account“, schreibt Zeyno. „Die AKP verfolgt mich schon seit fünf Jahren“, meint Zeyno über solche Fälle: „Weil ich jetzt mehr auffalle, haben sie es auf mich abgesehen. Sie wollen verhindern, dass ich hier die Wahrheit wiedergebe.“ 

Was Zeyno Erkan beruflich macht und warum genau die AKP nach ihr sucht, wie sie es selbst sagt, ist bislang unklar. Die linke türkische Zeitung Sözcü berichtet, dass die 37-jährige bei den Vereinten Nationen arbeitet. Sie hat lediglich in einem ihrer Videos gesagt, dass sie ab der zweiten Verhandlungswoche wieder in New York arbeiten müsse und über den Fall voraussichtlich nicht mehr berichten werde. 

Ein Twitter-Nutzer machte neulich einen kurzen Video-Beitrag über sie und kommentierte: „Dieses Fräulein ist größer als die Dogan-Medien.“ Zutreffend, wie die Reaktionen zeigen. 

Exil-Journalist Adem Yavuz Arslan berichtet via Twitter

Neben Erkan sind auch professionelle Journalisten am Fall dran. Einer davon ist Adem Yavuz Arslan. Adem Yavuz Arslan war mehrere Jahre Haupstadt-Korrespondent der regierungskritischen Boulevardzeitung Bugün. Arslan lebt seit 2014 in den USA. Hierher wurde er als Korrespondent für die Zeitung entsandt. Die Zeitung wurde Oktober 2015 unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt, weil sie enge Beziehungen zur Gülen-Bewegung pflegte, mit der die Regierung seit 2013 zerstritten ist. Seit neustem schreibt Arslan für das türkische Exil-Medium TR724.

Auch für das Deutsch-Türkische Journal berichtet der Exil-Journalist über den Zarrab-Fall. In der Türkei wird nach ihm gefahndet. Dennoch bleibt er bei seinen Ausführungen sehr sachlich und kommentiert die Aussagen Zarrabs nur am Rande. Viel mehr versucht er Zarrabs Worte in journalistisch aufgearbeiteter Form wiederzugeben. Arslan hat über 40.00 Follower auf Twitter. Hier streamt er mehrmals am Tag live über den Fall und schreibt abends nach den jeweiligen Sitzungen für TR724 und DTJ-Online. 

 

5N1K: Cüneyt Özdemir erreicht 6 Millionen Menschen auf einen Schlag 

Ein weiterer bekannter Journalist ist Cüneyt Özdemir. Er hat lange Jahre für die große Dogan-Mediengruppe gearbeitet und die Nachrichten auf CNN Türk gesprochen, sowie viele populäre Talkshows moderiert. Er hat sogar an der Gründung des Nachrichtensenders CNN Türk mitgewirkt. Zuletzt hatte er die Nachrichten auf Kanal D-Haber gesprochen, das ebenfalls zur Dogan-Mediengruppe gehörte. 

Özdemir ist für nahezu jeden Türken ein Begriff. Doch auch er verlor seinen Job, weil er zu regierungskritisch berichtete. Zwar war die offizielle Begründung der Dogan-Gruppe, dass Özdemir in seiner Berichterstattung gegen die Prinzipien der Mediengruppe verstoßen hätte. Doch die wahre Begründung war offensichtlich. Dennoch macht der erfahrene Journalist heute mit Mitteln des digitalen Zeitalters weiter. Dazu nutzt er sein Twitter-Profil mit sagenhaften 6,4 Millionen Followern und YouTube. Seine politische Talkshow „5N1K“ ist unter Türken sehr beliebt. Aus New York berichtet er ebenfalls mehrmals täglich über den Fall. Trotz großer Follower-Zahlen bleiben seine durchschnittlichen Zuschauerwerte weniger als Zeyno Erkan. Özdemir ist der einzige unter den Journalisten, die auch von regierungsnahen Menschen verfolgt wird. Anders als Arslan kommentiert Özdemir den Fall aus seiner Perspektive. So sagt er beispielsweise, dass er seit 27 Jahren solche Prozesse mitverfolgt, dieser Fall aber sehr seltsam fortlaufe. Er könne nicht nachtvollziehen, warum Zarrab, der als eigentlicher Drahtzieher der Korruptionsaffäre gilt, nur als Zeuge verhört werde.  

Özdemir wird wegen solcher Worte von einigen regierungskritischen Followern kritisiert, weil er damit angeblich die türkische Regierung in Schutz nehme. Der Großteil ist aber von der Erfahrung Özdemirs überzeugt. In einem Beitrag spricht er auch über türkische Medien, die nicht über den Fall berichten: „Schade, dass nicht alle hier sind und den Fall von ihrem Blickwinkel aus beleuchten können“, so Özdemir. 

 

 

Diese drei sind zwar die bekanntesten unter den Zarrab-Berichterstattern, aber es gibt natürlich auch einige mehr. So Ilhan Tanir, der für das Exil-Medium Ahval und Deutsch Welle (Türkce) berichtet.