Vor einiger Zeit war ich auf dem Weg zu einer Tagung in der Universität Hamburg zum Thema Islamophobie. Bis mein Zug kam, hatte ich noch etwas Zeit, also ging ich in einen kleinen Zeitschriftenladen am Hauptbahnhof, um mir die Zeit im Warmen zu vertreiben. Da durchstöberte ich also die Schlagzeilen der ausgestellten Publikationen und mein Blick blieb auf dem Focus wie erstarrt hängen. „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“ Gewähr. DOCH! In rot und fett. Super. Prompt war mein Puls auf 180 und in mir wuchs der Drang, aufzuschreien.

Ich sollte es schon gewohnt sein, negative Schlagzeilen in Bezug auf den Islam und Ausländer in den Reihen der Zeitschriften und Zeitungen zu sehen, aber die Wut und Frustration darüber ist jedes mal dieselbe.

Als Tochter von Migranten, die hier geboren und aufgewachsen ist, mache ich mir oft Gedanken über Heimat, Zuhause und Zugehörigkeit. Ein großer Teil von Heimatgefühl ist die Akzeptanz, die Offenheit, sowie das Gefühl, dazu zu gehören. In Zeiten, in denen ich überhaupt nicht mehr Nachrichten schauen, Zeitschriften und Zeitungen aufschlagen oder über meine Religion sprechen möchte, weil ich nur mit Vorurteilen und verzerrten Bildern konfrontiert werde, fehlen diese Komponenten. Ich bin enttäuscht. Bewegungen wie die Pegida, die ja in ihrer damaligen Form so nicht mehr existiert und um die es recht ruhig geworden ist, haben noch dazu beigetragen, dass ich mich frage, ob ich die Form meines Daseins hier noch einmal neu reflektieren muss, genau so wie meine Zukunft.

Aus Neugier habe ich in meinem Freundeskreis und weiter nach Meinungen gefragt, wie andere Migrantenkinder darüber denken. Es gibt natürlich verschiedene Sichtweisen und Meinungen zu diesen Themen.

Optimistisch in die Zukunft

Anıl (24) zum Beispiel sieht Deutschland als seine selbstverständliche Heimat an. Die Medienberichterstattung und Pegida beeindrucken ihn eher weniger. „Es macht mir keine Wut, Angst oder Enttäuschung. Sehe das alles eher gelassen und fühle mich sehr wohl“, sagt er.

Mit seinem Optimismus ist er nicht der Einzige. Der Student Ibrahim (25) sieht in Pegida sogar einen Motivator, wie er sagt: „PEGIDA und HOGESA sind für mich Motivatoren. Ich möchte der Gesellschaft und all diesen Menschen zeigen, dass ich, als Vertreter Ihrer Feindbilder, ein besserer Mensch, ein besserer Bürger bin, der es in ‚Ihrem Land‘ zu etwas Höherem geschafft hat. Ich bin stolz auf jeden meiner Freunde, die mit Migrationshintergrund an Positionen sitzen, die sonst nur von ‚Inländern‘ besetzt sind, genauso bin ich enttäuscht über jeden Ausländer, der das Klischee bedient und nichts aus sich macht und dann doch auf die kriminelle Bahn geriet. Ich weiß, dass ich mich nicht Beweisen muss, das haben wir nicht nötig. Jedoch nehme ich die Herausforderungen für mich selbst an. Aus freiwilligen Stücken.“

Vorurteile führen zu Enttäuschung

Allerdings gibt es auch nicht so optimistische Stimmen. Junge Muslime reagieren mit Enttäuschung und Resignation auf die konsequent negative Berichterstattung des Islam und ihre ebenso schlechte Darstellung. Es gibt eine Handvoll Beiträge zu Islam und Muslimen, die nicht negativ konnotiert sind. Das bereitet Frustration und Ärger. „Die Welt hat aus dem Holocaust nichts gelernt und startet gegen den zweiten gegen Muslime“, betont Studentin Jasmina (21) und zieht eine Verbindung zu den Ereignissen in Nazi-Deutschland. Die Medienberichterstattung wird tatsächlich von vielen Muslimen als Hetzjagd aufgefasst.

Sie beschweren sich auch oft darüber, dass Bürger, diese suggerierten Vorurteile übernehmen und sie damit konfrontieren. „Ich finde es traurig, dass die Menschen Medien orientiert sind und an alles glauben. Die Gesellschaft muss aufgeklärt werden“, meint die junge Lehrer-Anwärterin Nuray (22).

Bewegungen wie die Pegida bereiten ihnen auch teilweise Angst und lassen sie über ihre Zukunft in Deutschland nachdenken. „Da wird auf jeden Fall zukünftig noch mehr kommen. Daher plane ich auch ein Leben außerhalb von Deutschland“, meint die Modejournalismus-Studentin Dilara (22).

„Deutschland fühlt sich gerade nicht wie Heimat an!“

Ein sehr wichtiger Punkt bei diesem Thema ist auch, dass sich viele muslimische Migrantenkinder nicht verstanden und dazu angegriffen fühlen. Dies führt zur emotionalen Distanzierung zu Deutschland als Heimat. Um zugehörig zu sein, muss man sich auch verstanden und akzeptiert fühlen. Allerdings haben die meisten jungen Muslime das Gefühl, sich permanent gegen Vorurteile rechtfertigen zu müssen. Dies, in Kombination mit Anti-Ausländer-Bewegungen, hat fatale Folgen. „Man ist hier geboren, beherrscht die Sprache, absolviert das Studium oder das Abitur, fängt an zu arbeiten, doch man wird nie richtig dazugehören. Hat man hier überhaupt eine Zukunft als Ausländer, wenn das mit der Pegida schon so anfängt und auch nicht gestoppt wird? Ich dachte immer das Deutschland meine zweite Heimat ist. Heimat bedeutet für mich, dass ich mich wohl fühle, geborgen fühle und auch Rechte habe. In gerade dieser Zeit von Ausländer- und Islamfeindlichkeit fühle ich mich von Deutschland im Stich gelassen. Nein Deutschland fühlt sich grade nicht wie eine Heimat an!“, sagt die Kommunikations-und Medienwissenschaften-Studentin Teuta (21).

Die Berichterstattung muss sich ändern

Mittlerweile lebt die dritte Generation der Migranten in Deutschland – meine Generation. Menschen, die auf deutschem Boden geboren sind und die deutsche Sprache akzentfrei beherrschen. Sie studieren, machen Top-Ausbildungen, bilden sich anderweitig weiter und sehen Deutschland größtenteils als ihr Zuhause und ihre Heimat an. Allerdings wird diesen jungen Menschen gerade Unrecht angetan, indem ihre Stimmen oftmals überhört werden und ihre Lebensweise konsequent negativ dargestellt wird. Diese Menschen gilt es nicht zu verlieren, denn sie sind gebildet und kompetent. Dafür muss sich medial unbedingt etwas ändern, indem man Bilder benutzt, die muslimische Frauen nicht als Opfer und unglücklich, muslimische Männer nicht als IS-Terroristen darstellen und die Religion selbst, wie die Menschen, nicht durchgehend mit Terror, Hass und Wut in Verbindung setzen. Die Berichterstattung ist im Deutschland des 21. Jahrhunderts sehr einseitig und das sollte Grund genug sein, dass den Journalisten die Schamesröte ins Gesicht steigt.