Die Deutschen und das Thema Krieg

In einem Gedicht von Erich Kästner, in dem es um einen Abiturientenjahrgang geht, der in den Ersten Weltkrieg zieht, lautet eine Zeile: „Der Rektor wünschte uns Glück. Und blieb mit Gott und den anderen Herren gefasst in der Heimat zurück“. Besser lässt sich die außen- und sicherheitspolitische Haltung Deutschlands im internationalen Kontext zurzeit nicht umschreiben.

Für die Besorgten und angesichts einer solchen Behauptung leicht zu Entrüstenden sei sogleich hinzugefügt, dass sich niemand eine Rückkehr des Krieges nach Europa wünscht. Aber die Teilnahmslosigkeit der europäischen Führungsnation mit Blick auf jenen Teil des Weltgeschehens, der mit Krieg oder Kriegsgefahr verbunden ist, überrascht schon.

Offenkundig hat sie dazu beigetragen, dass sich die Wochenzeitung „Die Zeit“ vor kurzem von der Mehrheitsmeinung – oder ist es Mehrheitsapathie? – abgekoppelt hat und das fehlende Engagement Deutschlands in der Weltpolitik vehement attackierte. Ihr Hamburger Konkurrent, das Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL – selbst in dieser Woche mit einem „Kriegstitel“ auf Top-Boulevard-Niveau am Start -, wurde durch den Kurswechsel des liberalen Blattes völlig überrascht und zog mit einem Interview zum gleichen Sachverhalt mit Ex-Kanzler Schröder nach.

Eine Durchdringung des Themas, vermittelt durch harte Fragen und vor allem Nachfragen, vermisst man jedoch in diesem Interview. So investigativ möchte man am Ende dann doch wieder nicht sein.

Deutsch-türkische Familien direkt vom Syrienkonflikt betroffen

Es grummelt aber auch an anderer Stelle. Auch die Debatte um das ZDF-Epos über den Zweiten Weltkrieg, „Unsere Mütter, unsere Väter“, hinsichtlich seiner Qualität in grotesker Weise überschätzt, will nicht nachlassen. Im Nachbarland Polen regt man sich – völlig zu Recht – über eine absurde Darstellung des Widerstandes gegen die Deutschen auf. Wem ist darüber hinaus bekannt, dass unter den besetzten Völkern Europas ausgerechnet in einem Teil Griechenlands, nämlich auf Kreta, den Deutschen aller Wahrscheinlichkeit nach der härteste Widerstand entgegengesetzt wurde? Dort gab es so gut wie keinen Verrat, dort kämpften vom ersten Tag an nicht nur die wehrfähigen Männer, sondern auch Priester, Frauen und Kinder gegen die Besatzer. Heldenhaft zeigten sich auch die Luxemburger, die während der Besatzung einen Generalstreik organisierten und dies mit vielen Toten zu bezahlen hatten.

Um in die Gegenwart zu wechseln: Auch der Syrien-Konflikt, der die deutsche Öffentlichkeit bislang allenfalls zu Achselzucken bewegte, ist näher an der Realität des Landes als die meisten glauben. Viele deutsch-türkische Familien haben Verwandte, die in der Nähe der Grenze zum Bürgerkriegsland leben, die das immer stärkere Anwachsen der Zeltstädte für die Flüchtlinge beobachten konnten und täglich mit den Auswirkungen des Krieges konfrontiert sind. Eine Befragung in einer Berliner Schulklasse erbrachte für mich unlängst als Resultat, dass der Krieg in diesen Kreisen genauestens verfolgt wird, weil Onkel und Vettern in der türkischen Armee dienen.

Man sieht, ein völliges Heraushalten gibt es nicht. Deutschland wird mit der Weltpolitik befasst, ob es will oder nicht.

Schafft militärische Integration Identifikation?

Umso betrüblicher ist daher, dass es keinerlei Bewegung oder Druck von unten auf die Regierung gibt, dass Deutschland in der Weltpolitik eine angemessene Rolle übernehmen könnte.

Ein Empfinden für Stolz, ein Drang nach Augenhöhe mit den europäischen Partnern auch in militärischen Angelegenheiten, scheint dem Lande weitgehend abhandengekommen zu sein. Dazu gehört von Zeit zu Zeit auch eine partnerschaftliche Geste, eine symbolische Handlung, zu der sich die Regierung Merkel allerdings nicht aufraffen kann. Sie verpasste eine große Chance vor zwei Jahren, als die Franzosen in letzter Sekunde die libyschen Aufständischen in Benghazi gerettet hatten und sie vergab eine zweite große Gelegenheit, als die Franzosen im Januar die Eroberung Malis durch Al-Qaida-nahe Kräfte in letzter Minute stoppten.

Die psychologischen Auswirkungen für den hinkenden Partner wären enorm gewesen, hätten der Beziehung neuen Schwung vermittelt, hätte die Franzosen zu innenpolitischen Reformschritten ermutigt. Gerührt zu sein, wenn die Nationalhymne vor einem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft erklingt, genügt nicht. Wie „Die Zeit” richtig erkannt hat, geht es um Primärtugenden. Erst dann mag man sein Land, erst dann können sich auch Neuankömmlinge mit ihm identifizieren.