Die Syrerin Dana al-Balkhi steht am 15.09.2015 in einer Straße in Sao Paulo (Brasilien) - die heute 26-Jährige kam Ende 2013 als eine der ersten über das Visa-Sonderprogramm Brasiliens in das südamerikanische Land. Foto: Georg Ismar/dpa (zu dpa-Korr «Last Exit São Paulo: Syrische Flüchtlinge stranden in Brasilien» vom 16.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Dana al-Balkhi holt die Bomben noch einmal in ihr Leben zurück. „Das ist plötzlich kein Fernsehen mehr, keine Fiktion, sondern real.“ Das Wackeln der Wände, das Knallen, ein Leben lang abgespeichert. Ihr erster Gedanke: „Ich muss gehen“.

Nun sitzt Dana in einer Bäckerei in Südamerika, 10 780 Kilometer entfernt von ihrer Heimat, der syrischen Stadt Daraa. Sie fängt an zu zittern, weint, kann nicht weiterreden. Man muss sich das vor Augen führen: 26 Jahre. Allein in der 12-Millionen-Metropole São Paulo gestrandet, dabei kannte sie Brasilien vorher gar nicht.

Sonder-Visa in Brasilien

Kein Schimmer, wie sie die so fremde Sprache lernen soll. Nach der Attacke war sie mit ihrer Schwester zunächst in der Türkei, die Mutter hatte beiden geraten, dem drohenden Tod zu entfliehen. Ein Bekannter aus Portugal machte Dana dort darauf aufmerksam, dass Brasilien Sonder-Visa anbietet. Ein ziemlicher Ausnahmefall.

Dana traute sich, die Schwester ging zurück nach Syrien. Über Dubai landete Dana in São Paulo. Sie hatte versucht, irgendwie nach Deutschland zu kommen, damals waren alle Türen verschlossen. „Brasilien hörte sich verrückt und sinnlos an. Aber immer noch besser, als mit einem kleinen Boot im Mittelmeer unterzugehen.“ Ihr Traum ist, dass die Familie irgendwann wieder vereint ist.

Ein halbes Dutzend Moscheen

Die Muslimin ist schon seit Ende 2013 in dem Land mit der größten Anzahl an Katholiken weltweit. „Mein erstes Gefühl: Hier bin ich sicher.“ Es gibt sogar ein halbes Dutzend Moscheen.

Während Hunderttausende nach Deutschland streben, ist Brasilien eines der außergewöhnlichsten Aufnahmeländer im Syrien-Drama: Schon im September 2013 erließ das nationale Flüchtlingskomitee (Comitê Nacional para os Refugiados – CONARE) die Weisung an die Botschaften, humanitäre Sonder-Visa an Menschen auszustellen, die wegen des brutalen syrischen Bürgerkriegs auf der Flucht sind.

Die Regelung lautet vereinfacht: Einreisepapiere ja, finanzielle Unterstützung nein. Derzeit gibt es nach Angaben von CONARE 8400 Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und Nordafrika in Brasilien, davon 2077 Syrer, wobei noch viele weitere Visanträge anhängig sind, die Zahl also steigen dürfte. Die Syrer können sich frei bewegen. Rund 70 Prozent haben sich in São Paulo niedergelassen.

Rouseeff lobt die eigenen Anstrengungen

Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rouseeff hat vor wenigen Tagen einen eindringlichen Gastbeitrag in der Zeitung „Folha de São Paulo“ veröffentlicht: Die Flüchtlingsaufnahme und -verteilung müsse unbedingt bei der anstehenden UN-Vollversammlung in New York „einen wichtigen Raum“ einnehmen. „Es sind dringend Zeichen und Aktionen der Solidarität notwendig“, mahnte Rousseff – und lobte dabei die eigene Aufnahmebereitschaft als beispielhaft.

Pater Paolo Parise in der Kirche do Glicério ist die erste Anlaufstelle für viele Flüchtlinge. Der 2010 aus Rom nach Brasilien gekommene Pater sieht bei Rousseffs Selbstlob eine Diskrepanz zur Realität. Wegen der schweren Wirtschaftskrise seien Projekte wie Sprachkurse für Migranten gestrichen worden. „Es gibt kaum politische Hilfe des Staates.“

Flucht nach Brasilien ist günstiger als die Balkanroute

Ihm pflichtet Kotaiba Ghannam bei, vor 16 Monaten für 1200 US-Dollar (ca. 1065 Euro) nach Brasilien geflogen. „Die deutsche Regierung macht alles für die Flüchtlinge, die brasilianische nichts.“ Sein Bruder musste in Syrien bleiben, er arbeitete für die Regierung. Nun ist er auch geflohen – und lebt in München. Ob er die falsche Entscheidung getroffen hat? Ghannam weicht der Frage aus. Aber er verweist darauf, dass Brasilien eine legale und billige Option sei, auf der Balkanroute müssten bisweilen über 8000 Euro gezahlt werden.

Das schwer zu lernende Portugiesisch, das Anfassen und Umarmen, die Samba-Rhythmen, alles ungewohnt. Pater Paolo berichtet zudem, dass bei Essensstellen anfangs Syrern Schweinefleisch aufgetischt worden sei. Doch einige wollen nun gar nicht mehr zurück.

So wie Fitoon Assi. An der Einkaufsmeile Avenida Paulista hat sie im Shopping-Center Boulevard Mouti Mare ganz hinten den Laden mit der Nummer 100. Sie verkauft ausgerechnet Taschen aus Damaskus und Wandteppiche, der größte im Laden zeigt die Kaaba in Mekka. Auch ihr Haus ist zerbombt, die Armee gab der Familie wenige Stunden, um zu gehen.

„Ich habe jetzt die typischen westlichen Probleme“

Nach einer Odysee in den Libanon und abweisenden Reaktionen in den Botschaften Deutschlands, Kanadas, Schwedens und Frankreichs gab es den Hoffnungsschimmer Brasilien. „Meine beiden Töchter sollten nicht weiter Kampfjets und Tote sehen.“ Die zehnjährige Rahaf lacht, greift die Hand der Mutter. Und klappt’s schon mit dem Portugiesisch? „Mais o menos“, sagt sie. Die Mutter betont, dass hier Religion keine Rolle spiele, es gebe viele Nationen, die problemlos zusammenleben. Sie betrachtet die glückliche Tochter und sagt: „Wir wollen einfach nur in Frieden leben.“

Dana ist in ihrer neuen Wahlheimat inzwischen ein Musterbeispiel an Integration. Sie spricht perfekt Portugiesisch, arbeitet als Sekretärin, verdient aber nur 1400 Real im Monat – 320 Euro. Schon sieben Mal musste sie deshalb umziehen. Aber das ist ihr egal. „Miete bezahlen, Jobsuche: Ich habe jetzt die typischen westlichen Probleme.“ Es hört sich fast ein wenig dankbar an. (dtj/dpa)