Die größte wirtschaftsstrategische Schwäche Ankaras ist die Abhängigkeit

Am Donnerstag unterzeichnete die staatliche türkische Ölgesellschaft „Turkish Petroleum Corporation“ (TPAO) einen schätzungsweise 200 Millionen US-Dollar schweren Vertrag mit „Shell“, dem weltweit größten Mineralölkonzern. Der Vertag sichert dem Konzern für drei Jahre Bohrungsrechte in türkischen Gewässern im Schwarzen Meer. „Shell“ ist damit das dritte große internationale Mineralölunternehmen, das in den türkischen Gewässern des Schwarzen Meeres nach Öl bohrt.

Ankaras frustrierende Suche nach fossilen Brennstoffen auf türkischem Boden und in türkischen Gewässern dauert nun schon Jahre, doch die türkische Regierung verspricht sich von einem möglichen Fund Zehntausende Barrels an Öl vor der eigenen Haustür. Dies würde für die Türkei einen Weg aus einer der größten wirtschaftsstrategischen Schwächen des Landes darstellen – die Türkei muss 90 Prozent seines Erdöls importieren und ist somit stark von den Förderländern abhängig.

„Es ist aber schwierig einzuschätzen, wie nahe die Türkei oder private Firmen an der Entdeckung von Öl in der Region sind, und noch schwieriger einzuschätzen ist es, auf welche Art von Vorkommen sie genau stoßen könnten. Ähnliche Probebohrungen werden nun schon seit Jahren durchgeführt und das einzige klare Resultat ist, dass es wahrscheinlich kein leicht förderbares Öl und Gas im Schwarzen Meer gibt“, kommentierte der Rohstoffexperte und Präsident der „Turkish Association for Energy and Economics“ (TRAEE), Gürkan Kumbaroğlu, in „Sunday’s Zaman“.

BP zog sich bereits aus dem Schwarzen Meer zurück – trotz großer Ankündigungen der Regierung

ExxonMobil, British Petroleum (BP), Chevron und selbst die staatliche brasilianische Petrobras haben sich in der Türkei an Probebohrungen beteiligt und damit die Hoffnung auf die von einem Regierungsbeamten angekündigten „10 Milliarden Barrel“ Öl im Schwarzen Meer bestärkt. Kumbaroğlu sagte zu diesen Ankündigungen: „Jeder der sagt wie viel Öl im Schwarzen Meer vorhanden ist, hat im besten Fall geraten.“

Und obwohl die Konzerne angekündigt hatten, in der Region aggressiv nach Öl zu suchen, wurden die enttäuschenden Ergebnisse ungeschönt veröffentlicht. BP zog sich letztes Jahr aus dem Schwarzen Meer zurück und erklärte, dass die Erkundungsbohrungen an den östlichen und westlichen Küstenabschnitten der türkischen Schwarzmeerküste nicht die erhofften Funde erbracht hätten.

Zwar gibt es Gas- und Ölvorkommen im Schwarzen Meer, jedoch ergaben 57 Erkundungsbohrungen der TPAO nach Angaben der türkischen Regierung ein geringes Förderpotenzial.

Die türkische Regierung will die teure Abhängigkeit von ausländischem Gas und Öl, für das sie allein im Jahr 2012 insgesamt über 60 Millarden Dollar ausgab, unbedingt überwinden. Jedoch zeigen die jüngsten Bohrungen im Schwarzen Meer, dass die Errichtung einer funktionierenden Infrastruktur zur Förderung heimischer Rohstoffe ebenfalls extrem hohe Investitionen erfordert.

Abhängigkeit von ausländischem Öl und Gas größte wirtschaftsstrategische Schwäche der Türkei

TPAO hat seit den 1970 Jahren ca. zwölf Milliarden Dollar in Erkundungs- und Probebohrungen im Schwarzen Meer investiert.

„Die Frage die momentan gestellt wird, lautet, ob die türkische Energieversorgung sich in näherer Zukunft auch auf eigene Rohstoffe stützen kann. Die wichtigere Frage aber ist, woher werden diese überhaupt kommen? Die Türkei muss ihre Suche diversifizieren, um festzustellen, welche Art von Infrastruktur benötigt wird, um jegliche Energiequellen, einschließlich Schiefergas und eventuell sogar Öl im Südosten des Landes, zu erschließen“, sagte Oğuz Türkyılmaz, Energie-Analyst und Vorstandsmitglied des „Turkey World Energy Council Committee“.

Neben den Gerüchten über reiche Ölvorkommen im Schwarzen Meer gibt es auch Schätzungen von offizieller Seite, dass die Türkei in 40 Jahren ihren Eigenbedarf an Gas durch die Schiefergasvorkommen im Südosten komplett decken könnte. All diese bislang nicht überprüfbaren Aussagen geben einen Eindruck des momentanen Hypes um eigene Energiequellen in der Türkei und gleichzeitig verdeutlichen sie den durch wachsenden Energiebedarf steigenden Druck auf die Regierung, endlich eine möglichst kostengünstige Lösung zu finden.

Ein Bericht des Amtes für Energiestatistik, einer Stelle innerhalb des US-amerikanischen Energieministeriums (U.S. Energy Information Administration/EIA), von Anfang Februar prognostizierte eine Verdopplung des Energieverbrauchs in der Türkei. Diese wachsende Nachfrage nach Energie und die bisherige Erfolglosigkeit bei der Suche nach eigenen Rohstoffvorkommen werden die Türkei dem Bericht zufolge – entgegen der Hoffnung der türkischen Regierung -in den nächsten Dekaden vermutlich noch stärker in die Abhängigkeit anderer Staaten treiben.

Die traditionellen Rohstoff-Handelspartner der Türkei, der Iran und Russland, würden demnach durch Exporte in die Türkei weiterhin zunehmende Gewinne einfahren, auch wenn Ankara eine massive Aufstockung der Ölimporte aus der semi-autonomen Region im Nordirak anstrebe, wo sich viele Ölfelder in türkischer Hand befinden.

Die Türkei hat wenig Alternativen zu fossilen Brennstoffen – das birgt Konfliktpotenzial

Ankara verkündete bereits, dass die Türkei sich in naher Zukunft bei der Energieerzeugung vor allem auf Kernenergie, Kohle und erneuerbare Energien verlassen müsse. Das Problem dabei sei jedoch, dass die Kernenergie generell sehr umstritten wäre, Kohle genau wie Öl und Gas meist importiert werden müssten und für erneuerbare Energien bislang die nötigen staatlichen Subventionen fehlten, urteilen die Experten Kumbaroğlu und Türkyılmaz.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Türkei es schafft, einen eigenen Weg der inländischen Energieerzeugung zu entwickeln. Aber das wird Jahre dauern. In der Zwischenzeit hat die Türkei jedoch ein Problem”, sagte Kumbaroğlu.

Der steigende Energiebedarf könnte in der Region schon bald zu Konflikten führen. Die Türkei warnte bereits im Mai 2012 internationale Unternehmen davor, sich an der Ausbeutung von Öl- und Gasvorkommen in Zypern zu beteiligen. Es drohten „unerwünschte Spannungen“ und der Ausschluss von Energieprojekten in der Türkei, warnte das Außenministerium in Ankara damals, nachdem sich 15 Unternehmen an einer Ausschreibung Zyperns beteiligt hatten. Vor der Küste Zyperns, des Libanon und Israels werden große Gasvorkommen vermutet. Anfang Februar unterzeichnete der griechische Teil Zyperns ein Abkommen mit dem französischen Mineralölunternehmen „Total“ zur Suche nach vor der Küste liegendem Öl und Gas.