Die Imbissbude als Kontaktzone

Hallo Frau Möhring. Zuerst bedanke ich mich, dass sie sich Zeit für uns genommen haben. Stellen Sie sich doch mal kurz vor.

Ich bin Historikerin, habe in Hamburg und Dublin Geschichte, Germanistik und Pädagogik studiert, habe dann in München promoviert und im Anschluss eine Assistentinnen-Stelle an der Universität zu Köln angetreten, auf der ich mehrere Jahre an dem Projekt zur ausländischen Gastronomie gearbeitet habe. Während dieser Zeit habe ich Forschungsaufenthalte in Washington, Zürich, London, Rom und wahrgenommen. 2010 bin ich mit dieser Arbeit in Köln habilitiert worden. Nach einem Forschungsaufenthalt in Freiburg habe ich 2011/12 ein Jahr lang die Professur für Neuere und Neueste Geschichte in Köln vertreten, bevor ich im März dieses Jahres in Mutterschutz gegangen bin. Im April wurde dann meine Tochter geboren. Ab November werde ich wieder arbeiten, und zwar am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Frau Möhring, Ihre Habilitationsschrift „Ausländische Gastronomie. Migrantische Unternehmensgründungen, neue Konsumorte und die Internationalisierung der Ernährung in der Bundesrepublik “ würde kürzlich von der Uni Augsburg als die beste von 13 Bewerbungen ausgezeichnet. Somit ging der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien dieses Jahr an Sie. Was hat Sie dazu veranlasst, sich für dieses Thema zu entscheiden?

Ich halte Migration und ihre Implikationen für eines der zentralen Themen der Gegenwart. Als Historikerin interessiert mich, wie die gegenwärtigen Debatten um Zuwanderung, wie aktuelle Denk- und Verhaltensweisen, soziale und kulturelle Praktiken sich historisch entwickelt haben – und damit nicht unabänderlich sind. Migrationsgeschichte war daher ein Feld, das mich seit längerem beschäftigt hat. Mir fiel auf, dass für die Geschichte der Bundesrepublik vor allem die so genannte ‚Gastarbeiter‘-Migration aufgearbeitet, der Schwerpunkt damit meist auf abhängig Beschäftigte gelegt worden ist. Die zahlreichen ausländischen Gewerbetreibenden, die mit ihren Aktivitäten unsere Städte und Ökonomie prägen, sind im Gegensatz dazu in den Geschichtswissenschaften noch kaum zum Gegenstand der Forschung geworden. Mich hat interessiert, wie sich Migranten und Migrantinnen in der Bundesrepublik selbständig gemacht haben und wie sie damit ihr Leben in der Bundesrepublik (neu) gestaltet haben. Der Lebensmittel- und Gastronomiesektor stellt noch immer das Hauptbetätigungsfeld ausländischer Gewerbetreibenden dar und ist daher besonders spannend. Zudem ermöglicht eine Untersuchung der ausländischen Gastronomie auch, die übrige, nicht-migrantische Bevölkerung in den Blick zu nehmen. Wie hat sich das Ernährungsverhalten der (deutschen) Bevölkerung durch das neue Angebot verändert? Inwiefern lassen sich Gaststätten und Imbisse als Kontaktzonen verstehen, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen und die daher für die Frage nach dem interkulturellen Miteinander von Bedeutung sind?

Wie ist Ihre Studie aufgebaut?

Zum einen zeige ich in einem historischen Längsschnitt, wie in Deutschland seit dem späten 19. Jahrhundert unterschiedliche Gruppen von Migranten und Migrantinnen sich mit einem gastronomischen Betrieb ein Auskommen verschafft haben. Während es um 1900 allein in Großstädten wie , Hamburg oder München wenige (meist italienische, russische und polnische) Lokale mit ausländischen Speisen gab, hat sich ihre Zahl erst seit den 1960er Jahren signifikant erhöht. Die Anwerbung von Arbeitsmigranten und -migrantinnen, aber auch das wachsende Interesse der Bundesdeutschen an ausländischen Speisen, nicht zuletzt durch den zunehmenden Auslandstourismus, hat zum Boom der ausländischen Gastronomie beigetragen, der bis heute anhält. Es geht also nicht allein um die migrationshistorische Seite, sondern auch um die steigende Nachfrage nach dieser Dienstleistung, die ich als Effekt von Globalisierungsprozessen untersuche. Im Einzelnen schaue ich mir dann vier Küchen genauer an: die italienische, jugoslawische, griechische und türkische, die zusammen das gastronomische Feld noch immer klar dominieren – wobei sich die jugoslawische Gastronomie seit den 1980er Jahren stark im Abwind befindet und heute keine vergleichbare Rolle mehr spielt.

In Ihrer Studie erläutern Sie, dass neben den Medien- und der Lebensmittelindustrie auch die Migranten aktiv dazu beigetragen haben, die Konsumlandschaft in Deutschland zu verändern. Wie empfinden Sie diese Veränderung?

Meinen Sie ganz persönlich? Da bin ich heilfroh, dass sich das kulinarische Angebot so erweitert hat. Ich esse sehr gern und probiere gerne neue Gerichte aus. Dass dies mittlerweile in Deutschland fast flächendeckend möglich ist, ohne ins Ausland reisen zu müssen, ist ein großer Gewinn. Das sieht sicherlich die Mehrheit so. Problematisch erscheint mir aber, dass die Angebotsvielfalt allgemein zwar als Bereicherung gesehen wird, dies aber nicht bedeutet, dass die Mehrheit dadurch auch einen anderen Blick auf Migranten und Migrantinnen entwickelt. Während die durch Migranten und Migrantinnen bewirkten Neuerungen in der Konsumsphäre durchaus begrüßt werden, gilt dies nicht für Migration generell.

Sie, dass das türkische Essen sich in die Küche integriert hat?

Ich glaube, dass man hier zwischen dem Auswärtsessen und dem Kochen zu Hause unterscheiden muss. Was die Imbisskultur in Deutschland angeht, hat sie sich ganz eindeutig durch die türkischen Angebote verändert. Wenn man im Ausland fragt, was den Leuten zum Beispiel zu Berlin (und seiner Esskultur) einfällt, dann ist es ‚der Döner‘. Beim Kochen zu Hause hat sich eher die italienische Küche durchsetzen können; Spaghetti gehören mittlerweile zum festen Bestandteil auch der von Deutschen zu Hause zubereiteten Speisen. Zudem stellt sich die Frage, was eigentlich unter deutscher (und türkischer) Küche zu verstehen ist. In Deutschland wie auch in der gibt es so viele regionale Kochtraditionen, dass Verallgemeinerungen hier schwierig sind. Generell ist festzuhalten, dass die sogenannten Nationalküchen erst mit der Nationalstaatsgründung im 19. Jahrhundert geschaffen wurden, indem die regionalen und lokalen Küchen zusammengefasst wurden. Gerade im Ausland findet dann oftmals eine Reduktion der Küche auf ein bis zwei ‚typische‘ Gerichte statt – seien es Pasta und Pizza im Falle der italienischen oder ‚der Döner‘ im Falle der türkischen Küche. Der inneren der Küchen wird eine solche Reduktion selbstverständlich nicht gerecht. So ist auch die sehr abwechslungsreiche und ausgefeilte türkische Küche noch immer nur wenigen Nicht-Türken und -Türkinnen bekannt.

Was wollen Sie mit der Veröffentlichung Ihrer Ergebnisse bewirken?

Das zentrale Ziel, das aus meinem migrationshistorischen Interesse herrührt, ist, zu zeigen, dass Migration den Normalfall in der Geschichte darstellt. Es hat immer Migration gegeben und mit den Migranten und Migrantinnen kamen immer schon neue Speisen, neue Ideen und neue soziale und kulturelle Praktiken ins Land. Die Weigerung in der Bundesrepublik, sich als Einwanderungsland zu verstehen, hat mich immer sehr geärgert. Hier das historische Bewusstsein für die Migrationsbewegungen, die die deutsche Geschichte nicht erst nach 1945 prägten, zu schärfen, ist mir ein wichtiges Anliegen. Dies könnte – so hoffe ich – zu einer weniger aufgeregten und differenzierteren Debatte über Migration und ihre Auswirkungen beitragen.
Mit der ausländischen Gastronomie habe ich mich zudem deshalb beschäftigt, weil es sich um ein Thema handelt, das den Alltag der Menschen berührt. Genau hier liegt meines Erachtens ein Vorteil dieser Perspektive: Es geht nicht um abgehobene Debatten einer kleinen Elite, sondern um den Alltag der Menschen und seine Veränderungen. Und man kann auf diese Weise das alltägliche Zusammenleben, die oft unproblematische von Menschen verschiedener Herkunft nachzeichnen – und auch die genussvollen Seiten aufzeigen.

Sie gehen auch darauf ein, dass Speisen mit Ethnizität und ethnischer Zugehörigkeit verknüpft werden. In diesem Zusammenhang kommen die dramatischen Überfälle auf die Betreiber der Döner- Imbisse wieder auf. Wie würden Sie diese Überfälle interpretieren?

Diese Überfälle sind ein Zeichen dafür, dass genau das eben benannte selbstverständliche Zusammenleben von einigen vehement abgelehnt wird. Für ihre Vision einer ethnisch homogenen Gesellschaft (die eine Illusion ist), schrecken sie nicht einmal vor Morden zurück. Ich glaube, dass es v.a. ausländische Gewerbetreibende waren, die der NSU zum Opfer fielen – wobei die zahlreichen Überfälle auf türkische Imbisse auch in den Jahren zuvor nicht vergessen werden sollten – weil ihre Gewerbebetriebe zum einen öffentlich sichtbar sind und damit Orte darstellen, an denen Migration sozusagen für alle greifbar wird und zu einer Veränderung des Stadtbildes geführt hat. Und zum anderen kann die selbständige Erwerbstätigkeit von Migranten und Migrantinnen als Beleg dafür gelten, dass sie im Land bleiben wollen, dass sie keine Rückkehrabsichten (mehr) hegen, sondern sich mit der Betriebsgründung für einen Verbleib in der Bundesrepublik entschieden haben. Möglicherweise ist es diese Unumkehrbarkeit der Migration und ihrer Effekte, die (nicht nur) bei Neonazis eine besonders massive Abwehr bewirkt. OĞUZHAN