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Die türkische Journalistin Nur Ener ist nach über einem Jahr aus der Haft entlassen worden. Ihre Berichte aus der Zeit hinter Gittern sind herzzerreißend. Vor allem das Schicksal der Kinder, die mit ihren Müttern hinter Gittern aufwachsen müssen, sei besonders Schlimm, erzählt die 26-jährige Journalistin.

Seit dem Putschversuch 2016 hat sich in der Türkei einiges verändert. Nahezu tagtäglich gibt es Razzien. Verwicklung in den Putschversuch und Terrorpropaganda gehören zu den bekanntesten Gründen für die Inhaftierungen. Seit dem Putschversuch im Juli 2016 wurden nach Angaben der türkischen Regierung über 41.000 Menschen festgenommen. Knapp 150.000 Menschen wurden vom Staatsdienst entlassen. Unter den inhaftierten befinden sich auch Journalisten. Eine davon war Nur Ener. Die 26-jährige schrieb für die letzten konservative türkische Zeitung, die als regierungskritisch bezeichnet werden kann. Am Dienstag wurde die Journalistin aus der Haft entlassen- nach 357 Tagen!  

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Bei einer Veranstaltung ihrer Zeitung sprach Ener zu ihren Kolleginnen und Kollegen. Sie wollten erfahren, was Nur Ener erlebt hat, was sie aus dem Gefängnis und den dortigen Bedingungen zu berichten hat. Was war in den 360 Tagen geschehen?

„Ich habe euch die Grüße der inhaftierten Mütter, zahlreicher junger Opfer mitgebracht. Sie bedanken sich bei euch allen und haben mit mir die Botschaft entsandt, dass eure guten Taten für sie nie vergessen werden“, sagte Ener als Einstieg zu ihrer kurzen, aber emotionalen Rede. Sie wolle ihren Schwerpunkt nicht darauf legen, was sie selbst erlebt hat, sondern auf die Kinder in den Gefängnissen.

Einige dieser Kinder glaubten, dass sie im Gefängnis leben würden, weil ihre Mütter dort arbeiten, so Ener. „Ich will kein Geld Mama, ich will auch keine neuen Klamotten. Lass uns lieber gehen“, sei die Beschwerde eines kleinen Kindes, an die sich Ener mit Tränen in den Augen erinnert. Die deutsche Öffentlichkeit kennt das durch die mittlerweile ebenfalls freigelassene Journalistin Mesale Tolu und ihrem Kind. Auch die Deutsch-Türkin musste mit ihrem drei-jährigen Sohn rund 9 Monate im türkischen Gefängnis verbringen. Weiterhin müssen mehrere hundert Babys und Kinder ihre kostbare Zeit mit ihren Müttern in Haft verbringen. 

DTJ übersetzt emotionale Botschaft von Journalistin Nur Ener

Das DTJ hat die Rede von Nur Ener ins Deutsche übersetzt. Eines der Schwerpunkte des DTJ ist über das Schicksal türkischer Journalisten und die zu Unrecht inhaftierten Zivilisten zu berichten. 

Hier lesen Sie die Übersetzung zu Nur Eners Rede: 

„Ich habe seit 357 Tagen viele Entlassungen aus dem Gefängnis beobachtet. Wenn jemand freigelassen wird, haben wir uns angewöhnt so viel Lärm wie möglich zu machen, damit alle mitbekommen, dass jemand befreit wurde. Als ich freigelassen wurde, haben mir die Leute ihre Grüße an Kazim Gülecyüz und Ibrahim Özdabak mitgegeben. Diesen Gruß auf mich zu nehmen ist eine schwere Bürde. Ich will euch heute eigentlich nicht von der psychischen Folter, nicht von den unrechtmäßigen Handlungen erzählen, die mir in 357 Tagen widerfahren sind.“

 Nur Ener wird von ihren Verwandten und Freunden vor der Gefängnisanstalt mit Tränen empfangen

„Ich will vielmehr über das Schicksal der Kinder reden, die mit ihren Müttern hinter Gittern festsitzen“

„Ich will vielmehr über das Schicksal der Kinder reden, die mit ihren Müttern hinter Gittern festsitzen. Die Mütter und Väter in diesem Saal werden sicher sehr gut verstehen, wie unvorstellbar schwer es ist, dass das eigene Kind in einem Gehäuse aus Beton eingesperrt ist. Wenn das Kind Lust auf etwas hat, dann will es nichts anderes, sondern genau das. Wenn das Kind Pommes essen will, dann isst es tagelang sonst nichts anderes. Wir haben Kinder gesehen, die unbedingt Pommes essen wollten und weil es das nicht gab, hat das Kind drei Tage lang nichts gegessen. Die Mutter ist verzweifelt und am Ende, ihr sind die Hände gebunden.“ 

„Einige Kinder denken, dass das Gefängnis ein Arbeitsort ist. Andere glauben, dass es ein Heim wäre.“

„Einige Kinder denken, dass das Gefängnis ein Arbeitsort sei. Andere glauben, dass es ein Heim wäre. Einige Kinder glauben, dass ihre Mütter dort als Lehrerin oder Ärztin arbeiten. Sie fragen ihre Mütter unentwegt, wann denn die Arbeit an diesem Ort beendet werde.. wann sie endlich gehen können.. Manche Kinder sagen: „Mama, ich will nicht, dass du viel Geld verdienst. Wo ist Papa? Wo ist draußen und wo drinnen? Warum kommen immer wieder so plötzlich Soldaten herein? Wer sind diese Männer, die vor der Türe stehen?“

„Kinder werden dort massiv beeinträchtigt“

„Die Kinder werden dort massiv beeinträchtigt. Stellen Sie sich vor, das Kind glaubt die Mutter arbeite dort. Es hat eine solche Abneigung gegenüber Geld und allem was mit Geld zu tun hat entwickelt, dass es die schmutzigen Klamotten nicht mehr ausziehen wollte. Es sagte, „ich will kein Geld und auch keine neuen Klamotten, kauf mir nichts neues, ich will für immer diese Sachen anziehen!“. Solches Verhalten kommt von Kindern die drei-vier Jahre alt sind.“

„Ich will, dass ihr für diese Kinder betet“

„Ich will, dass ihr für diese Kinder betet. Als nach 357 Tagen die Türen für mich geöffnet wurden, wäre ich lieber noch drinnen geblieben, wenn statt mir die Kinder hätten rausgehen dürfen. Hätten sie mich gefragt, „Willst du hier raus, oder sollen diese Kinder, das 30 Tage alte Baby Akif mit der Mutter und dem vierjährigen Bruder Murat raus?, hätte ich ohne zu überlegen gesagt, dass sie raus sollen. In den Zeitungen erschienen Artikel über unterschiedliche Schwierigkeiten. Zum Beispiel darüber, dass die Kinder keine Spielsachen, keine Stifte bekamen. Aber wo ein Glaube ist, dort ist auch ein Weg. Wir haben aus eigener Initiative Spielsachen für die Kinder gebastelt. Ich habe am meisten Zeit mit dem Lesen von Büchern und dem Spielen mit den Kindern verbracht.

Damit die Kinder sich nicht langweilen sagte ich zu ihnen, „Na los, heute werdet ihr eingeschult“. Dann haben wir so getan, als würden wir sie in die Schule aufnehmen. Eines der Kinder sagte, „Wie soll man den ohne einen Schulranzen in die Schule?“. Da haben wir aus zwei gelben Waschlappen eine Tasche gebastelt. Damit kam das Kind jeden Tag zur Schule und wir haben zusammen Dinge geübt.“

„Ich habe euch die Gefängnis-Spielsachen der Kinder mitgebracht“

„Ich habe euch die Gefängnis-Spielsachen der Kinder mitgebracht. Das ist ein Auto, gebastelt aus zwei Medikamentenschachteln. Dieses Auto haben wir für Murat gebastelt. Er schlief sogar damit, denn das war das einzige Spielzeug, das er kannte. Die Räder sind die Deckel von Flaschen und dieses silberne darauf sind Teetüten. Es ging sogar soweit, dass Murat am Mülleimer darauf wartet, dass irgendjemand eine Flasche in den Müll schmeißt. Er schnappte sich alles, woraus man möglicherweise etwas zu spielen basteln könnte. [Nur Ener zeigt eine Puppe] Das hier ist eine Puppe aus Socken, mit Wolle gestopft. Dort haben wir solche Puppen gebastelt, damit die Kinder etwas zu spielen haben.“

„Ich habe auch das Spucktuch des 30 tägigen Babys Akif dabei“

„Ich habe auch das Spucktuch des 30 Tage jungen Babys Akif dabei. Das hat mir die Mutter von Akif mitgegeben. Das alles ist für euch. Ich werde das an Kazim übergeben. Der wird sicherlich einen Weg finden diese Dinge aufzubewahren.

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