Die Kultur des Todes

Für den chinesischen Dichter Zhuangzi waren Leben und Tod zwei Welten, zwischen denen es kein Fenster gäbe, durch welches man von der einen in die andere schauen könnte. Es ließe sich daher auch nicht sagen, welche von beiden vorzuziehen sei, und es führe zu nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Eine sehr gelassene, pragmatische Einstellung zum Tod, die nicht jedem liegt – haben die Menschen doch schon zu allen Zeiten in allen Kulturen darüber nachgedacht, wie es nach dem Tod weitergeht. Ob es überhaupt weitergeht oder weitergehen soll. Das Mysterium des Todes ist Furcht einflößend, weil es nicht zu lüften ist, deshalb legten sich Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen Konstrukte zurecht, um mit diesem Phänomen umzugehen, eine Perspektive für ein „Leben nach dem irdischen Leben“ zu entwickeln und sich selbst zu Lebzeiten die Angst vor diesem Unbekannten zu nehmen bzw. in der Hoffnung auf ein besseres Leben – im Paradies, im Jenseits, in den Ewigen Jagdgründen usw. – das irdische Leben zu erdulden.

Der Tod und die damit verbundenen „Begleiterscheinungen“, wie Bestattungsbräuche oder besondere Rituale, sind dem Wandel der Zeit unterworfen und zeigen zahlreiche kulturelle Ausprägungen, die sich von Kulturkreis zu Kulturkreis, von Religion zu Religion, aber auch schon von Dorf zu Dorf unterscheiden können.

Dem Jenseits entgegen

Der kürzlich verstorbene Dichter Peter Rühmkopf soll kurz vor seinem Tod gesagt haben, er stelle sich vor, dereinst im Jenseits mit Ringelnatz und George Grosz eine Skatrunde zu bilden. Vor dem Tod sind alle gleich – der Umgang mit dem Tod ist dies keineswegs. Jeder einzelne macht sich innerhalb seiner eigenen Erfahrungswelt und seiner Einbettung in Raum und Zeit eine Vorstellung davon, wie es danach weitergeht.

Eine zentrale Rolle beim Umgang mit dem Tod spielen unter anderem verschiedene Jenseitsvorstellungen, die zu unterschiedlichen Ritualen und Bräuchen führten. Eine Skatrunde mit Ringelnatz und Grosz ist dabei sicherlich eine ganz individuelle Vorstellung der extravaganteren Art und ist auf die – selbst angesichts des Todes – humoristische Ader des Dichters zurückzuführen.

In vielen Kulturen zeugen Ausgrabungen davon, dass man von einem Leben im Jenseits ausging, das dem irdischen Leben ähnelte. Der Tod wurde nicht als Abschluss oder Ende wahrgenommen, sondern als Reise in ein viel versprechendes Jenseits, in dem der Tote frei von Sorgen und Ängsten leben würde.

Da man sich die Reise dorthin lang und gefahrvoll vorstellte, legte man beispielsweise im Alten Ägypten dem Toten Essgeschirr, Kleider, Schuhe und Waffen ins Grab, sowie Amulette, die ihn vor möglichst allen Gefahren schützen sollten. So wurde etwa ein Handwerker mehr oder weniger mit seiner kompletten Werkstatt begraben. Herrscher und Oberschicht waren darauf bedacht, ganze Heerscharen so genannter Grabdiener mit ins Grab zu nehmen, kleine Figuren, die ihnen wie die Dienerschaft, die sie zu Lebzeiten hatten, alle wichtigen und vor allem schweren Arbeiten im Jenseits abnehmen sollten.

Der Leichnam wurde einbalsamiert und mumifiziert, da man glaubte, dass der Verstorbene seine sterbliche Hülle im Jenseits zum Weiterbestehen benötigen würde. Im Gegensatz zu vielen heutigen Gesellschaften, die sich sehr stark auf das „Diesseits“, also das irdische Leben konzentrieren und in denen Jenseitsvorstellungen aller Art keine große Rolle mehr spielen, war das Leben der antiken Ägypter eher auf das Jenseits ausgerichtet. Da der Tote gegen seinen Willen die Welt der Lebenden, seine Familie, seine Freunde und sein Zuhause verlassen würde, wollte er an eine Zukunft glauben, die der der Götter ähnelt.

Auch im Alten China war es üblich, Tote einzubalsamieren und ihnen Gegenstände für das Leben im Jenseits mitzugeben. Die Marquise von Dai ist eine über 2000 Jahre alte Mumie aus der Han-Dynastie, die 1971 bei der chinesischen Stadt Changsha gefunden wurde. Sie ist eine der am besten erhaltenen Mumien, die je entdeckt wurden. Bei ihrer Obduktion wurde Blut in den Adern gefunden und die inneren Organe glichen denen eines kürzlich Verstorbenen. In ihrem Grab wurden mehr als 1000 Gegenstände gefunden, mehr als zwei Drittel davon dienten dem leiblichen Wohl der Marquise. In 30 Bambuskörben wurden Nahrungsvorräte aufbewahrt. Es wurden auch Rezepte gefunden, die auf die Lieblingsspeisen der Marquise hindeuten. Für die Mahlzeiten standen große Mengen an Geschirr zur Verfügung. Kleine Figuren sollten Diener darstellen.

In der christlichen Vorstellungswelt geht man davon aus, dass nach dem Tod die Seele von der irdischen Hülle des Körpers getrennt wird. Der Körper geht den Weg alles Irdischen, d.h. er vergeht, während die Seele ein ewiges Leben innehat. Von Grabbeigaben nach Art der Alten Ägypter oder Chinesen sah man im Christentum daher im Allgemeinen ab.

Wiedergeburt unerwünscht

Während in vielen Religionen die Wiederauferstehung bzw. ein Weiterleben im Jenseits angestrebt wird, betrachten die Buddhisten die Reinkarnation als Strafe. Oberstes Ziel ist es hier nämlich, die qualvolle Kette von Tod und Wiedergeburt zu durchbrechen und das Nirwana zu erlangen. Da jeder seinen Heilsweg selbst bestimmt, gibt es auch keine festen Bestattungsrituale. Häufig wird die Asche des Toten dem Wasser übergeben.

Ähnlich ist es im Hinduismus, wo es ebenfalls darum geht, dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Für den gläubige Hindu gilt es als besonders erstrebenswert, im indischen Varanasi, einer der heiligsten Stätten des Hinduismus, im Ganges zu baden, um sich von seinen Sünden zu reinigen, sowie dort zu sterben und verbrannt zu werden, was ihn vor Wiedergeburt schützen soll. Auf den kilometerlangen stufenartigen Uferbefestigungen, den so genannten Ghats, baden die Gläubigen im Wasser des für sie heiligen Flusses, während einige Meter weiter Leichen verbrannt werden, deren Asche anschließend ins Wasser gestreut wird.

Die letzte Ruhestätte – von kolossalen Prachtbauten bis zur Weltraumbestattungen

Neben den ägyptischen Pyramiden gehört sicherlich das Taj Mahal zu den beeindruckendsten Grabmalen der Welt. Der Großmogul Sha Jahan ließ es bei Agra im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh für seine 1631 verstorbene Hauptfrau Mumtaz Mahal errichten. Solch monumentale Gräber, die scheinbar für die Ewigkeit gebaut sind, kommen eher selten vor. Bei vielen Bestattungsarten gibt es nicht einmal einen bestimmten Ort, der ein Grab kennzeichnet, z. B. bei der so genannte Himmelsbestattung oder Luftbestattung, die in manchen Ländern Zentralasiens noch heute praktiziert wird. In Tibet ist sie neben Feuer- und Erdbestattungen bis heute verbreitet.

Dabei wird der Leichnam zu Hause noch einige Tage symbolisch mit Essen versorgt; ein Lama liest ihm aus dem Tibetischen Totenbuch vor, um die Seele des Toten zum Verlassen des Körpers zu bewegen. Danach wird die Leiche noch vor Sonnenaufgang zum Bestattungsplatz gebracht, wo sie von den Leichebestattern zerstückelt und den Geiern vorgeworfen wird. Diese für den westlichen Leser möglicherweise „barbarisch“ anmutende Methode hatte ganz pragmatische Gründe. Sie ist eigentlich für den Buddhismus unüblich und auf den Mangel an Brennholz sowie die im Winter gefrorenen Böden zurückzuführen.

Aber es gibt auch in Europa und Amerika immer mehr Bestattungsrituale, die keine konventionelle Erdbestattung vorsehen und bei denen der Körper sozusagen „körperlos“ gemacht wird. In den US-Bundesstaaten Minnesota und New Hampshire wird neben den konventionellen Bestattungsarten die alkalische Hydrolyse praktiziert, bei der Leichen – der guten Ökobilanz wegen – in Lauge aufgelöst werden. In Schweden soll in nächster Zukunft die Kompostierung von Leichen erlaubt werden.

Der amerikanische Anbieter Celestis bietet so genannte Weltraumbestattungen an, bei denen man die Asche des Toten in den Weltraum katapultieren lassen kann. Je nachdem, ob man nur die Erdumlaufbahn anstrebt, den Mond oder die Weiten des Weltalls, kostet eine solche Bestattung zwischen 5.300 und 12.500 Dollar. Und wenn was schief geht beim Start? Kein Problem, Celestis hält einen Teil der Asche für einen zweiten Anlauf zurück. Ohnehin sind nur sieben Gramm Asche in Kleinsturnen erlaubt, der Rest muss man konventionell bestatten oder aufbewahren.

Ein wichtiges Element der konventionellen Erdbestattung ist der Sarg. Die Sarkophage der Alten Ägypter, die oft vielfach ineinander geschachtelt waren, hatten häufig Menschenform und trugen die Züge des Verstorbenen. Im heutigen Ghana erhält man auf Bestellung den Sarg seiner Wahl. Ein Kakaobauer kann sich z.B. einen Sarg mit einer großen Kakaofrucht bauen lassen. Die Sitte geht auf einen Fischer zurück, der sich von seinem Neffen einen Sarg bauen ließ, der es ihm ermöglichen sollte, im Jenseits zu fischen. Unter anderem sind aus Ghana Särge in Form von Colaflaschen, Fischen oder Autos bekannt geworden. In Deutschland dagegen ist der Sarg eine schlichte Holzkiste, die meist aus Kiefern-, Buchen- oder Eichenholz besteht, wichtig ist, dass das Material verweslich ist, also Naturholz; die Maße des Sarges (70cm x 2m) sind durch die Friedhofsverordnung festgelegt.

In der Fremde begraben

„Was ist größer als das Beisetzen meines Leichnams im Lande, in dem ich geboren bin?“ So formulierte der Ägypter Sinuhe die entscheidende Einsicht, die ihn auf dem Höhepunkt seiner ausländischen Karriere in die Heimat zurückkehren ließ. Im Alten Ägypten brauchten die Menschen „Heimat“, um darin begraben zu werden. Das Grab steht im Fokus der ägyptischen Beheimatung, der ideale Ort des Grabes ist der Geburtsort. Nun ist dies sicherlich keine allgemein gültige Maxime, aber viele Menschen haben auch heute noch das natürliche Bedürfnis, in der Heimat begraben zu werden, zumal wenn die Bestattungsbräuche des Landes, in dem sie leben, ihre eigenen Bräuche nicht zulassen.

Allerdings wirft die Globalisierung die Frage auf, wo „Heimat“ eigentlich ist. Ist es der Geburtsort, wie die Alten Ägypter postulierten, oder vielleicht doch eher der Ort, an dem man den Großteil seines Lebens verbracht hat? In einer globalisierten Welt ist es unvermeidlich, dass Menschen in der Fremde sterben und die Angehörigen vor der Wahl stehen, ob sie den Leichnam in die Heimat überführen oder in der Wahlheimat bestatten lassen. Für Diskussionen sorgte hierzulande der so genannte Sargzwang, der es Muslimen nicht gestattete, ihre Toten nur in ein Leichentuch gehüllt zu bestatten, wie es die religiösen Regeln erfordern.

Viele Bundesländer haben diese Sargpflicht aber mittlerweile gelockert. Auch andere Initiativen bemühen sich, den Bestattungsbräuchen anderer Kulturen Rechnung zu tragen. So wurden z.B. neben einem seit zehnJahren bestehenden muslimischen Gräberfelds auf dem Saarbrücker Hauptfriedhof die bundesweit ersten oberirdischen Grabkammern angelegt. Sie sollen Beisetzungen wie im Mittelmeerraum erlauben, inklusive Bildern der Verstorbenen und Blumenschmuck an der Grabplatte. Die saarländische Landeshauptstadt erfüllte damit einen lang gehegten Wunsch der italienischen Gemeinde.

Kein Tabu mehr?

Im Westen lockert sich das Tabu um das Thema Tod langsam aber unaufhaltsam. Noch 1936/37 hatte der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Walter Benjamin kritisiert, dass es der bürgerlichen Gesellschaft gelungen sei, „den Leuten die Möglichkeit zu verschaffen, sich dem Anblick von Sterbenden zu entziehen. Sterben, einstmals ein öffentlicher Vorgang im Leben des einzelnen und ein höchst exemplarischer […], Sterben wird im Verlauf der Neuzeit aus der Merkwelt der Lebenden immer weiter herausgedrängt. Ehemals kein Haus, kaum ein Zimmer, in dem nicht schon mal ein Mensch gestorben war. […] Heute sind die Bürger in Räumen, die rein vom Sterben geblieben sind, Trockenbewohner der Ewigkeit, und sie werden, wenn es mit ihnen zu Ende geht, von den Erben in Sanatorien oder in Krankenhäusern verstaut.“

Angesichts der oft beklagten Überalterung der Gesellschaft hat sich dies zwangsläufig geändert, der Lebensabend und das Sterben haben unvermeidlich zu einer breiten öffentlichen Debatte geführt. Unter anderem setzte die Ende der Sechziger Jahre entstandene Hospizbewegung einer Gesellschaft etwas entgegen, die das Sterben und die Sterbenden immer weiter zu marginalisieren drohte, so dass der Tod unmenschlich wurde. Ihre größte Entwicklung machte sie in den Siebziger Jahren, initiiert von der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, in den USA. Das Hauptziel der Bewegung ist es, das Sterben wieder als wichtigen Teil des Lebens ins öffentliche Bewusstsein zu rufen und damit den Sterbenden und ihren Angehörigen ein würdevolles Leben zu ermöglichen.

Es geht um den einzelnen Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen auf allen Ebenen (z. B. der körperlichen, der psychischen, der sozialen und der spirituellen Ebene). Der Mensch wird als soziales Wesen betrachtet und seine Angehörigen und nahen Bekannten werden grundsätzlich mit einbezogen, ebenso wie Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger und Psychologen. Die Hinterbliebenen werden auch nach dem Tod ihres Angehörigen noch unterstützt. Die Beweggründe dieser Arbeit sind mit Sicherheit positiv zu bewerten – die Frage bleibt, wie es dazu kommen konnte, dass der Tod und das Sterben als natürlicher Vorgang, der früher durch ein spirituelles/religiöses Gerüst und die Anwesenheit der Familie getragen wurde und in vielen Kulturen auch heute noch wird, auf diese Weise institutionalisiert und „professionalisiert“ werden musste.

Entertainment mit Toten

Auch in Kunst und Kultur wurde der Tod schon immer thematisiert. Im Mannheimer Engelhorn-Museum sorgte dieses Jahr eine Ausstellung mit dem Titel Mumien – Der Traum vom ewigen Leben für Furore, in deren Rahmen 70 konservierte Leichen von Menschen und Tieren aus verschiedenen Kulturen und Epochen ausgestellt wurden. Den im kulturellen Rahmen wohl größten Tabubruch stellt wohl die seit 1996 bestehende Wanderausstellung Körperwelten dar, die plastinierte, überwiegend menschliche Körper zeigt. Schon immer wurde der Tod in der Kunst dargestellt. Man denke an die vielfältigen Interpretationen des Themas „Der Tod und das Mädchen“ in Musik, Bildender Kunst und Dichtung. Die Präsentation von „echten“ Leichen als Kunstwerk durch den Anatom Gunther von Hagen in seiner Ausstellung Körperwelten ist hingegen ein neues Phänomen, das, vor allem von den Kirchen, als „Entertainment mit Toten“ heftig kritisiert wird. Die Schau sei eine „Verhöhnung menschlichen Lebens und Sterbens“, sagte die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, als die Ausstellung 2003 nach Hamburg kam. Ist es mit der Menschenwürde vereinbar, Leichen und Leichenteile als Kunst zu präsentieren?

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ (Bertolt Brecht)

Der Umgang mit dem Tod erlebte in der westlichen Neuzeit eine Entzauberung. Diese lässt sich mit Stichwörtern wie „Individualisierung“, „Säkularisierung“, „Technisierung“ und „Professionalisierung“ charakterisieren. Es scheint, als würden die bisherigen Schauplätze von Tod, Trauer und Erinnerung ihre Bedeutung verlieren. Friedhöfe werden anonymer und stellen keine Orte individueller Erinnerung mehr dar, Gräber werden eingeebnet, immer mehr Menschen lassen sich verbrennen. Das traditionelle, individuelle Grab mit Grabstein, Umfriedung und Stiefmütterchenbepflanzung verliert an Boden.

Neue Orte der Erinnerung entstehen, die als Phänomene der Moderne betrachtet werden können. An der Schnellstraße erinnern kleine, blumengeschmückte Holzkreuze an Menschen, die bei einem Unfall ums Leben kamen. Auch das Internet macht vor dem Totengedenken nicht Halt: Mit dem evangelischen Totensonntag, an dem alljährlich mit einem Gottesdienst und einem gemeinsamen Friedhofsbesuch der Toten gedacht wird, konkurrieren dort multimedial inszenierte und individuell gestaltbare Internet-Gedenkseiten, so genannte „Halls of Memory“. Vielleicht verlagert sich der Umgang mit dem Tod jetzt ins weltweite Netz? Nur: Wer träumt schon vom ewigen Leben im Internet?

Dieser Artikel erschien 2007 in der Zeitschrift „Zukunft“.