Fethullah Gülen

Von İhsan Yılmaz

Seit Jahren wird über Schulen der Gülen-Bewegung in Konflikt- und Kriegsregionen berichtet. Es sind Schulen, an denen Kinder der Konfliktparteien in ein- und derselben Klasse unterrichtet werden und wo somit ein indirekter und langfristiger Beitrag zum Frieden geleistet wird. Es ist ein nachhaltiger und dauerhafter Beitrag. Eines der Werke, die sich damit beschäftigen, ist das Buch „Islam und der Aufbau des Friedens – Initiativen der Gülen-Bewegung“, das ich gemeinsam mit dem bekannten Islamwissenschaftler John L. Esposito verfasst habe. In dem Buch, welches auf Türkisch und Englisch veröffentlicht wurde, werden Projekte aus unterschiedlichen Ländern der Welt analysiert.

Die Frage, wie sich die Bewegung unter Drucksituationen, also Situationen, in der sie selbst Druck und Repressionen ausgesetzt ist, verhalten würde, war jedoch noch offen und fand keinen Eingang in das Buch. Wird sie weiterhin friedlich bleiben oder werden aus ihr radikale Gruppierungen hervorgehen?

Fethullah Gülen selbst hat die Militärinterventionen von 1971, 1980 und den sogenannten postmodernen Putsch vom 28. Februar 1997 in der Türkei miterlebt. Er war immer wieder Zielscheibe des politischen Establishments, das in ihm eine Gefahr für seine Machtinteressen sah. Aber das, was seit über zwei Jahren der Bewegung in der Türkei widerfährt, ist einmalig in der Geschichte. Sie wird systematisch über einen längeren Zeitraum unterdrückt, ist Repressionen ausgesetzt – sowohl die Institutionen als auch Anhänger von jung bis alt. Nicht nur die Verantwortungsträger werden inhaftiert, sondern auch einfache Sympathisanten unterdrückt.

Die Hizmet-Gemeinde bildete bis Ende des 20. Jahrhunderts eine ziemlich homogene Gemeinschaft, die aus Personen bestand, die sich sehr ähnlich waren. Für Gülen war es einfach, dieses Gebilde von seiner friedlichen Philosophie zu überzeugen. In den ersten 15 Jahren des neuen Jahrhunderts ist jedoch aus der Gemeinde eine Bewegung geworden. Dadurch ist sie in sich pluralistischer geworden. Ihre Aktiven und Freiwilligen sind nunmehr Menschen unterschiedlichster Ethnien, Lebensweisen, Sprachen, Kulturen, politischer Überzeugungen und sogar Religionszugehörigkeiten. Bei religiösen Gemeinschaften wie der Hizmet-Bewegung, die Menschen unterschiedlichster Lebensauffassungen unter einem Dach vereinen, besteht die Gefahr, dass aus ihr in ernsten Krisenzeiten radikale Gruppen hervorgehen und sich abspalten. Ob das auch auf die Hizmet-Bewegung zutreffen würde oder nicht, war bis zu der aktuellen Krise in der Türkei für Sozialwissenschaftler wie mich ein Rätsel.

Unzählige Einrichtungen, Tätigkeitsfelder und Gebäude, die für die Freiwilligen der Bewegung von großer Bedeutung sind, wurden zerschlagen. Mehrere hundert Angehörige der Bewegung sitzen im Gefängnis, nur weil sie gemeinnützige Projekte unterstützt haben.

Tausende von ihnen sind im Ausland, um der Tyrannei nicht ihre Arbeit nicht zu erleichtern. Hunderttausende leben in Angst und Schrecken und wissen nicht, wann sie Ziel der Hexenjagd oder gar eines Massenmordes sein werden. Viele Menschen erlitten Nachteile, weil sie mit Personen, die der Hizmet-Bewegung angehören, verwandt sind. Einem meiner Verwandten wurde seine Stelle bei einem halbstaatlichen Unternehmen gekündigt. Andere mussten ins Gefängnis, weil es in ihrer Verwandtschaft Hizmet-Anhänger gibt.

Ihnen widerfährt etwas, was sogar der PKK, welches tausende von unschuldigen Menschen ermordet hat, nicht angetan wird. Mit Staatsgewalt werden sie enteignet. Sie und Gülen sind in unzähligen Berichten in Zeitungen und Fernsehen widerlichen Verleumdungen und Diffamierungen ausgesetzt, werden beleidigt und sind Zielobjekte von medialen und politischen Hasstiraden.

Trotz all dieser Angriffe hat es unter den Hizmet-Angehörigen keine einzige Person gegeben, die einen Staatsbediensteten, ein Mitglied der AKP oder eine Einrichtung der Regierungspartei aus Protest mit einem Ei oder einem Stein beworfen oder anderweitig Gewalt ausgeübt hätte. Auch hat es bisher keine ersichtlichen Tendenzen zur Radikalität und Hizmet-Anhängern gegeben. Die Verfolgung der Hizmet-Bewegung in der Türkei hat gezeigt, dass sich die Friedensphilosophie von Gülen oder anders gesagt, sein Projekt, dem Weltfrieden einen Dienst zu erweisen, in den Herzen seiner Mitstreiter verfestigt ist.

Außerdem hat die Bewegung am eigenen Leibe erfahren müssen, wie schädlich es ist, die gesunde Distanz zur Politik aufzugeben. Hizmet ist eine Bewegung, die von ihrem Prinzip her jeden so anerkennt wie er ist, das Aufzwingen einer religiösen Überzeugung oder einer bestimmten Lebensform ablehnt und sich in dem globalen Dorf dem Frieden verschrieben hat. Sie ist eine Bildungsbewegung, die auf die Ausbildung von Persönlichkeiten setzt. Die unkontrollierte Nähe zu Staat und Politik schadet diesem zivilgesellschaftlichen Engagement. Das ist die Lehre aus der Krise, die sich in das Bewusstsein der Bewegung, die nicht nur von Frieden predigt, sondern ihre Ressourcen für die Verwirklichung dieses für alle Menschen wichtigen Ideals mobilisiert, eingraviert hat.

Nichts währt ewig. Irgendwann wird diese stürmische Zeit vorbei sein. Dann wird die Frage, ob es sich bei Hizmet um eine krypto-islamistische Bewegung handelt, die Taqiya übt und ihre wahren Ziele verschleiert, ihre Antwort gefunden haben. Sie wird dann Anerkennung finden als ein Akteur für den weltweiten Frieden – eine Eigenschaft, die sie schon längt bewiesen hat.