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Politik

Die Lizenz zum Hetzen

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Wer regelmäßig im türkischsprachigen Internet über kontroverse politische Themen diskutiert, hat wahrscheinlich bereits Bekanntschaft mit ihnen gemacht: AK-Trolls. Ähnlich den berüchtigten Trolls des Kreml hat ihr Vorgehen durchaus System.

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Was für den politischen Diskurs früher der Stammtisch war, sind heute die sozialen Medien. Im Gegensatz zu den Äußerungen, die man aus dem Affekt zum Tischnachbarn hat fallen lassen, sind die Statements, die man heutzutage unter Posts oder auf Pinnwänden hinterlässt, nicht nach dem Hören wieder verschwunden, sondern bleiben auffind- und nachvollziehbar, was schon so manchen Zeitgenossen in die Bredouille gebracht hat. Allerdings ist auch der jeweilige Gesprächspartner im Gegensatz zum Stammtischnachbarn allzu oft anonym oder unbekannt, was die Hemmschwelle für kontroverse Äußerungen oftmals senkt.

Einerseits fühlen sich davon viele Internetnutzer ermutigt, rhetorisch doch etwas mehr über die Stränge zu schlagen, als sie sich im realen Gespräch trauen würden. Andererseits öffnet es Tür und Tor für ein Phänomen, das den meisten aus dem Kontext der russischen Politik bekannt sein dürfte: Trolls. Vor allem im Kontext der Ukraine-Krise lenkten manche Medien das Augenmerk darauf, wie vom Kreml bezahlte User die Debatten in sozialen Medien zugunsten der Politik Wladimir Putins beeinflussen oder kritische Kommentatoren diffamieren sollten. Das Niveau dieser Beiträge bewegte sich zumeist unter dem, das ein politischer Diskurs haben sollte.

Wer sich als Türke oder Deutschtürke in sozialen Medien, vor allem auf Facebook, bewegt und an den kontroversen Debatten über türkische Politik teilnimmt, dem können als aufgewecktem Beobachter schon lange einige Parallelen zu den berüchtigten Putin-Trolls aufgefallen sein.

Türkische Trolls fast so gut organisiert wie ihre russischen Kollegen

Die türkische Zeitung Taraf hat sich dem Thema der sogenannten AK-Trolls (in Anlehnung an die Selbstbezeichnung AK Parti für die AKP) diese Woche angenommen und erstaunliche Parallelen zwischen den Internet-Söldnern des Kreml und denen der AKP zutage gefördert.

Der liberalen Zeitung zufolge soll hinter den AK-Trolls eine Gruppe von insgesamt 6000 Personen stehen, sozusagen die Fußtruppe. Geführt werde sie von 30 Chefs, die bestimmen, wer zur Zielscheibe wird. Ihre Arbeitsweise beschreibt Taraf folgendermaßen:

Fällt jemand in den sozialen Medien im Sinne der AKP negativ auf, so sendet einer dieser 30 Anführer einen Tweet, in der es um diese Person geht. Sie kommunizieren miteinander nicht über das Telefon, sondern über ihre Tweets. Der Tweet der Führungsperson wird von den anderen als Signal verstanden, diese Person anzugreifen. Daraufhin macht sich dann das Fußvolk, bestehend aus den 6000 Leuten, über diese Person her und überhäuft sie mit Beschimpfungen.

Eines der bekanntesten Opfer, dessen Fall einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, ist der Journalist Cüneyt Özdemir. Für seine regierungskritische Haltung sah er sich wegen einiger Posts, in denen er den Druck der Regierung auf seine Sendeanstalt kritisierte, mit einer Schmutzkampagne via Twitter konfrontiert. Was den Fall allerdings besonders machte: Der „Anführer“ der Kampagne war ein Account mit dem Namen ’sağlam irade‘ (‚eiserner Wille‘). Und dieser diffamierte Özdemir nicht nur, sondern drohte ihm damit, ein vertrauliches Telefongespräch, das dieser mit dem ehemaligen AKP-Abgeordneten Muharrem Baltacı geführt hatte, über soziale Medien an die Öffentlichkeit zu bringen.

Woher sollte ein x-beliebiger Twitternutzer Kenntnis über das Gespräch und vor allem einen abgehörten Mitschnitt davon haben? Wie sich herausstellte, steht hinter dem Account ein gewisser Taha Ün, berüchtigt dafür, einer der bekanntesten AK-Trolls zu sein. Nicht nur für seine radikalen Ansichten gegenüber Kurden und Schiiten in Verruf, hat er es zuletzt im Juni in die Schlagzeilen gebracht, weil ein berühmter Politiker Gast auf seiner Hochzeit war und sich dort freimütig mit Sedat Peker, einer zwielichtigen Gestalt aus der Welt der türkischen Mafia, umgab: Recep Tayyip Erdoğan.

Rückendeckung von oben

Als Gründer der Trollarmee, die die AKP mutmaßlich unterhält, gilt der ehemalige stellvertretende AKP-Vorsitzende Süleyman Soylu. In der Anfangszeit bediente er sich in der Jugendabteilung der Partei, um geeignete Kandidaten für seine Kampagnen zu finden. Mit der Zeit wuchs die Truppe so auf die besagte Zahl von 6000 Mitgliedern.

Sorgen, für die Diffamierungs- und Verleumdungskampagnen zur Rechenschaft gezogen zu werden, müssen sie sich hingegen nicht machen. Zum einen wissen sie die Regierungsmacht hinter sich. Bisher wurde trotz wüster Beschimpfungen gegen keinem einzigen AK-Troll Ermittlungen eingeleitet, geschweige denn ein Urteil gefällt. Zweitens hat die AKP nach den Gezi-Protesten die Erfahrung gemacht, das Twitter keine Namen herausgibt und kann sich im Guten wie im Schlechten darauf verlassen.

Die AK-Trolls führen ihre Beschimpfungen nicht auf ehrenamtlicher Basis, vielmehr handelt es sich um einen bezahlten Beruf – eine weitere Parallele zu den Kreml-Trolls. Mindestens 1000 Lira im Monat sollen sie bekommen; diejenigen, die erfolgreicher sind und ihre Gegner einzuschüchtern vermögen, bekommen mehr. Das Geld soll von Unternehmen kommen, die Mittel aus öffentlichen Ausschreibungen abzweigen – dem berüchtigten „Zehn-Prozent-Pool“ Erdoğans.