Herr Mandalka, Sie waren in den USA und haben sich im Vorfeld der Wahlen mit der Situation der dortigen Einwanderer beschäftigt. Was haben Sie beobachtet?

Wir haben uns mit der Situation der Latinos, die aus Mexiko und Lateinamerika, einwandern, und mit der Lage der Muslime befasst. Elf Millionen Menschen leben als Illegale in den USA. Die Latinos bilden die größte Einwanderergruppe und sind für beide Parteien – Demokraten und Republikaner –  auch als Wählerschicht von großer Bedeutung. Sie stellen zugleich aber auch das Hauptproblem der amerikanischen Einwanderungspolitik dar.

Und die Muslime…

…stellen noch nicht einmal ein Prozent der Gesamtbevölkerung, sind aber seit dem 11. September 2001 die Gruppe, die viele Amerikaner pauschal unter Terrorverdacht stellen. In Chicago, wo wir auch waren, haben wir uns mit Vertretern der muslimischen Gemeinden getroffen.

Worin unterscheiden sie sich von den Muslimen in Deutschland?

Sie identifizieren sich stärker mit Amerika als die Muslime in Deutschland mit unserem Land. Die Gemeinden haben in Chicago Moscheen errichtet – Religionsfreiheit wird in den USA nicht ernsthaft in Frage gestellt. Es gibt aber auch viele säkulare Muslime, die kaum etwas mit organisierter Religion zu tun haben wollen. Die Arbeit mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten ist ein Herzensthema für etliche Muslime in Chicago, auch wenn es nicht viele sind, die von den USA aufgenommen werden.

Was machen die Amerikaner in der Flüchtlingspolitik anders als wir?

Es gibt fundamentale Unterschiede: die USA scannen die Flüchtlinge bereits in den Herkunftsländern oder in den Flüchtlingslagern und entscheiden vor Ort, wer in die USA einreisen darf und wer nicht. Um wen handelt es sich? Was ist der Mensch von Beruf? Die Geheimdienste checken auch: haben wir es hier mit einem Radikalen zu tun? Daher ist die Gefahr, dass ein Terrorist sich als Flüchtling tarnt und in die USA einreist, gleich null.

Und wenn sie eingereist sind, kümmert sich dann der Staat um sie?

Ja, aber nur für ein Jahr. In dieser Zeit werden sie von staatlich beauftragten NGOs sehr intensiv gefördert: für Lebensunterhalt und Wohnung wird gesorgt, die Menschen müssen Sprachkurse besuchen und die Kinder kommen in die Schule. Nachdem das Jahr abgelaufen ist, müssen Immigranten zusehen, wie sie Geld verdienen, um den Unterhalt der Familie zu gewährleisten. Sie müssen im Vergleich zu Europa sehr früh lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Wie wichtig ist denn für diese Menschen die Frage, wer am 8. November die Präsidentschaftswahlen gewinnt?

Extrem wichtig! Donald Trump ist bekennend islamfeindlich. Er hat sich schon sehr früh in seiner Kampagne für ein pauschales Einreiseverbot für Muslime ausgesprochen. Er bedient rassistische Vorurteile der weißen Unter- und Mittelschicht, die Verlierer der Finanzkrise von 2008 und der Globalisierung. Auf diese Weise versucht er dort Wählerstimmen zu gewinnen. Was für die Deutschen Pegida und die AfD ist, ist für die Amerikaner die Kampagne des Donald Trump. Auch die Gewalt gegen Minderheiten hat zugenommen. Daher wird kaum ein Muslim Trump wählen. Gleichzeitig fordern die muslimischen Communities ihre Leute auf, unbedingt zur Wahl zu gehen.

Wieso ist die Aufmerksamkeit für die Wahlen in den USA hier in Deutschland so groß?

Das hat mehrere Gründe: Erstens sind die USA immer noch eine Weltmacht. Die Entscheidung der Amerikaner am 8. November ist also von weltpolitischer Bedeutung. Außerdem hat Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine besondere Beziehung zu den Amerikanern – Stichwort „Deutsch-Amerikanische-Freundschaft“ . Bis zur Wiedervereinigung waren die USA Schutzmacht von Westdeutschland und vor allem West-Berlin. Auch der kulturelle Austausch ist traditionell sehr groß. Diesmal gibt es aber auch einen weiteren Grund, bei den Wahlen sehr genau über den großen Teich zu blicken.

Welchen?

Die jetzigen US-Wahlen stehen wegen den beiden Kandidaten Donald Trump und Hillary Clinton besonders im Fokus deutscher Medien. Da wird ein Wahlkampf betrieben, den es so noch nie gegeben hat.

Was ist anders?

Mit Hillary Clinton könnte die erste Frau ins Weiße Haus einziehen. Und Donald Trump ist ein so schriller Kandidat, wie man ihn im Mutterland der Demokratie in seinen kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten hätte. Dieser Kandidat, der so offen, so radikal gegen Minderheiten, gegen Muslime und Flüchtlinge hetzt, ist den Deutschen noch fremder als der Mehrheit der Amerikaner.

Wieso?

Er ist ein Kandidat, der sehr viele Gegensätze in einer Person vereinigt. Trump vertritt provokative klassisch populistische Thesen und ist zudem sehr apolitisch. Das ist so offen propagandistisch, dass man schon staunt. Und er ist offen islamophob. Trump propagandiert im Grunde die Ansicht, dass potentiell jeder Muslim ein Terrorist sei und der Islam keinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft habe.

Wenn man sich Trump und seine Umfragewerte anschaut, dann müsste es für Clinton ja eigentlich ein leichtes Rennen werden.

Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sie jetzt noch verliert. Aber in diesem Wahlkampf ist alles möglich. Wegen der guten Umfragewerte besteht die Gefahr, dass sich die Anhänger von Clinton zu sicher fühlen und es nicht für nötig halten, wählen zu gehen. Außerdem ist auch sie in den USA keine besonders beliebte Kandidatin. Die Frage bleibt also, ob es ihr außerdem gelingen wird, genügend Nicht-Wähler an die Wahlurne zu holen.