Maultier bei der türkischen Armee

Die NASA hat in den sechziger Jahren eine Million Dollar ausgegeben, um einen Kugelschreiber zu entwickeln, der in der Schwerelosigkeit funktioniert. Die Russen haben Bleistifte mitgenommen.

Dieses Gerücht wurde zwar von der NASA dementiert, aber einmal in der Welt, amüsiert es bis heute. Denn es illustriert sehr gut, wie viel Mühe und Kosten der moderne Mensch oft darauf verwendet, neue Technologien zu erforschen, während vermeintlich anachronistische Hilfsmittel gleichsam effektiv sein können.

Ein ähnliches Beispiel für die Verlässlichkeit bereits erprobter „Technologie“ beschreibt der Sicherheitsexperte und ehemalige Kommandosoldat Metin Gürcan anhand der Türkischen Streitkräfte. Es ist eine seit Menschengedenken gültige Weisheit im Militärwesen, dass ohne funktionierende Logistik und Nachschubrouten kein Krieg gewonnen werden kann. Deshalb investieren Armeen auf der ganzen Welt erhebliche Mengen an Zeit und Geld nicht nur in die Entwicklung neuer Waffen, sondern auch in den Bau neuer Transportsysteme.

Dabei ist moderne und innovative Technologie vor allem dann ein wertvoller Trumpf, wenn große Kontingente an Menschen und Material durch unwegsames Gelände transportiert werden müssen, wie es beispielsweise in Afghanistan, aber auch im gebirgigen Osten und Südosten der Türkei sowie in den Bergen des Nordirak der Fall ist.

So verwandte die US Army mehrere Jahre und Millionen US-Dollar auf die Entwicklung des LS3, des „Legged Squad Support System“, eines Roboters, der auf vier Beinen gehend als Lastenträgersystem in unwegsamen Regionen dienen soll, wenn Fahrzeuge nicht mehr weiterhelfen und Helikopter zu auffällig wären. 2015 wurde das Programm nach sechs Jahren eingestellt – zu teuer, zu unzuverlässig, zu laut.

 

„Organische Lastenträgersysteme“ statt High Tech

Die Türkische Armee hingegen mag vielleicht in Sachen futuristische Technologie nicht mit dem großen Bruder in der NATO mithalten können, doch sie erreicht dafür mit einem Bruchteil des Geldes, das die US Army investiert hat, die gleichen Erfolge. Denn sie setzt auf „organische Lastenträgersysteme“, wie es im Militärjargon genannt wird: Der Haushaltsplan der Türkischen Streitkräfte sieht für das Jahr 2016 anderthalb Millionen Lira zur Anschaffung und Unterhaltung von 900 neuen Maultieren für die Landstreitkräfte vor. Militärisch korrekt werden dabei auch die genauen Kriterien für die Lastentiere angegeben: Ein Maultier soll nicht mehr als 1800 Lira (um die 600 Euro) kosten, mindestens 1,20 m hoch sein und einen Brustumfang von 1,50 m haben.

Vor allem in bergigem Terrain sind die Kreuzungen aus Pferdestute und Eselhengst unverzichtbar, um die Gefechtsbereitschaft der Streitkräfte aufrecht zu erhalten. Entsprechend hoch ist ihr Ansehen bei türkischen Soldaten. Metin Gürcan hat erstmals eigene Erfahrungen mit den Tieren gemacht, als er im April 2000 als Soldat einer Spezialeinheit während einer Operation gegen die PKK in den nordirakischen Bergen kämpfte.

Er beschreibt die Tiere als optimal für den Kampf im Gebirge: „Maultiere sind ideale Soldaten: Sie sind perfekt an schwieriges Terrain und raues Wetter angepasst, diszipliniert, stark, widerstandsfähig, mutig, leicht zu trainieren, haben einen angeborenen Orientierungssinn und geben niemals auf.“ Außerdem sind sie pflegeleicht: „Sie essen wenig und können tagelang ohne Nahrung und Wasser überleben. Sie machen sehr wenig Lärm und sind stabiler und robuster als Pferde oder Esel.“ Auch der Umgang mit ihnen sei denkbar leicht: „Sie verstehen alle Befehle. Du sagst Stopp, komm her oder geh – und sie machen das. Interessanterweise sind sie niemals wütend auf ihre Herren. Sie sind loyal bis zum Schluss und würden niemals flüchten. In gefährlichen Situationen finden sie den sichersten Platz und warten dort auf dich.“

Einziger Nachteil: Ein Hang zum Selbstmord

Trotz all dieser Vorteile attestiert er den Tieren einen großen Makel: Die Neigung, sich selbst zu töten. „Maultiere widerstehen Hunger, Durst und Erschöpfung auf dem schlimmsten Terrain unter den schlimmsten Wetterbedingungen. Aber wenn es unerträglich wird, springen sie von einer Klippe und begehen Selbstmord.“ Gürcan erzählt von einer Kommandoaktion, die seine Spezialeinheit gemeinsam mit kurdischen Peschmerga-Kämpfern durchgeführt hat: „Auf einem Marsch während der unerträglich heißen Tage des Jahres 2002 hielt unsere Kolonne plötzlich an. Ich fragte einen der Peschmerga, was los ist und er sagte: ‚Es liegt am Maultier, es hat sich von der Klippe gestürzt. Es hat unsere gesamte Munition getragen.‘“

Doch nicht nur den türkischen Streitkräften, sondern auch der PKK dienen die genügsamen Tiere seit Jahrzehnten – und das nicht nur zur Organisation des Nachschubs, sondern auch als aktive „Kämpfer“. So berichtet Gürcan von einem Fall aus dem Jahre 2011, bei dem ein mit 300 Pfund Sprengstoff und einem Fernzünder beladenes Maultier gegen einen türkischen Armeeposten geschickt wurde, um dort als „Selbstmordattentäter“ zu fungieren. Man habe es erst für das Tier eines Schmugglers gehalten, das sich verlaufen hat. Doch sein Verhalten habe es schnell verraten: „Das Maultier schien zu verstehen, dass es Sprengstoff trägt. Es wirkte sehr unruhig“, zitiert er einen Offizier, der bei der versuchten Attacke anwesend war. „Wir hätten es am liebsten behalten. Wenn es nicht so unruhig gewesen wäre, hätten wir niemals erkannt, dass es mit Sprengstoff beladen ist.“

Das Maultier wurde daraufhin aus der Ferne von den türkischen Soldaten erschossen. Nicht nur unschuldige Zivilisten werden täglich Opfer der perversen Logik der Kriegsführung, vor Tieren macht sie genauso wenig Halt, wie vor Wehrdienstleistenden und Zwangsrekrutierten. Denn wenn es opportun erscheint, ist auch die Schwelle von Mensch zu Tier schnell hinfällig.