Nach der Aufdeckung der Korruptionsaffäre vom 17. und 25. Dezember 2013 wurde ein neuer Feind erfunden. Er wurde als Haşhasiler (Assassinen) bezeichnet. Nun macht diese Bezeichnung Platz für eine Beschreibung, die noch krimineller klingt: Fethullahçı Terör Örgütü, FETÖ, eine Terrororganisation.

Der Berater, der den Begriff Assassinen in Umlauf brachte, ist bestimmt ein kluger. Er  spielt auf häretische, heterodoxe islamische Strömungen an, die im Gedächtnis des anatolischen Volkes durchaus Spuren hinterlassen haben.

Zur Zeit der Seldschuken und der Osmanen wurden die nichtmuslimischen Untertanen in Ruhe gelassen, sofern sie die ihnen auferlegten Steuern zahlten. Für Streitigkeiten untereinander waren ihre religiösen Führer zuständig. Falls dies Toleranz ist, so muss man sagen, dass diese Toleranz muslimischen Untertanen verwehrt wurde. Heterodoxe muslimische Strömungen innerhalb der Sunniten wurden nicht als religiöse oder wissenschaftliche Angelegenheiten, sondern als Bedrohung für die öffentliche Ordnung aufgefasst. Es gibt eine Menge Beispiele von mystisch-religiösen Ansichten, die zu politischen Problem gemacht wurden. Der traditionelle Konflikt zwischen Ilmiye (der Stand der Gelehrten) und Sufiye (der Stand der religiösen Orden) förderte diese Entwicklung. Zusätzlich war es so, dass Kritik am System im religiösen Gewand vorgetragen wurde.

Osmanen und die Frage der politischen Opposition 

Die Schlussfolgerung daraus: Die osmanische Staatsideologie war nicht so tolerant, wie häufig angenommen wird. Sie handelte mit doppelten Standards. Jede Kritik, die sich an das System richten könnte, wurde mit Fatwas der religiösen Würdenträger delegitimiert und danach mit der Macht des Staates unterdrückt.

Ähnlich geht man heute mit der Hizmet-Bewegung um. Zuerst wurde sie mit Begriffen wie falscher Hoca, falscher Scheich, Assassine aus religiöser Hinsicht diffamiert, nun wird sie beschuldigt, eine Terrororganisation zu sein. Die heutige Vorgehensweise erinnert an die Vorgehensweisen, die wir aus der osmanischen Geschichte kennen.

Die osmanische Staatsmacht und die Gelehrten haben Oppositionelle in der Regel mit Begriffen wie Zındık (Religionsloser, Heuchler) und Mülhid (Atheisten, Religionsgegner) etikettiert, um sie zu ächten; danach wurden sie mit weltlichen Mitteln beseitigt.

Eine Studie von Prof. Ahmet Yaşar Ocak mit dem Titel “Osmanlı Toplumunda Zındıklar ve Mülhidler” (Die Zındıks und Mülhids in der Osmanischen Gesellschaft) bietet diesbezüglich sehr interessante Analysen und Feststellungen. Dieser Mechanismus, den ich oben darzulegen versucht habe, bietet eine Erklärung dafür, warum sich im politischen Leben der Osmanen keine Opposition entfalten konnte.

Die religiösen Gemeinden und die Gefahr des Terrorvorwurfs

Die osmanische Herrschaft, die sich als Vertreter und Schutzherr der orthodoxen sunnitischen Sichtweise begriff, unterdrückte jede religiöse oder politische Kritik mit Hilfe der sunnitischen Gelehrten, die sie in der Hand hatte. Neben mystischen Traditionen wie Hurufilik (Hurufismus), Bedreddincilik (Anhänger Bedreddins), Bayramiye Melamileri oder Gülsenilik wurden auch die Aleviten mit äußerster Härte bestraft und vom (Macht)zentrum ferngehalten.

Die heutigen religiösen Gemeinden, die sich der Macht unterordnen und sich auch vor der eisernen Faust des Staates in Sicherheit wiegen, wissen jedoch sehr genau, dass sie bei der ersten Kritik zuerst mit  religiösen Argumenten geächtet und danach als Terroristen diffamiert werden können.

Denn: Dies ist eine hässliche und reaktionäre Tradition, die ins Gedächtnis jedes religiösen Individuum eingraviert ist.

Die Diffamierung der Hizmet-Bewegung mit religiösen Argumenten hat in der Öffentlichkeit keine nennenswerte Reaktion hervorgerufen. Sie wird jetzt der Staatsfeindlichkeit, des Terrorismus und des Landesverrats beschuldigt. Das historische Gedächtnis warnt jedoch: Die Öffentlichkeit entscheidet sich bei solch kritischen Situationen stets für die Seite der Staatsmacht. Die türkische Öffentlichkeit unterscheidet zwischen Recht und Unrecht, zwischen  Unterdrücker und Unterdrückten lediglich in Fällen, in denen der Staat nicht im Spiel ist. Wie zum Beispiel in Geschichten über despotische Ağas und unschuldige Hirten.

Es wäre beruhigend, wenn man in solchen Situationen sagen könnte: Wir haben ja zumindest Recht und Gesetz, auf die wir uns verlassen können.

Das ist aber leider nicht der Fall.