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Istanbul boomt. Die Multimillionenstadt am Bosporus braucht immer mehr Platz. Und so räumen Bagger auch immer mehr muslimische Gräberfelder, die eigentlich für die Ewigkeit angelegt waren.

Die jüdische Tradition schreibt vor, die Toten von den Lebenden zu trennen, also außerhalb der Städte zu bestatten. Wo dies nicht möglich war, wurden zumindest hohe Mauern gezogen, um eine Trennung bzw. Stadtmauer zu simulieren; so etwa im ehemaligen Prager Ghetto. Auch im Christentum und im Islam war diese Trennung eigentlich die traditionelle Praxis. Doch es gab ein konkurrierendes Prinzip: die Gemeinschaft mit den Heiligen.

Der Wunsch, möglichst nahe bei den am meisten verehrten Glaubensgenossen zu liegen – und sich so beim Jüngsten Gericht bessere Chancen auszurechnen – hat im Christentum dazu geführt, Verstorbene auch innerhalb der Städte, vor und wo möglich auch in den Kirchen zu bestatten. Dieser Praxis machten erst die aufgeklärten Herrscher des späten 18. Jahrhunderts ein Ende. Sie verlegten die „Totenacker“ wieder vor die Stadtmauern – freilich aus gesundheitlich-hygienischen und nicht aus theologischen Gründen.

Moderne Zeit fordert Tribute: Beispiel Istanbul

Im Judentum bleibt das Grab Besitz des Toten, und zwar auf ewig, nicht auf 20 Jahre, wie es bei uns üblich geworden ist. Das ist zwar auch im Islam so. Allerdings fordert auch hier die moderne Zeit ihre Tribute. Die Millionenstadt Istanbul, über Jahrhunderte Hauptstadt des Osmanischen Reiches, ist dafür ein gutes Beispiel.

Einige, vor allem die wohlhabendsten und einflussreichsten, fanden hier ihren Begräbnisplatz an den großen und kleinen Moscheen sowie in Derwisch-Konventen. Erst 1868 wurden Beisetzungen innerhalb der Stadt verboten. Für die allermeisten Verstorbenen gab es rund um die Stadt riesige Totenäcker. Ihre Fläche war so groß, dass ein kundiger Reisender im 18. Jahrhundert errechnete, sie könnten – würden sie tatsächlich bewirtschaftet – zwei Drittel der Stadtbevölkerung ernähren.

Liegeplätze nahe den Heiligen begehrt

An den steinernen Grabzeichen, oft aus dem Marmor der Insel Prokonnesos, der dem Marmarameer seinen Namen gegeben hat -, kann man bis heute den sozialen Status des Toten ablesen. Den oberen Abschluss des Steins bildet häufig die standesgemäße Kopfbedeckung. Eine umfassende soziologische Analyse lässt sich freilich damit noch nicht anfertigen; denn die hölzernen Grabzeichen der einfachen Leute sind zumeist schon nach wenigen Jahrzehnten untergegangen.

Besonders begehrt waren auch außerhalb der Stadt die Liegeplätze nahe den Heiligen. In Eyüp am Nordende des Goldenen Horns liegt die heiligste Stätte Istanbuls, die für gläubige Türken gleich hinter Mekka, Medina und Jerusalem kommt. Hier wird das Grab von Abu Eyub Ansari verehrt, dem Standartenträger des Propheten, gefallen um 668/78. Seine „Entdeckung“ im Jahr 1453, unmittelbar nach der muslimischen Eroberung, stellte die tausendjährige christliche Metropole und neue Hauptstadt der Osmanen in eine direkte Tradition mit Mohammed.

Zum Freitagsausflug wie zur Pilgerfahrt nach Eyüp gehört auch ein Spaziergang durch die benachbarten Gräberfelder. Ziel für Flaneure ist das Cafe „Pierloti“, das den Namen eines französischen Literaten trägt. Pierre Loti, eigentlich Julien Viaud (1850-1923), traf sich hier in den 1870er Jahren heimlich mit seiner orientalischen Liebe Aziyadeh.

„Muslime wollen nicht durch Meer von Mekka und Medina getrennt sein“

Ein zweites bevorzugtes Gräberfeld der Stadt ist das 700 Jahre alte Karacaahmet zwischen Üsküdar und Kadiköy auf der asiatischen Seite Istanbuls, an der Militär- und Pilgerstraße Richtung Mekka („Straße nach Bagdad“) gelegen. Der spätere Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke argwöhnte in den 1830er Jahren: „Die Türken fühlen, daß sie in Europa nicht zuhause sind. Ihre (…) Ahnungen sagen ihnen, daß das römische Reich nicht für immer ihnen gehören werde. Und wer die Mittel dazu hat, läßt seine Asche auf die asiatische Seite des Bosporus (…) bringen.“

Der Kulturhistoriker Hans-Peter Laqueur, Sohn eines jüdischen deutschen Diplomaten, der lange Zeit in Istanbul lebte und arbeitete, wertet solche Interpretationen als „abendländisches Wunschdenken“. Viel wahrscheinlicher sei das Bedürfnis, nicht durch ein Meer von den Heiligen Stätten Mekka und Medina getrennt zu sein.

Der Bauboom der Millionenstadt Istanbul verschlingt immer mehr Platz, und zwar schon seit dem 19. Jahrhundert. Was freilich nachlässt, sind Pietät und Langsamkeit, mit der die „Umwidmung“ der einstigen Grabfelder vonstattengeht. Statt Steinmetzen räumen heute Bagger muslimische Gräberfelder, die eigentlich für die Ewigkeit angelegt waren.