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Kultur/Religion

Die schmerzliche Heimat Almanya: „Keine Angst, die Gebete kommen schon zu mir“

Will ich in Deutschland oder in der Türkei beerdigt werden? Das sind Fragen, die sich die Rentner aus der ersten türkischen Einwanderergeneration stellen. Michael Richter hat aus den Gesprächen ein Buch gemacht.

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Michael Ritter - gekommen und geblieben

„Ich bin jetzt Hamburger mit türkischem Pass. Ich will hier begraben werden, nicht in Istanbul. Aber meine Seele wird immer in Istanbul sein, mit meinen toten und lebendigen Freunden“: Der Schauspieler und Künstler Demir Gökgöl liebte Hamburg so sehr, dass er hier begraben werden wollte. Sein Herz gehörte jedoch zeitlebens der Metropole am Bosporus. Dort war er geboren und aufgewachsen. Was also bewegte den kauzigen Fischer aus Fatih Akıns Film Soul Kitchen dazu, vor Jahrzehnten seiner geliebten Heimatstadt den Rücken zu kehren und sich auf die lange Reise nach Deutschland zu begeben und Hamburg lieben zu lernen?

Dieser Frage wird im Buch „gekommen und geblieben. Deutsch-Türkische Lebensgeschichten“ von Michael Richter nachgegangen. Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen und mit verschiedenen Lebenswegen erzählen von ihren Motivationen, die Heimat zu verlassen. Dabei beschreiben sie ihre unterschiedlichen Hoffnungen, Wünsche und Vorstellungen vom neuen Leben in der „schmerzlichen Heimat“, wie sie bald hieß. Eines aber haben sie alle gemeinsam: Sie haben ihre Wurzeln in Anatolien und sind nach Deutschland, nach Hamburg, gekommen und geblieben.

Im Vorwort beschreibt die deutsch-türkische Schriftstellerin Dilek Zaptçıoğlu die erste Generation der türkischen Einwanderer, die zwischen materieller Absicherung und der Sehnsucht nach ihrer Heimat ihren Alltag in Deutschland bewältigen. Sie skizziert einen geschichtlichen Abriss der Vorkommnisse in der Türkei und der daraus entstehenden Motivationen, die Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. Doch der Schwerpunkt liegt auf dem Leben dieser Menschen in Deutschland – wie viele Schwierigkeiten, wie wenig Anerkennung, welche Formen der Integrationsverhinderung und des Rassismus sie zu bewältigen hatten und haben.

Entstanden ist das Buch aus der Idee, die Lebensgeschichten aufzuschreiben, die von den Vereinsmitgliedern des „Vereins für türkische Rentner und Alte in Bergedorf“ erzählt wurden. Der Verein traf sich monatlich im „BegegnungsCentrum Haus im Park“ der Körber-Stiftung zur „deutsch-türkischen Teestunde“. Hier wurden Jugenderinnerungen, Gewohnheiten, Familiengeschichten ausgetauscht sowie über Traditionen, Religion und Politik diskutiert. Den Teilnehmern der Teestunde wurde klar, dass sie bisher viel zu wenig über die Lebenswege ihrer türkischen Nachbarn wussten.

Gemeinschaftstoilette auf dem Hausflur statt neuer reicher Welt

11 Geschichten auf jeweils etwa 20 Seiten und persönlichen Fotos erzählen von diesem Weg, den Schwierigkeiten und dem Aufbau eines neuen Lebens. Es sind Geschichten über Deutschland – davon, welches Bild die Menschen vor ihrer Ankunft hatten und wie es dann tatsächlich in der neuen Heimat war. So erzählt die Lehrerin Hadiye Akın, dass sie dachte, sie bekäme jede Woche ein neues Kleid von ihrem Mann geschenkt: „(…) ich hatte ja auch eine völlig andere Vorstellung im Kopf: Deutschland – das war für mich eine ganz neue, reiche Welt! Schließlich kamen immer alle mit Radios, Hüten, Kleidern und viel Geld aus Deutschland – nein, da konnte man gar nicht arm sein.“ Doch dann erwartete sie bei ihrer Ankunft eine unmöblierte Einzimmerwohnung und eine Gemeinschaftstoilette auf dem Hausflur.

Nermin Özdil (Foto) fühlte sich hingegen in ihrer alten Heimat unterfordert. Ihr Mann, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt drei Kinder hatte, erlaubte es ihr nicht zu arbeiten. Aber die junge Mutter wünschte es sich zu sehr. Sie beschloss, alleine nach Deutschland zu gehen und dort zu arbeiten. Ihr Mann und ihre Kinder kamen später nach.

In der Fabrik in Uelzen, wo Nermin arbeitete, hatte sie mit Frauenfeindlichkeit und Rassismus zu kämpfen: Bei schwerster Arbeit und ätzenden Dämpfen sollte sie schuften, obwohl sie schwanger war. Als sie ins Krankenhaus wollte, lachte man sie aus und sagte ihr, sie „solle doch unter dem Tisch gebären“, erinnert sie sich als 60-Jährige an ihre ersten Jahre in Deutschland. Bei ihrer späteren Arbeit beäugten die Kunden sie oft sehr kritisch, ob sie denn rechnen, lesen, schreiben und zählen könne. „Ach, die ist Ausländerin, die versteht sowieso nichts“ – „Ich verstehe also nichts, ich stehe wohl umsonst hier.“ Dennoch hörte sie nie auf zu kämpfen und fand ihren Platz in Hamburg.

Der Friseur Behçet Algan, ein organisierter Sozialdemokrat, verließ seine Heimat gleich zweimal. Denn eigentlich liebt er die Türkei sehr und ihm fehlte neben der vielen Arbeit der Genuss des Lebens. Doch die Angst vor möglichen Konsequenzen seiner politischen Arbeit war zu groß. Kurz zuvor wurde eines seiner großen Vorbilder, der Milliyet-Journalist Abdi İpekçi, ermordet. In Deutschland angekommen hatte er keine Arbeitserlaubnis, weswegen er zunächst schwarz als Putzkraft arbeitete. Aber seinen großen Traum, wieder als Friseur zu arbeiten, verlor er nie aus den Augen.

Jede Geschichte ein Buch für sich

Die deutsch-türkischen Lebensgeschichten sollen aufräumen mit dem ewigen Klischee, dass die gekommenen Menschen nur Gastarbeiter seien. Mit sehr persönlicher Sprache und Ehrlichkeit erzählen sie von schweren Zeiten, aber auch von glücklichen Zufällen und davon, was sie an ihrer neuen Heimat schätzen. Die Geschichten sind so spannend, dass man über jede einzelne Person ein Buch schreiben könnte. Daher scheinen die 20 Seiten pro Person manchmal etwas zu kurz.

Zudem sind manche Ansichten in den Erzählungen so emotional, dass fehlende Anerkennung in Enttäuschung umschlägt, die sich in schwierigen Äußerungen wiederspiegelt: So reagieren die Erzählenden beispielsweise mit Aussagen wie „Wenn man Ausländer ist, haben die Deutschen immer so ein Misstrauen“ oder auch „Unter all den Arbeitern, die aus verschiedenen europäischen Ländern gekommen sind, waren die Türken diejenigen, die die schwerste, die dreckigste Arbeit zu den billigsten Löhnen machten. Wenn Deutschland heute diesen Standard erreicht hat, so ist es dem Fleiß der Türken zu verdanken, die in jenen Jahren nach Deutschland gekommen sind.“ Auch im Vorwort beschreibt Dilek Zaptçıoğlu, dass die türkischen Gastarbeiter mit größerem Rassismus zu kämpfen hatten, als beispielsweise ihre italienischen Kollegen. Die Erzählungen bedienen das Klischee, dass alle Deutschen nur an Arbeitern und nicht an den Menschen interessiert waren.

Obwohl das Buch 2003 veröffentlicht wurde, ist das Thema aktuell wie eh und je. Die gegenseitigen Stereotype vom Gastarbeiter und vom „Du sprichst aber gut Deutsch!“- sagenden Deutschen steckt immer noch in unseren Köpfen. Dabei sind aber eben auch Intellektuelle, Lehrer, Journalisten und Studenten nach Europa gegangen. Die unterschiedlichen Geschichten sind spannend, erfrischend und zeigen unterschiedlichen Umgang mit der Heimat. So möchte Nermin Özdil in ihrer Heimat bei Adana und nicht in Hamburg begraben werden: „Ich sehe es so: Die Gebete gehen zu Gott. Ob du hier betest oder dort betest, sie gehen immer zu Gott, egal wo du bist. Meine Kinder müssen nicht zum Beten zu meinem Grab kommen, es reicht, wenn sie hier beten. Sie brauchen keine Angst haben, die Gebete kommen schon zu mir.“


„gekommen und geblieben. Deutsch-Türkische Lebensgeschichten“ von Michael Richter ist 2003 bei der Körber-Stiftung erschienen, 280 S., 14 Euro,

2009 ist die türkische Ausgabe „Geldiler ve kaldılar. Almanya Türkleri’nin Yaşam Öyküleri“ beim Verlag der Bilgi-Universität Istanbul erschienen.

Michael Ritter - gekommen und geblieben