Die sich wandelnde Rolle der Frauen in der Türkei

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon betonte in seinem Statement anlässlich des Internationalen Frauentages die Wichtigkeit des Erreichens von Geschlechtergleichheit in Arbeit und Politik und fügte hinzu: „Jeden Ministerpräsidenten, den ich treffe, frage ich, wie viele weibliche Minister hast Du in Deiner Regierung?” Er wollte auf diese Weise zweifellos auf die gleichsam gesetzmäßige Erkenntnis der Sozialwissenschaften hinweisen, welche besagt, dass eine Gesellschaft sich stets in direkter Proportionalität zur Teilnahme von Frauen am wirtschaftlichen und politischen Leben weiterentwickelt.

Die bestentwickelten Länder haben meist die gleiche Anzahl an Frauen und Männern in der Regierung. Es ist vor diesem Hintergrund zweifellos ein erheblicher Mangel, dass es in der türkischen Regierung derzeit lediglich eine weibliche Ministerin gibt.

Im Rahmen einer Veranstaltung zum Internationalen Frauentag rief Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan alle Frauen und Mütter dazu auf, ihre Stimmen zu erheben, um die aktuellen Friedensgespräche mit der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu unterstützen und den damit verbundenen bewaffneten Aufstand zu beenden. Er sagte: „Wenn Ihr Mütter Stopp sagt, dann wird, so Gott will, alles ein Ende haben.”

Mentale Sperre gegen volle Gleichberechtigung

Er hat Recht. Es ist absolut notwendig, dass die Stimmen der Frauen gehört und wahrgenommen werden, wenn Probleme gelöst werden sollen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass sich unter der von Erdoğan geführten Regierung der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) die Situation und die Rechte der Frauen deutlich verbessert haben (siehe auch „Sex and power in Turkey”, European Stability Initiative, 2007). Es wird jedoch nicht reichen, dass Frauen die gleichen Rechte haben. Es ist ebenso notwendig, dass Frauen das gleiche Mitspracherecht und den gleichen Respekt sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft genießen. Es ist immer noch in vielen Bereichen eine Mentalität verbreitet, welche die Rolle der Frau auf die Heirat und das Austragen der Kinder bzw. darauf, eine gute Frau und Mutter zu sein, beschränkt, ihr jedoch kein Mitspracherecht einräumt und zu wenig Respekt entgegenbringt.

Im weltweiten Durchschnitt liegt der Anteil der Frauen in Parlamenten bei 18 %. Dieser Anteil ist in der Türkei erst nach den letzten Wahlen auf 14 % angestiegen. Der geringste Prozentsatz berufstätiger Frauen liegt in der Europäischen Union bei 55 %, während er in der Türkei nur bei 30 liegt. Der Anteil weiblicher Abgeordneter im Parlament hat sich seit der Regierungsübernahme durch die AKP in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht.

Die Ausbildungsrate für Mädchen ist mittlerweile fast genauso hoch wie die der Jungen, mit 100 % in der Grundschule, 65 % in der Sekundarschule und 35 % in höherer Bildung. Die Rate wirtschaftlich selbstständiger oder lohnempfangender Frauen befindet sich ebenfalls im Anstieg. Unter Frauen mit höherer Bildung liegt sie bereits bei 70 %. Aktuell nehmen Frauen mit einer höheren Bildung in der Türkei Führungspositionen in vielen Bereichen ein, vorrangig in der Unternehmensführung, der akademischen Welt, der Medizin, dem Rechtswesen und den Künsten.

Schafft es die Türkei, der demografischen Falle zu entgehen?

Einer der Hauptgründe für die ansteigende Zahl gemeldeter Gewalttaten gegenüber Frauen ist wohl die wachsende Missgunst von Männern, welche die männliche Dominanz mehr und mehr gefährdet sehen. Ministerpräsident Erdoğan sagte neulich – vollkommen zu Recht -, dass Gewalt gegen Frauen Gewalt gegenüber der Menschlichkeit ist; sie sei grausam und verachtenswert. Jedoch fand sich immer noch ein der Partei zugehöriger Provinzchef in einer Nachricht anlässlich des Internationalen Frauentages, der gesagt haben soll, dass es erlaubt wäre, Frauen „leicht zu schlagen und zu bedrohen”. Diese Person sollte wegen Anstiftung zu Gewalt gegenüber Frauen belangt und sofort von der Regierungspartei ausgeschlossen werden.

Ich denke nicht, dass es die Absicht des Ministerpräsidenten Erdoğan ist, Frauen in ihre Häuser einzusperren, wenn er ihnen rät, unbedingt zu heiraten und mindestens drei Kinder zu bekommen. Ich denke, dass er darum besorgt ist, dass, wenn die Fertilitätsrate weiter sinkt, die Türkei bis Mitte des Jahrhunderts mit den gleichen demografischen Problemen (Bevölkerungsabnahme, sinkende Rate der wirtschaftlichen Aktivität in der Bevölkerung) zu kämpfen haben wird wie die meisten Staaten des Westens.

Nachforschungen belegen, dass in den Ländern mit einer muslimischen Mehrheit der Bevölkerungszuwachs nachlässt, während das Heiratsalter der meisten Frauen steigt und die Fertilitätsrate sinkt (siehe auch David Ignatius, „A demographic shift in the Muslim world,” The New York Times, Feb. 8). Es ist klar, dass Prozesse wie diese auf die andauernden Modernisierungsprozesse zurückzuführen sind, was unter Umständen bedeuten könnte, dass die Aufforderung von Ministerpräsident Erdoğan an jede Frau, mindestens drei Kinder zu gebären, wohl nicht beachtet werden wird und dass Subventionen für Familien mit Kindern dem Zweck wohl dienlicher währen.

Autoreninfo: Şahin Alpay (*1944 in Balıkesir) ist ein türkischer Schriftsteller, Kolumnist und Buchautor. Der Politikwissenschaftler promovierte an der Universität Stockholm in Schweden. Heute schreibt er u.a. für „Zaman“ und „Today’s Zaman“.