Von Jochen Thies

KOLUMNE Die deutsche Gesellschaft ist seit dem Sommer zweigeteilt. Der überwältigenden Mehrheit geht es gut, die Einkommen und Löhne steigen, man muss keine Abstriche beim Lebensstandard, bei den Ausgaben vornehmen. Anderen geht es nicht so gut, viele Menschen mit türkischen Wurzeln etwa müssen in diesen Tagen und Wochen sehr tapfer sein, weil sich einige ihrer Verwandten und Freunde in der Türkei in Gefahr befinden. Das Ausmaß der gesellschaftlichen Verwüstungen, die binnen eines Vierteljahres in der Türkei eingetreten sind, machen sich die meisten Deutschen nicht klar. Die Kenntnisse über das Partnerland sind erschreckend gering. „Die Türkei droht eine ganze Generation von Menschen zu verlieren“, sagt ein Freund am Telefon.

Umso größer ist die Verantwortung, die auf deutsche Journalisten mit türkischem Hintergrund oder auf Kollegen, die den Staat Erdoğans verlassen haben und denen deutsche Medien ein Forum bieten, zukommt. Der eine oder andere kostet nun die öffentliche Aufmerksamkeit aus, die ihm zufällt. Aber das kann sich rasch ändern, und man sollte vor allem auch die langfristigen Auswirkungen bedenken, und dabei eines im Auge behalten: seine geistige und materielle Unabhängigkeit. Putins Russland ist ein warnendes Beispiel.

Ich muss gestehen, dass ich über die Friedhofsstille, die angesichts des Errichtens einer Diktatur in der Türkei hierzulande herrscht, sehr, sehr traurig bin. Vor allem diejenigen, die sich dem Werk von Fethullah Gülen verpflichtet fühlen, durchleben schwere Zeiten. Auch in Deutschland sind sie Anfeindungen ausgesetzt, die man bislang nicht für möglich gehalten hätte. Ich war bis zum Sommer der Meinung, dass hinsichtlich der Einschätzung und Bewertung der Gülen-Bewegung in der Bundesrepublik eine beachtliche Versachlichung eingetreten war. Ich musste mich eines Besseren belehren lassen. Aber die gute Nachricht ist die, dass die Wellen der Erregung nachgelassen haben, wozu vor allem das große Interview des Geistlichen im ZDF und dann noch mehr ein Gespräch Gülens mit zwei Journalisten der Wochenzeitung Die ZEIT beigetragen haben. Das lässt hoffen, auch deswegen, weil die Gülen-kritische Hamburger Wochenzeitung in derselben Ausgabe eine große Reportage über Bildungseinrichtungen der Bewegung brachte. Sie war sachlich, der Grundton war offen und freundlich.

An Sachlichkeit und Empathie für die Bedrängten, unabhängig davon, was man von der Gülen-Bewegung hält, haben es andere deutsche Medien fehlen lassen. Betroffen machte mich der Satz, dass die türkischen Behörden einen Bruder von Gülen „festgesetzt“ hätten. Weil ähnliches in Hitler-Deutschland passierte, sprechen die Historiker und Fachleute in einem solchen Fall von Sippenhaft. Nichts anderes ist in der Türkei passiert und geschieht dort weiterhin allerorten. Die Not wäre noch größer, wenn es in Deutschland nicht helfende Hände geben würde, wie in Zeiten der deutschen Teilung. Ja, man kann sagen, dass auch Deutschland und die Türkei im Sommer geteilt wurden.

Beide können aber nicht voneinander lassen, die Zahl der privaten und öffentlichen Netzwerke ist zu groß, als dass eine vollständige Trennung gelingen könnte. Das zeigen auch die Asylanträge der türkischen Diplomaten in Berlin, die die Bundesregierung in Verlegenheit bringen könnten. In zusätzliche Verlegenheit könnte Deutschland kommen, wenn Teile einer heimatlos gewordenen Elite von Studenten, von Grenzgängern, von hervorragend qualifizierten Menschen, die keine Zukunft in der Türkei sehen, hierzulande um Asyl bitten werden. Spätestens dann wird die Erkenntnis reifen, dass die vermeintliche Anhängerschaft von Gülen differenzierter zu sehen ist, als dies zumindest während der Sommermonate in Deutschland der Fall war.

In der großen Politik herrscht unterdessen der vielzitierte Pragmatismus. Noch brauchen die Bundesrepublik und die EU das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei, aber parallel dazu schälen sich die Konturen einer Strategie heraus, im Notfall auch ohne Ankara mit der Herausforderung der Massenflucht aus dem nahöstlichen und afrikanischen Raum fertig zu werden. Aus diesem Grund ist die Bundeskanzlerin gerade in Afrika unterwegs. Es wird vieler Reisen bedürfen, vor allem jedoch einer gemeinsamen Strategie der Europäer. Diese ist nicht in Sicht.