Die Sprache der deutschen Politiker

Helmut Schmidt, der in den 1970er Jahren in Frankreich den Spitznamen „le feldwebel“ erhielt, hat in letzter Zeit Kameraden bekommen. Während man den Ex-Kanzler seinerzeit immerhin als Autorität akzeptierte, die militärische Kennzeichnung also nicht allzu böse gemeint war, lässt sich das von seinen Nachahmern nicht sagen.

Im Spätherbst des letzten Jahres verärgerte der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag Kauder die Partner, vor allem Großbritannien, als er bellte, dass in Europa nun Deutsch gesprochen werde. Da wollte sein Kollege Brüderle, der die Fraktion der Liberalen im Parlament führt, vor einigen Tagen nicht nachstehen: dem von Krisen gebeutelten Partnerland, mit dem zusammen man vor wenigen Wochen im Deutschen Bundestag feierlich den 50. Jahrestag der deutsch-französischen Freundschaft beging, bescheinigte er, dass Frankreich wirtschaftlich gerade dabei sei, „grandios abzustürzen“. Hielt man schon hier die Luft an, so setzte SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück auf einen Schelmen anderthalbe, als er die italienischen Politiker Berlusconi und Grillo nach dem für Europa unglücklichen italienischen Wahlausgang als Clowns lächerlich machte.

Besonders bei Grillo geht dies ins Leere: anscheinend hat Steinbrück von der Lebendigkeit des italienischen Schauspiels, der ‚commedia dell’arte‘, die die Menschen seit Jahrhunderten auf der Straße wie im Theater in ihren Bann zieht, noch nie etwas gehört. So gesehen, spielt Grillo in seiner wie Deutschland verspäteten Nation eine völlig andere Rolle. Und ganz nebenbeigesagt: wer hat denn einen Augenblick lang ernsthaft überlegt, sich zusammen mit der Bundeskanzlerin von einem Showmaster, einem gelernten Metzger, im Fernsehen interviewen zu lassen? Oder um das Thema noch etwas zuzuspitzen: sind wir wirklich noch weit von dem Zeitpunkt entfernt, an dem eine populäre Fernsehfigur, die ins Politikfach wechselt, mit sensationellen Wahlresultaten in ein Amt gehiewt wird? Steinbrück sollte wie alle die, die insgeheim sagen: er hat doch Recht, vorsichtig sein.

Der führenden europäischen Wirtschaftsnation fehlt es an interkulturellem Fingerspitzengefühl

Die deutsche Politik, bis 1990 unter der Aufsicht der Westalliierten, muss aufpassen, dass sie in wirtschaftlichen schwierigen Zeiten für die Mehrheit der Partner sprachlich auf der Schiene bleibt. Und das gilt in gleicher Weise für die Presse, die eine besondere Verantwortung hier hat. Die Schlagzeile im Berliner Tagesspiegel nach der Italien-Wahl hat mich erschreckt. Besonders ärgerlich finde ich seit längerer Zeit, dass ein nicht geringer Teil meiner Kollegen über Frankreich als der „grande nation“ schreibt. Im Lande selbst wird dieser Begriff nicht benutzt, der legendäre Staatslenker de Gaulle hat ihn ein einziges Mal in einer Rede verwandt. Die Franzosen, wirtschafts- und beschäftigungspolitisch an der Wand stehend, sind wie andere Völker empfindlich, wenn man sie lächerlich macht, ihre Neigung zur Verwendung von Symbolen herabzieht. In Mali holen sie zurzeit für den Rest Europas, der Angst vor der Armutswanderung aus Afrika hat, die Kohlen aus dem Feuer.

Peinlich am Ende auch die Aufregung um einige kleinere Pannen bei der Stationierung von Bundeswehreinheiten in der Türkei an der Grenze zum Irak. Wieder einmal glänzt der Wehrbeauftragte der Bundeswehr, ein FDP-Mann, wie im Falle des Segelschulschiffes „Gorch Fock“, durch Übertreibungen. Exemplarisch zeigt sich auch an den dortigen Vorgängen, dass es der führenden europäischen Wirtschaftsnation an interkulturellem Fingerspitzengefühl fehlt. Oder anders formuliert: welcher französische Oberst oder General würde es sich bieten lassen, wenn er im eigenen Land, auf dem Boden des eigenen Kasernengeländes von einem deutschen Unteroffizier kontrolliert werden würde? Bei den deutschen Patriot-Einheiten im Süden der Türkei gingen die Verantwortlichen noch ungeschickter vor: eine weibliche Feldjägerin wurde dazu ausersehen, türkische Militärfahrzeuge zu kontrollieren. Pech für sie, dass ein General im Auto saß. Eine Italienerin hätte das Fahrzeug mit einem Lächeln durchgewinkt. Nun muss sich der Bundesverteidigungsminister mit der Angelegenheit befassen. Die Leserbriefe auf den Internetseiten der Tageszeitungen und Magazine liest man besser nicht.