Welchen Stellenwert hat Solingen im Bergischen Land für Sie und in welchem Zustand befindet sich diese Stadt aus Ihrer Sicht?

Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu meinem Wohnort. In wunderschönen Bergen und Tälern gelegen, mit einem Reichtum an grüner Natur ausgestattet, liegt in dieser Stadt gleichwohl vieles im Argen. Solingen hat den Sprung von einer alten Industriestadt mit seiner weltweit bekannten Produktion von Metall, Messern und Scheren in die Moderne nicht oder nur sehr unvollkommen geschafft. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer und die Kommune ist inzwischen mit 1 Mrd. Euro verschuldet. Während sich die Innenstadt inzwischen zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt hat, wo die Immobilienpreise sinken, die Zahl von Leerständen im Einzelhandel und die Zahl von bettelnden Obdachlosen immer größer wird, steigen im Stadtteil Ohligs die Miet- und Wohnungspreise für reiche Leute aus der benachbarten Landeshauptstadt Düsseldorf. Die ökonomische Misere Solingens spiegelt sich inzwischen auch politisch wieder: Viele Menschen sind apathisch geworden und nehmen an politischen Wahlen nicht mehr teil und die beiden Parteien CDU und SPD haben ihre Funktion als große Volksparteien verloren. Man kann Solingen gut mit Griechenland vergleichen: Ohne einen radikalen Schuldenschnitt können weder Griechenland noch Solingen jemals wieder nach oben kommen. Und hier wie dort kommt man nicht mit Sparen, sondern nur mit Investitionen nach vorne.

Wie sieht es in Solingen mit den Migranten aus?

Die Bevölkerung Solingens setzt sich zu rund 15 Prozent aus Migranten zusammen. Aber das ist nur die Statistik nach Reisepass. Wenn man nicht nach Pass zählt, sondern nach kulturellem Migrationshintergrund, dann haben wir in Solingen rund 30 Prozent Migranten. Diese hohe Quote wundert nicht, wenn man weiß, dass in Deutschland Migration und Armut oft Hand in Hand gehen. Ich mache das mal an einem statistischen Vergleich deutlich. Rund 8 Prozent aller deutschen, aber nur rund 17 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund beenden in Solingen ihre Schullaufbahn ohne einen Schulabschluss. Bei diesen 17 Prozent sind viele soziale Prozesse (fast) vorprogrammiert: Erhöhte Wahrscheinlichkeit für Kriminalität, weitere Armut, keine Teilhabe an Kultur und Verfall ihrer Familien. Wenn ich außerdem an die um sich greifende Automatisierung in der Zulieferindustrie für Automobile in Solingen denke, dann ist auch klar, dass es für einfache Handlangerarbeiten schon ganz bald keinerlei Markt mehr geben wird. Da solche Arbeiten noch immer vorwiegend von türkischen Migranten ausgeübt werden, werden deren Arbeitsplätze als erstes wegfallen.

Vor dem Hintergrund dieser sozialen Spannungen in Solingen wundert es nicht, dass es auch Spannungen zwischen den türkischen Migranten gibt. Ein Drittel aller Solinger Migranten sind Deutsch-Türken, darunter Anhänger von zwei Ditib-Moscheen und der Hizmet-Bewegung, viele Aleviten, Mitglieder der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) Solingen, Kemalisten, Mitglieder von Milli Görüş oder des Verbandes der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). So boykottierten zum Beispiel in diesem Jahr viele Aleviten die 1.-Mai-Kundgebung des DGB, weil der DGB, wie seit vielen Jahren, auch 2015 eine gemeinsame religiöse Andacht zum Tag der Arbeit mit einer der beiden Ditib-Moscheen organisiert hatte.

Selbstverständlich bin auch ich äußerst besorgt und höchst verärgert wegen vieler undemokratischer Tendenzen in der gegenwärtigen Türkei unter Erdoğan und der AKP. Aber: Es gibt keinen Automatismus und keine Gleichsetzung zwischen den beiden Solinger Ditib-Moscheen einerseits und der AKP und Erdoğan andererseits. Wir können die uns natürlich gut bekannten inner-türkischen Konflikte hier in Solingen nicht gebrauchen. Wir leben hier und hier müssen wir alle miteinander im Gespräch bleiben.

In Deutschland sind Arbeitgeber inzwischen bei entsprechend gleichwertigen Bewerbungen auf eine Stellenanzeige verpflichtet, Personen mit Behinderung und Frauen zu bevorzugen. Wäre eine solche Quote auch für Migranten eine gute Idee?

Deutschland ist hinsichtlich der Einwanderung immer noch ein Entwicklungsland mit einem hohen Rückstand an sehr sinnvollen Regelungen für Migranten. Gucken wir zum Beispiel in die USA, dann sind dort Quotierungen für Frauen und Minderheitne (Hispanics und Black Americans) gerade im öffentlichen Dienst völlig normal. Von solchen sogenannten positiven Diskriminierungen, die es dort seit 1977 gibt, ist Deutschland meilenweit entfernt. Also: Natürlich wäre auch für Deutschland eine solche Quote für Migranten sinnvoll und nötig. Wir hatten in Solingen neulich zum Beispiel eine Polizeirazzia in einem Flüchtlingsheim, in dem viele Flüchtlinge aus Guinea wohnen. Diese Durchsuchung wäre viel ruhiger und ohne Konflikte verlaufen, wenn es auf der Seite der Polizisten auch solche guineischer Herkunft gegeben hätte. Ich mache beim Thema Quotierung noch auf zwei weitere Momente aufmerksam: Erstens gab es in der früheren Deutschen Demokratischen Republik, also in Ostdeutschland, beim Universitätszugang eine bevorzugte und sehr erfolgreiche Quotierung für die historisch vernachlässigten Kinder von Bauern und Arbeitern. Das Instrument Quotierung ist also in Deutschland bekannt. Und zweitens muss man gegenwärtig bei Quotierungsmaßnahmen höllisch darauf aufpassen, dass nicht Frauen gegen Behinderte gegen Migranten ausgespielt werden!

Nochmals zur Migrantenquote. Kritiker werfen Kitas, Schulen, Hochschulen, auf denen ein erhöhter Anteil an Migranten festzustellen ist, vor, sie würden die Integration hemmen, da dort Kinder nicht in der deutschen, sondern in anderen Sprachen leben und aufwachsen. Wie beurteilen Sie diese Debatte?

Bei der Sprachfrage rate ich dringend zu Pragmatismus und übrigens auch zu einem Blick auf andere Länder. Zwar ist die Sprachwahl ein ganz wichtiger Faktor für Integration, doch hat Sprachwahl nichts mit der Loyalität zu einem Staat zu tun. Sehr wohl kann sich ein nur türkisch sprechender Migrant loyal zu Deutschland verhalten. Sprache ist nicht nur ein reines Mittel zur Verständigung, Sprache hat außerdem viel mit Identität, Heimat, einem Wir-Gefühl und dem Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu tun. Migranten tun aus solchen Überlegungen heraus gut daran, sowohl ihre Muttersprache zu pflegen als auch die Sprache eines Gastlandes zu lernen.

In Deutschland nimmt die Sprachdebatte mitunter bizarre Züge an. So forderte beispielsweise die CSU Ende 2014, dass auch innerhalb einer Familie in Deutschland nur deutsch gesprochen werden dürfe. Ganz abgesehen davon, dass die UNESCO in ihrer Erklärung zur kulturellen Vielfalt 2005 das Recht auf Muttersprache verankert hatte, ist ein solcher Vorschlag einfach absurd. Sollen also deutsche Polizisten mit Überraschungsbesuchen in Migrantenfamilien kontrollieren, ob auch dort die deutsche Sprache gesprochen wird?

Bilingualismus ist Reichtum. Das wird leider in Deutschland noch immer nicht überall anerkannt.

Sie gelten seit Langem als deutscher Spezialist für deutsch-türkische Medien, das Türkei-Bild und das Bild der Türken in deutschen Medien. Welche Tendenzen gab es da in den letzten Jahren?

Wie bei solchen Fragen üblich und normal, ist die Bilanz gemischt. Ich fange mal mit einem sehr positiven Moment an. Seit der Chefredakteur der Bild-Zeitung im Beirat von Hürriyet sitzt und seit der Axel-Springer-Konzern als Besitzer der Bild-Zeitung knapp 20 Prozent an Doğan-TV besitzt, also dem Konzern, der auch Hürriyet besitzt, also seit dieser Zeit sind türken- und ausländerfeindliche Berichte in der Bild-Zeitung drastisch zurück gegangen. Zwar ist diese Boulevard-Zeitung nach wie vor schlecht, aber ein relativer Erfolg ist immer noch ein Erfolg. Es gibt sogar noch eine zweite positive Nachricht. Anfang 2015 hat die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) mehrere UKW-Frequenzen an den deutsch-türkischen Radiosender Metropol FM vergeben. Damit können die Deutsch-Türken in NRW – mit circa 600.000 Deutsch-Türken immerhin das Bundesland mit der größten Zahl türkischer Migranten – endlich ein Radioprogramm in türkischer Sprache empfangen, nachdem deutsche Politiker und der Westdeutsche Rundfunk in Köln das mehr als zehn Jahre verhindert haben. Ihr Argument, türkischsprachiges Radioprogramm sei integrationsfeindlich, hat sich einfach in Luft aufgelöst.

Allerdings gibt es in den Medien seit vielen Jahren eine Tendenz, die mir große Sorgen bereitet. Überwog noch in den achtziger und neunziger Jahren eine Berichterstattung über Migranten, in der das Wort „Türke“ dauernd benutzt wurde, zumeist in negativem Zusammenhang, so ist dieses Wort „Türke“ seit langem fast verschwunden und wurde durch die beiden Wörter „Islam“ und „Muslim“ ersetzt und verdrängt. Und selbstverständlich sind auch diese beiden Wörter meistens negativ besetzt. Mit anderen Worten: Nach wie vor gibt es in deutschen Medien eine islamfeindliche Berichterstattung, die permanent um Phänomene wir Kopftuch, Gewalt und Terror kreist. Das ist schlimm. Und völlig zu Recht sagte im letzten Jahr Wolfgang Benz, jahrelanger Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung: „Was früher Talmud-Hetze war, ist jetzt Koran-Hetze“.

Ähnlich kritisch sehe ich hinter der Verschiebung von „Türke“ zu „Muslim“ aber auch ein anderes Phänomen. Seit einigen Jahren nimmt die Verschiebung von „Nation“ auf „Religion“ zu. Das füllt mich insofern mit Sorge, weil religiöse Konflikte sehr viel schwerer zu lösen sind als die zwischen Nationen. Und außerdem wissen wir seit langem, dass religiöse Konflikte oft nur deswegen angeheizt werden, um ganz andere Dinge wie zum Beispiel Hegemoniestreben politisch durchzudrücken.