Die Stärke der Familie

Sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene wird unser Zusammenleben durch unsere Werte gestaltet. Unsere ganze moderne Welt, die auf einer Demokratie mit Menschenrechten und Freiheiten gegründet ist, ist in ein Wertesystem integriert. Grundlegende universelle Werte wie Gedanken-, Sprachen-, Religions-, Handels- und Reisefreiheit, für die wir beinahe drei Jahrhunderte gekämpft und uns eingesetzt haben, sind mittlerweile so weit entwickelt, dass sie Institutionen ihr eigen nennen können, die sie schützen und organisieren. So wird die moderne Welt durch Institutionen abgebildet, die auf der Grundlage der Universalität von Rechten und Freiheiten aufgebaut sind. Auch das moderne Staatsverständnis beruht auf der Grundlage dieser universellen Werte, und zahlreiche institutionelle Gefüge – von inhaltlichen Gemeinsamkeiten der Verfassungen innerhalb des modernen Staatsverständnisses bis hin zu internationalen Gerichten, die auf dem Völkerrecht beruhen, von internationalen Organisationen, die sich für Menschenrechte einsetzen, bis hin zu NGOs, die aus freiwilligen Initiativen gegründet werden – tragen die gesellschaftliche Seite des modernen Lebens.

Wir können jedoch nicht sagen, dass wir auf der individuellen Seite des modernen Lebens genauso erfolgreich sind. Die ansteigende Selbstmordrate und die Häufigkeit traumatischer Erlebnisse, die schnelle Verbreitung destruktiver Gewohnheiten und schrecklicher Einzelverbrechen weist auf Handlungsbedarf hin. Individuelle Werte wie Liebe, Mitgefühl, Mitleid, Respekt, Selbstlosigkeit, Geduld, Selbstsicherheit, Widerstandskraft, Mut, Fleiß und Vertrauen benötigen genauso wie rechtliche Werte institutionelle Existenzbereiche. Dass die institutionellen Ausdrucksformen der moralischen Werte in der modernen Gesellschaft vernachlässigt werden, ist die Hauptursache für zahlreiche Unzufriedenheiten.

Den wichtigsten Faktor stellt der Verlust der Familie dar, denn diese steht an erster Stelle der „Institutionen“, welche die individuellen menschlichen Werte hervorbringen und pflegen. Innerhalb der Familie spielen die persönlichen menschlichen Werte eines Einzelnen eine Rolle. Außerhalb der Familie bringt er seine sozialen Fähigkeiten und gesellschaftliche Werte zum Einsatz. Demnach kann man sagen, dass Werte persönlich und sozial ausgerichtet sind und dass wir, wenn wir mit der Welt Kontakt aufnehmen, zwei institutionelle Strukturen benötigen: die auf den Einzelnen gerichtete moralische Kerninstitution der Familie wie auch die Institutionen des öffentlichen Lebens, welche die sozialen Werte schützen und auf öffentlichem Recht beruhen.

Öffentliche Institutionen vertreten allgemeine Werte

Wenn es diese Institutionen des öffentlichen Lebens, die mit dem Aufkommen der modernen Gesellschaften entstanden sind, nicht gäbe, hätte die Verbreitung der gesellschaftlichen Werte nicht ein solches Ausmaß erreichen können. Die Bemühungen, den am Ende des Zweiten Weltkrieges erlangten Frieden und seine Bedeutung zu sichern und zu erhöhen, stellten beispielsweise den wichtigsten Faktor für die Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 dar. Auch waren die Bemühungen des modernen Europas, seine politischen und kulturellen Werte, die es durch große Kämpfe und unter großen Schmerzen erlangt hatte, zu festigen, der Anlass für die Gründung der Montanunion im Jahr 1951. Diese entstand vor dem Hintergrund der unruhigen Jahre des Kalten Krieges und war der Vorläufer der Europäischen Union. Die Erweiterungsbedingungen der EU, die so genannten Kopenhagener Kriterien, betonen die Notwendigkeit der Institutionalisierung innerhalb der Politik, die wir als „eine institutionelle Stabilität als Garantie für demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, für die Wahrung der Menschenrechte sowie die Achtung und den Schutz von Minderheiten“ zusammenfassen können.

Die Qualität, welche die universellen menschlichen Werte an dem Punkt erlangen, an dem sie von öffentlichen Institutionen vertreten werden, macht die Europäische Union aus heutiger Sicht betrachtet erfolgreich und attraktiv. Diese Qualität beruht auf dem universellen Rechtsverständnis, das weltweit erreicht werden kann, und bewirkt eine stetige Erneuerung und geplante Verbreitung dieser Werte um die ganze Welt. Die Arbeit vieler Regierungen, die immer demokratischer und ziviler werden, sorgt so mit Hilfe der NGOs für den weiteren Aufschwung der Gesellschaften.

Der Verlust der alten Stärke der Familie führt dazu, dass sich die Werte immer mehr auf die ständig zunehmenden Institutionen des öffentlichen Lebens verteilen und sich das gesellschaftliche Zentrum, dem sie eigentlich entstammen, leert. Dies stellt eine Bedrohung für den Weiterbestand und das Vertrauen in die von Gesetz und Recht vertretenen Werte dar, die von den Institutionen des öffentlichen Lebens geschützt werden. Wirtschaftliche und politische Entwicklungen, die auf die eine oder andere Weise die modernen gesellschaftlichen Strukturen erschüttern, könnten aufgrund dieses zentralen Wertevakuums die Wirkung der Institutionen des öffentlichen Lebens leicht außer Kraft setzen. Dafür ist die neo-liberale Krise in Argentinien von 2002 ein Beispiel.

Die Bedeutung der Familie

Während unsere Institutionen im Zeitalter der Aufklärung verweltlicht wurden, war auch die Familie, deren Struktur religiös geprägt und stabil war, von Veränderung betroffen. Die Modernisierung konnte jedoch die weltliche Dimension der Familie und ihre Bedeutung nicht klar genug darstellen. Das in der Familie übliche Teilen von Verantwortung und die Gemeinschaft als unnütz zu betrachten, war der Hauptgrund dafür, sie hinter sich zu lassen. Aber ist es denn nicht Ausdruck der Unendlichkeit der Liebe, den geliebten Ehepartner als ewigen Lebenspartner zu sehen? Die Dimension der Liebe, die wir für unsere Eltern, Geschwister, Ehepartner und Kinder empfinden und die sich über Zeit und Raum hinweg setzt, zeigt uns die Bedeutung der Familie in der Welt. In ihr erleben wir im Idealfall Liebe, Treue, Mitgefühl und Selbstlosigkeit. Nehmen wir einen Baum als Beispiel: Von seinen Samen über die Früchte bis hin zu den Blättern, von seinem Schatten bis zu seinen Ästen zeigt er, wie die Natur im Kern Gemeinschaft organisiert. Für uns ist das wichtigste Bedürfnis in unserem Leben, mit der Familie einen Ort zu haben, an den wir uns von den Schwierigkeiten und Sorgen, mit denen wir zu tun haben, zurückziehen können. Die Familie ist die letzte Verbindungsstufe zur Natur und zur Welt für den Menschen von heute im virtuellen Geflecht der modernen Technologie.

Wenn wir unsere universellen Normen und ihr Fortbestehen schützen wollen, müssen wir die Institution Familie stärken, da in ihr moralische Werte vorhanden und gültig sind. Selbst wenn diese Werte potentiell bei jedem liegen, einfach aufgrund der Tatsache, dass er ein Mensch ist, so hat die Familie als positiv wirksame Institution die Kraft, die zunehmende Last der modernen Gesellschaft abzufedern. Eine gesunde Familie trägt dazu bei, dass Werte weitergegeben werden und gelebt werden. Mitgefühl und Mitleid, wie sie beispielsweise zwischen Mutter und Kind bestehen, tauchen nirgendwo anders auf. Treue und Selbstlosigkeit, die auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhen, wie es sie zwischen Eheleuten gibt, zeigen sich nur stolz auf den Gesichtern von Paaren, die ein Leben lang zusammen verbracht haben. Man kann von Leuten, die nie Mitgefühl und Liebe erlebt haben, nicht erwarten, dass sie das Recht verinnerlichen und sich bemühen, es einzuhalten. In der heutigen Welt, in welcher der Lärm der Kriege und Auseinandersetzungen überall lauter wird, benötigen wir heute mehr denn je die Resistenz der Gesellschaften dagegen und jede Form von System, welche diesem Ziel dient.