PKK rekrutiert tausende neue Kämpfer

PKK, Kandil, YDG-H, YPG, Kurden, Türken, Friedensprozess – in der Türkeiberichterstattung der letzten Tage tauchen viele Begriffe und Kürzel auf. Die Ereignisse in der Türkei sind auch im Kontext der aktuellen Koalitionsverhandlungen und möglicher Neuwahlen zu sehen. Um bei dieser Gemengelage die Interessen des türkischen Staates und einzelner Akteure (z.B. von Parteien) von einander unterscheiden zu können und den Überblick zu behalten, hier ein Begriffslexikon der wichtigsten Schlagwörter.

PKK: Die PKK ist eine 1978 in der Türkei gegründete Organisation, die eine marxistisch-leninistische Ideologie verfolgt und bis heute ein mächtiger Akteur innerhalb der kurdischen Bewegung ist. Die Eigenbezeichnung der PKK ist „Partiya Karkerên Kurdistan“ dt.: „Arbeiterpartei Kurdistans“). Zu ihren Zielen gehört die Durchführung einer Revolution, die Anerkennung der kurdischen Identität, politische und kulturelle Autonomie der Kurden in ihren Siedlungsgebieten bzw. die Errichtung eines eigenen Staates durch Waffengewalt. Die PKK wechselte mehrmals ihren offiziellen Namen, wird jedoch bis heute von ihren Anhängern PKK genannt. Die Organisation wird von der Türkei, den USA und der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft.

Geschichte der PKK: Nach dem Militärputsch in der Türkei im Jahre 1980 wuchs der Druck auf die Organisation, woraufhin sich viele Mitglieder nach Syrien und in den Libanon absetzten. Seit 1984 führt die PKK einen bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat. Bei diesem Konflikt, in dessen Folge in mehreren Provinzen der Türkei über Jahre hinweg das Kriegsrecht bzw. der Ausnahmezustand verhängt wurde, verloren Schätzungen zufolge bis zu 45.000 Menschen ihr Leben. Die PKK bekämpfte nicht nur türkische Sicherheitskräfte, sondern ging auch gewaltsam gegen verschiedene Gegner und Gruppierungen innerhalb der kurdischen Bevölkerungsgruppe vor, die wiederum vom türkischen Staat unterstützt und teilweise für den Kampf gegen die PKK bewaffnet wurden. Jede der verschiedenen Konfliktparteien beging schwere Verbrechen, deren Auswirkungen bis heute in der Region festzustellen sind. Die PKK unterliegt seit dem 22. November 1993 in Deutschland einem Betätigungsverbot und die Europäische Union führt sie seit 2002 als terroristische Organisation.

Friedensprozess: Im Jahre 2012 beginnen die türkische Regierung und die Führung PKK-Führung den sog. Friedensprozess. Zwar hat die türkische Öffentlichkeit keine verlässlichen Informationen darüber, was Inhalt der eigentlichen Verhandlungen ist. Doch die PKK beginnt bereits 2013 mit dem Abzug von Teilen ihrer Kampfverbände aus der Türkei. Trotz mehrerer kritischer Zwischenfälle hält der Frieden – bis sich die türkische (Interims-) Regierung im Juli 2015 dazu entschließt, neben IS-Stellungen in Syrien auch PKK-Ziele im Irak und der Osttürkei zu bombardieren. Daraufhin nannte die PKK den Friedensprozess „bedeutungslos“. Wenige Tage später erklärte dann der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan den Friedensprozess für beendet. Mehr zum Abbruch der Friedensverhandlungen lesen Sie hier.

PKK: Komplexe Organisationsstruktur, tausende Kämpfer

KCK: Ab 2002 nannte sich die PKK-Organisation „Freiheits- und Demokratiekongress Kurdistans“ (Kongreya Azadî û Demokrasiya Kurdistanê, kurz KADEK), später Volkskongress Kurdistan (Kongra Gelê Kurdistan, kurz KONGRA GEL). Ab 2005 trat die „Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan“ (Koma Komalên Kurdistan, kurz KKK) in Erscheinung, die ab 2007 „Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans“ (Koma Civakên Kurdistan, KCK) heißt. Die KCK ist heute die Dachorganisation der PKK und versteht sich als zentrales Organ für alle Kurden in der Türkei, Syrien, dem Irak und dem Iran. Abdullah Öcalan ist der Führer der Organisation, er wird auf Grund seiner Inhaftierung jedoch durch einen Exekutivrat aus Mitgliedern des KONGRA GEL vertreten. Innerhalb der KCK gibt es fünf wichtige Unterabteilungen, die für Ideologie, soziale Belange, Politik und militärische Aktivitäten zuständig sind, sowie eine Frauenabteilung. Mehr zu der PKK/KCK Struktur lesen Sie hier.

HPG: Die Volksverteidigungskräfte (Hêzên Parastina Gel, kurz HPG) bilden den militärischen Arm der PKK. Bis 1986 hieß der militärische Arm „Freiheitskräfte Kurdistans“ (Hêzên Rizgariya Kurdistan, kurz HRK), danach bis 2000 „Volksbefreiungsarmee Kurdistans“ (Artêşa Rizgariya Gelê Kurdistan, kurz ARGK), bevor sie ihren jetzigen Namen erhielt. Die HPG verfügt Schätzungen zufolge über mehrere Tausend Kämpfer – darunter bis zu einem Drittel Frauen, die in Kampfverbänden mit dem Namen „YJA STAR“ organisiert sind. Die HPG oft lokal organisierten HPG-Einheiten nutzen die Taktiken des Guerillakrieges.

Kandil: Seit dem Ende der Neunziger Jahre liegt das HPG-Hauptquartier in den unzugänglichen Kandil-Bergen im Nordirak. Dort verfügt sie über zahlreiche Bunker- und Trainingsanlagen. In den Friedensverhandlungen stimmte die PKK dem Rückzug ihrer Kampfeinheiten aus der Türkei zu. Türkische Sicherheitsbehörden gehen jedoch davon aus, dass die HPG zumindest in den Provinzen Bingöl, Diyarbakır, Hakkari, Muş, Şırnak, Tunceli und Van immer noch über Kampfgruppen verfüge.

Die neue Waffe der PKK: Die „Stadtguerilla“

YDG-H: Türkische Sicherheitsexperten warnen jedoch davor, die PKK habe den Friedensprozess zur Umstrukturierung in „urbane Kerne“ und nicht zur Abrüstung genutzt. Dabei kommt der PKK-Untergruppierung „Revolutionäre Patriotische Jugendbewegung“ (türk. Yurtsever Devrimci Gençlik Harekatı, kurz YDG-H, kurd. Tevgera Ciwanen Welatparêz Yên Şoreşger) eine Schlüsselrolle zu. Die YDG-H versteht sich selbst als „Stadtguerilla“ und ist besonders in den Städten Cizre, Nusaybin, Diyarbakır und kurdisch dominierten Nachbarschaften in Istanbul organisiert. Ihre Mitglieder sind meist bewaffnete Jugendliche, die türkische Sicherheitskräfte immer wieder in gewaltsame Straßenschlachten verwickeln.

ÖSB: Die sog. „Selbstverteidigungseinheiten“ (türk. Öz Savunma Birliği, kurz ÖSB,) stehen derzeit zwar weniger im Fokus als beispielsweise die YDG-H. Die ÖSB kann jedoch als direktes Bindeglied zwischen der HPG-Führung in Kandil und den ihnen unterstellten urbanen YDG-H-Gruppen betrachtet werden. ÖSB-Mitglieder wurden laut türkischen Sicherheitsexperten meist von der HPG militärisch ausgebildet und führen in einigen Teilen der Türkei illegale Aktionen durch, die teilweise an nachrichtendienstliche Tätigkeiten erinnern, z.B. Aufklärung von möglichen Anschlagszielen, Festnahme oder Exekution politischer Gegner und Repräsentanten des türkischen Staates. Das Netzwerk aus YDG-H und ÖSB rief außerdem in einigen Städten „befreite Zonen“ aus, in denen die YDG-H eigene „Sicherheitseinheiten“ und „Volksgerichte“ betrieb. Mehr zu den YDG-H/ÖSB Aktivitäten hier.

TAK: Eine weitere Organisation mit klarem PKK-Bezug ist die Gruppe „Freiheitsfalken Kurdistans“ (Teyrêbazên Azadîya Kurdistan, kurz TAK), die in der Vergangenheit vor allem durch Anschläge auf Wirtschaftseinrichtungen und andere zivile Einrichtungen hervortrat. Unklar ist, in wie weit die TAK heute noch als eigenständige Gruppe aktiv ist oder in die ÖSB bzw. die YDG-H-Struktur eingebunden wurde. Für eine solche Entwicklung spricht jedoch, dass sich der Fokus der TAK auf Operationen in urbanen Räumen („Stadtguerilla“) mit dem der ÖSB bzw. dem der YDG-H decken.

Abdullah Öcalan: Gründer und Führer der PKK, nominelle KCK-Spitze, 1999 in Kenia verhaftet und seitdem auf der Gefängnisinsel İmralı in der Türkei inhaftiert. İmralı findet auch als Synonym für Öcalan Anwendung.

Cemil Bayık/Bese Hozat: Doppelspitze des KCK-Exekutivrats.

Murat Karayılan: Seit 2013 Oberkommandierender der HPG.

Darüber hinaus ist die PKK über die Grenzen hinaus aktiv und es existieren eine Vielzahl an mit ihr verbundener Schwesterorganisationen, die ebenfalls in politische, gesellschaftliche und militärische Unterorganisationen gegliedert sind.

Türkei bombardiert PKK, USA kooperiert mit YPG in Syrien

PYD:Partei der Demokratischen Union“ (Partiya Yekitîya Demokrat, kurz PYD) ist die Schwesterorganisation der PKK in Syrien und wurde im September 2003 gegründet. Sie erkennt in ihrer Satzung Abdullah Öcalan als Führer und KONGRA GEL als höchste legislative Gewalt der Kurden an. Sie ist damit Teil der PKK-Dachorganisation KCK.

YPG: Die „Volksverteidigungseinheiten“ (Yekîneyên Parastina Gel, YPG) bzw. „Frauenvolksverteidigungseinheiten“ (Yekîneyên Parastina Jin, YPJ), ist der militärische Arm der PYD. Im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist die YPG ein wichtiger Verbündeter der US-geführten Koalition. Mehr zur Struktur der PYD/YPG lesen Sie hier.

PJAK: Auch im Iran ist die PKK aktiv, vor allem durch die „Partei für ein Freies Leben in Kurdistan“ (Partiya Jiyana Azad a Kurdistanê, kurz PJAK). Sie ist Teil der PKK-Dachorganisation KCK und verfügt über eine speziell für Frauen geschaffene Abteilung, die „Union der Frauen Ostkurdistans“ (Yekitîya Jinên Rojhilatê Kurdistan, YJRK), eine Jugendabteilung, die „Union der Jugendlichen Ostkurdistans“ (Yekitîya Ciwanên Rojhilatê Kurdistan, YCRK) und eine auf Presse- bzw. Propagandaarbeit speizialisierte Abteilung, die „Union der Demokratischen Presse“ (Yekitîya Ragihandina Demokratîk, YRD). Sie verfügt ebenfalls über bewaffneten Arm, die „Verteidigungseinheiten Ostkurdistans“ (Yekîneyên Parastina Rojhilatê Kurdistan (YRK) (früher „Ostkurdistankräfte“ / Hezên Rojhilatê Kurdistan, HRK). Die weiblichen Kampfverbände sind in der Hêzên Parastina Jinê (HPJ) organisiert. Mehr zur PKK-Struktur im Iran, dem Irak und Deutschland lesen Sie hier.

Buchtipp: Ein aktuelles Buch über die Ideologie der PYD und die Organisation YPG ist Revolution in Rojava.