Fast in jedem türkischen Haushalt ist sie zu finden: Die Tesbih, eine Gebetskette vergleichbar mit dem christlichen Rosenkranz. Ebenso wie dieser hat sie meist 99 Steine. Auf der einen Seite dient sie als Zählhilfe für den sogenannten islamischen „Dhikr“, das Gedenken Allahs nach den täglichen Pflichtgebeten. Dabei werden bestimmte Namen und Eigenschaften Gottes in bestimmter Anzahl (11, 33, 99 mal) wiederholt. Auf der anderen Seite sind in der Türkei besonders die Tesbihs mit 33 Steinen ein Symbol der Männlichkeit, mit dem man auch oft Stress im Alltag abbaut.

Die Preise für so eine Gebetskette können sehr unterschiedlich sein und hängen von der Verarbeitung, dem Wert der Steine und dem Alter der Tesbih ab. Während man für einige Türkische Lira vor den Eingängen der Moscheen einfache Tesbihs von den Straßenverkäufern erwerben kann, zeigt eine Börse in der zentralanatolischen Stadt Kayseri, wie groß die Preisspanne ist – eine einzelne Tesbih kann durchaus den Wert eines Autos erreichen.

Denn die Gebetskette ist auch ein beliebter Geschenkgegenstand und ein wichtiges Kulturgut. In den Tagen sind hunderttausende Pilger aus Mekka zurückgekehrt. Sie bekommen Besuch von ihren Verwandten und Bekannten. Neben den Ereignissen, über die oft emotionsgeladen berichtet wird, bekommen die Besucher Zamzam (Wasser aus dem heiligen Brunnen in Mekka) und Datteln angeboten. Beim Abschied erhalten sie dann ein Geschenkpaket, in dem sich auch eine Tesbih befindet.

Unter Insidern ist die Börse in Kayseri wohlbekannt. Seit rund 15 Jahren kommen die Tesbih-Anbieter im Erdgeschoß eines Hauses im Bezirk Merkez Melikgazi zusammen und präsentieren ihre Waren.

Sadık Yeşilyurt ist einer von ihnen.  Seit 40 Jahren verlasse er sein Haus nicht ohne seine Tesbih, erzählt er der Nachrichtenagentur Doğan und fährt fort: „Die Tesbih ist das Accessoire des türkischen Mannes und 90 Prozent der Männer im Lande verwenden sie. In der Türkei kommen die Tesbih-Kenner hier zusammen, um eine neue Kette zu erwerben beziehungsweise umzutauschen.“

Sehr beliebt sind die Bernstein-Tesbihs aus osmanischer Zeit („Sıkma Osmanlı Kehribarı“). Die Kugeln dieser Ketten bestehen aus einem speziellen schwarzen Bernstein, der in der osttürkischen Provinz Erzurum abgebaut wird, und sind meist reich verziert. Je nach Qualität des Materials und der Verarbeitung können diese auf der Börse bis zu 10.000 Euro kosten.

Die Umgangsform mit einem Tesbih sei sehr wichtig, betont der 54-Jährige Yeşilyurt. Es gehöre sich nicht, in der Öffentlichkeit die Kette hin- und her zu schwingen, wie es heutzutage von vielen Jugendlichen in der Türkei gemacht werde. Das entspreche nicht den Höflichkeitsformen der türkischen Gesellschaft.