Die türkisch-arabischen Beziehungen am Scheideweg

MEINUNG Welches Interesse hat die Türkei an Beziehungen zur arabischen Welt? Oder andersherum: „Was bringen intakte Beziehungen zur Türkei den Arabern?“ – Türken und Araber benötigen in Zeiten wie diesen vor allem eines, nämlich ihre Geschichte und Gegenwart zu erkennen und zu verstehen, dass die Beziehungen zwischen Völkern nie konstant sind, sondern immer im Fluss, und dass sie nicht Gefühlen, sondern gemeinsamen Interessen folgen.

Mit Blick auf die arabische Haltung zur Türkei spielen vor allem die Geschehnisse der letzten fünfzig Jahre vor dem Fall des osmanischen Kalifats eine Rolle. Zu jener Zeit wurden die durch ihre religiösen Überzeugungen verbundenen Araber und Türken gleichermaßen von der politischen Bühne gefegt und stattdessen haben die Irrungen und Wirrungen sowohl des türkischen Turanismus als auch des arabischen Nationalismus Platz gegriffen. Die westlichen Länder haben diesen Trend gefördert und haben zumindest die Araber sich selbst überlassen. Damals dachten sogar viele daran, im Schatten der Türken einen gemeinsamen arabischen Staat zu gründen. Das Ergebnis dieser Bestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg war jedoch enttäuschend und ernüchternd. Sowohl arabische als auch türkische Territorien wurden von den westlichen Ländern besetzt und gespalten.

Die lange Geschichte, die so wenige im Gedächtnis behalten zu haben scheinen, ist der Anknüpfungspunkt, welcher die Araber mit den Türken verbindet. Damals waren die Türken auf der einen Seite die Verfechter des Islam, auf der anderen Seite auch dessen Verteidiger. In den fünfzig Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hat dann beiderseits der aufkommende Gedanke des Nationalismus zu einer Abkühlung des Verhältnisses geführt. Vor allem in der letzten Phase dieser Entwicklung hat sich unter den Arabern der Gedanke entwickelt, die Türken hätten sie im Stich gelassen und ausgebeutet.

Durch wechselseitige Interessenpolitik entzweit

Die Türken haben hingegen ihrerseits geglaubt, die Araber hätten sie verraten oder während des Krieges in ihrer schwierigen Situation alleine gelassen. Aufgrund der durch den Islam bestehenden Beziehungen zwischen beiden Seiten hat man in der Türkei die Araber immer als die Quelle des Islam und im Lichte ihrer Bedeutung für den daraus entstandenen gemeinsamen Kulturschatz angesehen, doch man gewann auch den Eindruck und hieß es nicht gut, dass die Araber fremde Eindringlinge unterstützten.

Die Türkei hat sich später ihrerseits von der arabischen Welt abgewandt und sich das gesamte 20. Jahrhundert über an den Westen angelehnt. Ankara hat sogar mit Israel militärische und wirtschaftlich starke Beziehungen aufgebaut. Viele arabische Länder haben wiederum vor allem mit Blick auf das für die Türken sehr sensible Thema Zypern eine Politik gegen die Interessen der Türkei verfolgt.

Mittlerweile ist es für die betroffenen Völker nicht mehr die passende Zeit, um über verschüttete Milch zu weinen. Denn wenn dem so wäre, gäbe es heute zwischen Deutschland, Frankreich und den anderen europäischen Staaten – die untereinander Kriege geführt hatten, welche für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich waren – keine wirtschaftliche und politische Gemeinschaft und es hätte sich nicht einmal zwischen den USA und Großbritannien halb-heilige Allianz finden können.

Weil sich die Verhältnisse stetig ändern, entwickelt sich die Menschheit unabhängig von vergangener Feindseligkeit und Feindschaft. Wichtig für die türkisch-arabischen Beziehungen sind alleine das Hier und Jetzt und die Zukunft. Mit dem Ziel, für die Vision einer besseren Zukunft noch mehr Raum zu schaffen, wurde kürzlich in Istanbul ein Arabisch-Türkisches Forum gegründet. Das Gründungskomitee lancierte am Ende des Forums einen Aufruf, wonach all jene, welche dabei behilflich sein möchten, die kulturellen Beziehungen zwischen der türkischen und der arabischen Kultur sowie den Horizont und die wechselseitige Toleranz zu erweitern, herzlich willkommen seien.

Warum der arabische Raum wieder auf die Türkei blickt

Die Türkei hat wohl erst durch Turgut Özals Liberalisierung der Wirtschaft gegen Ende der 80er-Jahre große Fortschritte in seiner ökonomischen und politischen Entwicklung machen können, doch diese sind nicht ganz ohne Probleme verlaufen. In den letzten zehn Jahren wurden zudem Stabilität hergestellt, Intoleranz überwunden und mit einer erfolgreichen Symbiose aus Tradition und Moderne der Weg für mehr Prosperität freigemacht.

Die arabische Welt hat diese Entwicklungen mit Bewunderung beobachtet, doch ihre Beurteilungen sehen anders aus. Drei Faktoren haben die Araber am Ende dazu bewegt, die moderne Türkei intensiver zu studieren: Erstens, die Haltung der türkischen Führung in der Palästina-Frage. Zweitens, die türkischen Fernsehserien, die Araber auf den neuen Reichtum der Türkei aufmerksam gemacht haben. Und drittens der Erfolg einer politischen Entwicklung, welche die traditionelle Basis der politischen Führung – den Islam – mit modernen Ideen vereinigt.

Aus Sicht vieler arabischer Politiker und Geistlicher bleibt die Situation unübersichtlich. Einige extreme Bestrebungen gingen davon aus, dass der Erfolg der Türkei der Erfolg eines politischen Islam sei. Andere sehen ihn als einen Erfolg einer durch die Politik hergestellten Rechtsstaatlichkeit – in Form einer Vereinigung der tiefen und verwurzelten Traditionen der türkischen Bevölkerung mit modernen politischen Institutionen. Ich neige zur letzteren Einschätzung.

Erschienen in der Scharkulewsat Zeitung, Ausgabe vom 15. Dezember 2012.